Die Aura der Ariane Lugeon

Paul Ignaz Vogel

Eine schöne Frau fotografiert sich selbst und ihre direkte Umgebung damit. Der Selbstauslöser gehört zum Bild. Es entstehen gefundene, eigentlich erfundene Augen-Blicke aus den Tiefenwelten unseres seelischen Daseins. Ironie ergibt sich automatisch und durchzieht unterschwellig das ganze Schaffen der Künstlerin.

tl_files/haelfte/theme/Bilder/artikel/arianne_lugeon/ariannelugeon_1.jpg„Ich bin freischaffende Künstlerin, geboren am 20. Juni 1974 in Biel/Bienne, aufgewachsen in Burgdorf.“ So stellt sich Ariane Lugeon, eine Fotokünstlerin auf ihrer Website vor. Sie inszeniert sich zwischen zwei Welten, zwischen der sogenannt realen und den geoffenbarten Tag-Träumen, dem Imaginären, dem Vorgestellten. Tatsächlich, es könnte so sein. Es ergeben sich dichte Bilder von Ungewöhnlichem, wir finden Verspieltes, Genrehaftes, auch Provokatives, feine Emotionen, die aus der Seele von uns Menschen hervor geholt werden. Wir stehen als Betrachter schliesslich mit Distanz da, und Ariane Lugeon gibt sich als Betrachtete dem ganzen Bild hin, zu dem sie gehört. „Ich stelle mich zur Verfügung um etwas auszudrücken, in einer fremden und vertrauten Umgebung,“ sagt die Fotokünstlerin. Eine Performance des Daseins also.

Sich einfügen

Ariane Lugeon fügt sich ein in die Bildkompositionen, die sie sich erdacht hat. Zuerst findet sie den Ort, den Umstand, sieht ihn im inneren Auge, misst die Lichtverhältnisse. Kehrt dann zurück mit der Digitalkamera („camera et moi“) und knipst sich selbst ab. Kürzlich fand sie die Rundungen von Streben einer Beton-Autobahnbrücke, setzte sich hinein, wie ein Kind beim Seilhüpfen – und drückte ab. Dabei trug sie den Hochzeitsrock ihrer leiblichen Grossmutter. Oder sie steht im Winter vor eine Eiswand an einer Sandstein-Fluh des schweizerischen Mittellandes, im leichten Sommer-Abendkleid, reckt sich und leckt an einem Eiszapfen. Das Thema heisst dann „SchneeWITCHchen“. Traumhaft auch ihr kriegerischer Auftritt um gerollte Heuballen auf dem abgemähten Feld, die Inszenierungen mit der Wäschetrommel, dem verknoteten Staubsaugerrohr, alles Utensilien einer Haushaltführung, der Einsitz in der geschmäcklerischen Neureichenvilla, mit Tischchen und künstlichen Früchten aus Glas darauf. Ihr Hund Cherif zerpflückt die Federn eines Duvets auf dem karminroten Federbett, und Ariane Lugeon schaut zu und knipst ab („Herr und Frau Holle“). Wir blicken in Tiefgründiges der Märchenwelt. Frappierende Szenerien, in die sich die Künstlerin begibt, so, wie sie gesehen werden möchte. Anerkennung war immer noch die beste Existenzform im gesellschaftlichen Dasein.

Alles gehört ins Bild

tl_files/haelfte/theme/Bilder/artikel/arianne_lugeon/ariannelugeon_2.jpgAuch die Aura gehört ins vollendete Bild. Daher arbeitet Ariane Lugeon immer nur mit einem Selbstauslöser. Auch das Hilfsmittel wird ins Bild mitgenommen, gehört dazu, ein Wegretuschieren mit einem elektronischen Programm käme für die Künstlerin nicht in Frage. Ebenso wenig das Fotografieren durch eine andere Person. Ariane Lugeon ist sich selbst schon fremd genug. Sie stellt sich beim Fotografieren und beim Selbst-Fotografiert-Werden so vor, wie sie erscheinen möchte, wie sie hineinpassen mag in ihre erfundenen und gefundenen Bilder. Das kann ihr tatsächlich niemand abnehmen, oder ihr gar diktieren. Ihre Aura spürt die Künstlerin alleine selbst, ihre Selbstfindung geschieht an gewohnten und ungewohnten Orten, oft in befremdenden Konstellationen. Ariane Lugeon: „Ich habe ja schon im mir öfters ein Spannungsfeld.“ Kunst entspringe nur, wenn man sie zulassen kann, Ruhe dazu hat, meint sie. Als ihr in der Küche ein Hängegestell abbrach und viel schönes und andenkenswürdiges Geschirr am Boden zersplitterte, kam nach dem Ärger die Ruhe, und somit die Idee. Es entstand die neue Fotoserie „Desperado housewife“.

Weich und ironisch

In der Welt, die nicht aufgeht, hat Ariane Lugeon an einer Performance auf dem mili-tärischen Flugplatz Payerne teilgenommen. Aufgestellt waren Kampfflugzeuge, Jäger. Härte des Militärs. „Ich stricke sehr gerne,“ sagte die Künstlerin. Und so strickte sie für jene Performance eine Terroristenkappe, quasi in der Rolle einer fiktiven Soldatenmutter in einem unerklärten Krieg. Zwei Welten, die nicht zusammenpassen. Ariane Lugeon kommentiert das: „Ich tue ja niemandem etwas weh, wenn ich stricke.“ In der Schule hat sie das Stricken gelernt, als sie 25-jährig war, nahm sie dieses Handwerk wieder auf. Zur Textil-Formung schreibt sie auf ihrer Website: „Ich arbeite gerne mit weicher Materie. versuche Altes zu erneuern und zukunftsträchtig zu regenerieren. Das textile Design ist ein sanftes Arbeiten und der rote Ariadne-Faden bahnt sich seine Wege der Entwicklung.“ Einen Beitrag zur Objektkunst gestaltet Ariane Lugeon mit einen Totenkopf, Stielaugen und Zünglein. Motto: Die sieben Todsünden. Für eine Gruppenarbeit erhielt sie den Auftrag, die Wollust zu gestalten. Im ersten Desinteresse für diese Thematik meinte Ariane Lugeon, es ginge um die Gestaltung mit Wolle. Um die Woll-Lust und um die Wolle. Das Wohlfühlen und die Lust, die Wohl-Lust, auch Wollust genannt mag etwas Anderes bedeuten. Ironie gewiss. Ach ja. Aber auch das still Satirische und leise Kritische schwingt im Schaffen der Künstlerin mit, nicht nur das Ästhetische.

Siehe auch: www.arianelugeon.ch

 

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