Emanzipation der Benachteiligten: Mehr Öffentlichkeit für die Armen

Paul Ignaz Vogel

Die Schweiz braucht mehr Gleichberechtigung und Emanzipation für die Benachteiligten. Und mehr Glauben an die Mitbestimmung der Menschen von ganz unten in der Gesellschaft. Sie sollen ihre Stimme erheben. 

Denn die einen sind im Dunkeln 
und die andern sind im Licht 
und man siehet die im Lichte 
die im Dunkeln sieht man nicht. 

Bertolt Brecht, Dreigroschenoper

Heute heisst das so: Denn die Jagd auf die Schwächsten ist angesagt, weil dies populär ist. Hetze gegen Flüchtlinge aus der Fremde, Hetze gegen Armengenössige im eigenen Land. Und die Kommerzmedien profitieren davon. 

Darum braucht die Schweiz als Gegengewicht unbestechliche Menschen mit Zivilcourage und Engagement, unabhängige Medien. Wir brauchen Öffentlichkeit auch für die Menschen am unteren Rand der Gesellschaft. Ihre Stimme soll ertönen – und gehört werden. 

Menschenrecht auf Beschwerde 

Ich stelle mir eine Tischlein-deck-dich-Situation vor. Über 500 Armutsbetroffene aus allen Landesteilen sitzen in einem Fest-Zelt auf dem Bundesplatz zu Bern und werden reichhaltig verpflegt. Die Armen sind mit einem Transportgutschein des öffentlichen Verkehrs gratis in die Bundeshauptstadt Bern gereist. 

Die Diskussion über Beschwerden, Forderungen und Wünsche endet mit der Verabschiedung einer Resolution, deren Entwurf mit der Einladung zu dieser Tagsatzung der Armen in Bern verschickt worden war. Gerichtet ist die Resolution an die Eidgenössischen Räte und an die Öffentlichkeit in Bund und Kantonen. 

Zum Schluss der Tagsatzung wird ein siebenköpfiges Observatorium gewählt. Dieses Observatorium amtet während einer eidgenössischen Legislaturperiode von vier Jahren und beobachtet Fortschritte und Rückschritte in der Behandlung der eigenen Anliegen. 

Solidarität erzeugen

Wie wird das organisiert? Zuerst Erstellen einer Beschwerdeliste (Cahiers de doléances) durch Selbsthilfegruppen der Armen in der Schweiz. Es könnten Fachhochschulen für Soziales, Universitäten und die Schweizerischen Konferenz für öffentliche Sozialhilfe (SKOS) mithelfen. Ein einheitlicher Fragebogen über Beschwerden, Kritiken und Wünsche der Armutsbetroffenen wird in den drei Landessprachen verfasst. Die Konferenz der kantonalen SozialdirektorInnen (SODK) organisiert über die Sozialhilfestellen den Feinverteiler.  

Die Beteiligung an der Umfrage ist freiwillig. Wer antwortet, nimmt automatisch an einer notariellen Verlosung durch die SODK teil. Die GewinnerInnen erhalten eine Einladung zur Armen-Tagsatzung in Bern. 

Die Armutsgenössigen hätten unserer Gesellschaft viel Wichtiges mitzuteilen. Auch über die Situation dort unten, wo sie leben müssen.

Wer macht mit bei diesem Projekt? 

Zur Person:

Paul Ignaz Vogel, * 1939, Publizist, gründete 1963 die Zeitschrift Neutralität (1974 eingestellt). Kalter Krieg. 1996 Gründung des Mediendienstes Hälfte / Moitié zur Arbeit und Erwerbslosigkeit www.haelfte.ch.

 

Ps. Dieser Artikel ist ebenfalls im Strassenmagazin Surprise, 11.September 2015 als Beitrag zu den eidgenössischen Wahlen erschienen.

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