Im Stundenlohn

Paul Ignaz Vogel

Im Stundenloh

Eine junge Floristin heiratet, wird Mutter. Ihr Mann verlässt sie. Erinnerungen schmerzen. Die allein erziehenden Mutter wird vom sozialen Netz in einer ländlichen Gesellschaft getragen; der gewerbliche Stundenlohn reicht nicht zur Existenzsicherung.

Rebekka Liechti (Pseudonym) und ihr achtjähriges Kind wohnen gleich neben einer Hauptstrasse zwischen zwei Dörfern. Dahinter verkehrt die Bahn mehrmals pro Stunde. Jenseits der viel befahrenen Verkehrsstränge liegt eine ländliche Gewerbe- und Industriezone.

Das grössere Ganze

Aufgewachsen ist Rebekka (36) in der Stadt. Ihre Eltern wohnen immer noch dort. Die Grosseltern sind für das achtjährige Mädchen wichtig, weil dieses in den Ferien viel bei ihnen sein darf. Rebekka lebte in ihrer Ehezeit in einer Nachbarstadt. In der Wohnung, in die Rebekka nach ihrer Scheidung zog, hatte ihre Grossmutter gewohnt. Die Herkunftsfamilie ist neben einer christlichen Gemeinde für Rebekka immer noch das grössere Ganze, in welches sie sich eingebettet fühlt.

Floristin mit Leidenschaft

Um einen Beruf zu ergreifen, schnupperte Rebekka zum Ende ihrer Schulzeit bei der Post. Der Vater hatte ihr den Beruf der Betriebsassistentin empfohlen, da dieser sicher sei. Eine falsche Annahme, wie Rebekka heute meint. Schliesslich entschied sie sich für den Beruf der Floristin. „Ich habe schon in der Schulzeit immer Wiesensträusse gemacht“, sagt Rebekka, und: „In diesem Beruf wird es nie langweilig, es wird immer wieder neu, es hört nie auf.“ Seit ihrer Lehre hat sie zu 100% bis zur Niederkunft gearbeitet. Heute ist sie zu rund zu 40% im Stundenlohn angestellt. Sie erhält unter 20 Franken Stundenlohn.

Irgendwie da

„Es geht mir gut für meine Verhältnisse, andere würden sagen schlecht“, meint Rebekka. Seit ihrer Geburt bestehende Knieschäden konnten operativ behoben werden. Wegen Rückenproblemen lässt sie sich massieren. Psychisch erlebte sie vor etwa einem halben Jahr einen Zusammenbruch. Rebekka: „Die Jahre, die ich allein da bin - die zu grosse Belastung, für alles alleine schauen!“ Zudem ist ihr Ex-Mann wieder Vater geworden, was vieles aufgewühlt hat. Rebekka hat die Bébésachen auf dem Estrich verstaut. Sie sagt: „Eigentlich wollte ich drei, vier Kinder haben.“ Nach ihrer psychischen Krise nahm sie, vom Arzt verschrieben, Antidepressiva. „Es ist mir nicht
mehr schlecht gegangen, aber auch nicht gut. Ich war irgendwie da, gefühllos.“

Einkommenshilfe durch öffentliche Hand

Mit den Alimenten reicht das Einkommen als Floristin in einem Blumenladen nicht für den Lebensunterhalt. Unregelmässigkeiten in der Bezugshöhe, bedingt durch die Auftragslage, werden von Monat zu Monat vom Sozialdienst ausgeglichen. Dankbar ist Rebekka auch dafür, dass die Einwohnergemeinde die Betreuung durch Tageseltern für ihre Tochter, Bauersleute vor Ort, massiv subventioniert. Die REKA hat ihr und ihrem Kind ein Woche Skiferien offeriert. Und sie kann nun dank der Sozialhilfe Lebensmittel von „Tischlein deck dich“ beziehen.

Nicht arm

Auch Porträts von Betroffenen im Mediendienst Hälfte / Moitié hat Rebekka eingehend studiert und findet sie gut. So kann sie sehen, wie es andere machen. “Trotz allem fühle ich mich nicht arm, denn es gibt ja Vieles, das ich mir leisten kann, auch ohne Geld. Geld ist eben nicht alles. Ich bin dafür reich beschenkt mit Freundschaften“, meint Rebekka.

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