Dölf Ogi - Ansehen und Macht

Paul Ignaz Vogel

Alt Bundesrat Adolf Ogi wurde kürzlich 70 Jahre alt. Dazu ist ein reich bebildertes Erinnerungsbuch erschienen. Es führt in die politische Kultur der Schweiz ein, lässt von der guten alten Zeit träumen, als Ansehen des Landes, Ansehen der Person und Amtsverständnis noch eine intakte Einheit bildeten.

Dölf Ogi ist Sohn der Berge. Sein Vater, Gemeindepräsident von Kandersteg, arbeitete oft tagelang als Förster in den Bergen bei Lawinenverbauungen. Sonntags ging er als Routenführer nochmals in die Berge, und damit bezahlte er das Schulgeld seines Sohnes.

Dölf ist ein Naturtalent in der Politik, im Umgang mit Menschen geschätzt und beliebt. Internationalität befruchtete ihn, war ihm Gewinn, kein Verlust. In der Jugendzeit führte der Dorfschullehrer Dölf ins politische Denken ein. In der Unterweisung erhielten die Kinder vom Pfarrer Richtlinien, was Respekt, Anstand und Toleranz bedeuten. Und die Kurgäste und die Lötschbergbahn öffneten dem Musterschüler einen weltweiten Horizont. Dölf, der eigentlich im Skifahren Karriere machen wollte, entschied sich gemäss dem Willen des Vaters anders. Blieb aber stets dem Sport verpflichtet und brachte es immerhin bis zum Bundesrat der Schweizerischen Eidgenossenschaft von 1987-2000. Ein guter Kollege im Kollegialitätsprinzip war er. So führte er unter anderem die Sozialdemokratin und Gewerkschafterin Ruth Dreifuss in den Habitus und den Verhaltenskodex eines Bundesratsmitgliedes ein, indem er sie nach ihrer Wahl zur Besprechung in einen bernischen Landgasthof zum Essen einlud.

Später wurde Ogi von Kofi Annan in die UNO berufen und amtete dort von 2001-2007 als Untergeneralsekretär und Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden. Kofi Annan, einst UNO-Generalsekretär, widmet Ogi einen Einleitungstext des Buches.

Ein schiefes Gegenbild

Aus Dank für die politische Karriere im demokratischen Staatswesen der Schweiz hält Ogi die Treue zur SVP, der heute rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei unter dem Diktat der zahlenden Zürcher Milliardäre. Das Ogi-Buch erwähnt  zwar eine zunehmende Spannung nach der SVP-Präsidentschaft von Hans Uhlmann. Die einst mittelständische Partei wurde mit anonymen Millionenspenden rasch zur einer Organisation aufgebläht, die heute an ihren Rändern zu Rassimus, Nazismus und zur Mafia ausfranst. Das Sagen in der SVP haben heute die Neureichen, die neoliberalen Wirtschafts-CEO, nicht mehr die redlichen kleinen Leute. Das muss den Bergler Ogi schmerzen.

Im Buch werden solche Spannungen zwar deutlich. Auch Ogi, einst SVP-Präsident, wurde in der Partei auf die Seite gedrängt. Blocher machte den Aufstieg. Bis er ebenfalls im Bundesrat sass und dort Amtsmissbrauch betreiben konnte, indem er Millionenspenden für die SVP von nicht deklariertem (Schwarz-) Geld entgegennahm und als amtierender Bundesrat sein Land mit dem egomanischen Slogan „SVP wählen, Blocher stärken“ zukleistern liess. Die Wahlbehörde duldete dies bekanntlich nicht und setzte den amtierenden Justiz- und Polizeiminister nach nur vier Jahren ab.

Doch das ist ein anderes Kapitel der aktuellen schweizerischen Innenpolitik, das in diesem Jubiläumsbuch nicht den nötigen Platz findet. Dennoch: Ogi sei zu seinem politischen Lebenswerk herzlich gratuliert, auch wenn man dessen Optimismus in Bezug auf die SVP nicht zu teilen vermag. Was auch für Ogis Menschlichkeit spricht: Das Buch ist seinem früh verstorbenen Sohn Mathias gewidmet.

Georges Wüthrich, André Häfliger: Dölf Ogi, so wa(h)r es! Herausgegeben von Oswald Sigg und Jürg-Stüssi-Lauterburg. Schweizer Illustrierte / Weltbild.

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