Menschen von anderswo

Paul Ignaz Vogel

An der Haltestelle Sulgenau steigt er ein, ein gedrungener Mann, mit markantem Kopf, leicht silbrigen Haaren. Schwarz gekleidet, nur der Hut ist grau. Im linken Revers des Kittels ein silbernes Kreuzchen. „Un prete“- ein Priester also aus der na­hen Missione Cattolica Italiana?

Er setzt sich mir gegen­über, lehnt sei­nen Blinden-Stock an den Sitz, zieht eine Mund-Harmonika aus dem Futteral und beginnt leise und verstohlen, dann  immer ein­dringlicher zu spielen. Volks­weisen aus Italien, unverkenn­bar. Nachdem er das erste me-lancholische Lied gespielt hat, gratuliere ich ihm. Er habe das Mundharmo­nikaspiel selbst gelernt, ohne Akademie, Konser­vatorium, Theorien. „Als ich die Augen verlor“, da sei ihm das Mu­sizieren eingefal­len.

Wir steigen beide aus, am Bahnhof Bern. Ich tippe dem Mann auf die Schultern, be­danke mich, ermuntere ihn, weiter zu machen: „Sie bereiten den Men­schen viel Freude mit Ihrem Spiel“.  

So sind wir ein winziges Stück Lebensweg zusammen Bus gefahren, und ich wurde durch die Kul­tur einer Bevölkerungsgruppe erfreut, die nicht zur Mehrheit in der Schweiz gehört. GastarbeiterInnen nannten wir sie früher, und von Max Frisch stammt der Ausspruch: „Wir haben Arbeitskräfte gerufen – und es ka­men Menschen“. MigrantInnen aus der ersten und zweiten Generation, Secondos und Secondas aus Italien und anderswo. Die Geschichte setzt sich fort, und die Schweiz sollte noch heute zur zweiten Heimat für so viele Menschen von anderswo werden.

Es hat also viel mit Menschlichkeit zu tun, wenn wir im Alltag leben, stets mit einem Ge­gen­über, das attraktiv verschieden von mir selbst ist. Mit beglückenden Unter­schie­den in der Vielfalt unserer Ge­sellschaft.

Nur der gewählte und immer noch amtierende Stadtpräsident von Bern fand es rich­tig, sie in einer öffentlichen Schau die Bevölkerungsgruppe der ItalienerInnen herabzu­würdigen, mit einem Witz über die angebliche - angeborene ? - Arbeits-Faulheit zu ver­spotten. Die Bevölkerungsgruppe der Gast-ArbeiterInnen von anno dazumal.

Doch Minderheitenschutz, das wäre Pflicht der demokratisch gewählten Mehrheit. Zu der auch der immer noch amtierende Stadtpräsident Tschäppät gehört, der sich so gerne öffentlich über andere Menschen lustig macht.

Eine Mehrheit regiert in Bern mit der so­zialdemokratischen Partei, die Tschäppät trägt und der er immer noch angehört

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