Freiheit statt Zwang bei der Arbeit

Paul Ignaz Vogel

Die Ge­werkschaften kümmern sich um die Lohnarbeit. In der Gesamtgesell­schaft zählt  jedoch das Recht auf ein existenzsi­cherndes Einkommen - vor dem abstrakten Recht auf Arbeit. Und bei den Dienstleistungen überwiegt die Gratis­arbeit. Diese ist mehrheitlich weiblich bestimmt. Gedanken zu einer UNIA-Stu­die.

Sechzig Prozent der Beschäftigten in der Schweiz arbeiten im privaten Dienstleis­tungssektor. Dieses Segment des Arbeitsmarktes wächst stetig. Im tertiären Sektor – wie man ihn auch nennt - waren 2009 insgesamt 1,7 Mio Frauen und knapp 1.5 Mio Männer beschäftigt.

Zu den Grundbedürfnissen aller Menschen gehört neben der Gesundheit, dem Dach über dem Kopf und der Nahrung auch ein ökonomisches Einkommen, um die Lebens-Notwendigkeiten zu bezahlen. Dieses Einkommen wurde bisher mehrheitlich durch die Lohnarbeit erbracht. Immer mehr stossen aber in der Gesamtgesellschaft Men­schen mit anderen Einkommen dazu, Rentenberechtigte, Sozialhilfeabhängige. Und dann gibt es auch Menschen fast ohne Einkommen. Das sind die Armutsbetroffenen. Für die un­abläs­sig steigende Zahl von Menschen ohne Lohnarbeit bedeutet das von den Gewerk­schaf­ten immer noch lautstark proklamierte Recht auf Arbeit keine Existenz­siche­rung. Diese Losung verkommt zur leeren Phrase. An ihre Stelle ist das Recht auf Einkom­men, das Recht auf Existenzsicherung getreten.

Gewerkschaften hinken hinterher

Die Gewerkschaft UNIA befindet sich also in doppeltem Rückstand zur heutigen ge­sellschaftlichen Entwicklung, auch wenn sie endlich etwas nachholt, was schon längst hätte geschehen sollen. Mit einem Büchlein zur Dienstleistungs-Lohnarbeit* hilft die Gewerkschaft UNIA mit, eine empfindliche Lücke zu schliessen. Es besteht immer noch ein erheblicher In­forma­tionsmangel über das, was sich an der Basis unserer Arbeitsgesellschaft verschiebt. 

Zu lange wurden die Privatangestellten des Dienstleistungssektors von den Schwei­zer Gewerkschaften ignoriert. Die UNIA versucht nun, diese gewerkschaftliche Wüste zu begrünen. Die Autorin und die beiden Autoren geben im Buch «Verkannte Arbeit» einen Überblick über eine Vielzahl von Aktionen, in denen Dienstleistende gemein­sam den Kampf aufgenommen haben, teilt die Gewerkschaft UNIA mit. 

Ausgebeutete Weiblichkeit 

In unserer arbeitsteiligen Gesellschaft sind die Frauen doppelt benach­teiligt. Immer noch hinken die Frauenlöhne hinter den Männerlöhnen her. Oder die Frauen werden im Arbeitsprozess in weniger verdienende Posten, schliesslich zur unbezahlten Arbeit zu Hause abgedrängt. Die UNIA-Studie hält zur Gender-Situa­tion im tertiären Sektor der Lohnarbeit fest: „In der Hauswirtschaft oder bei der Körper­pflege beträgt der Frauenanteil über 90%, bei Sicherheit und Informatik kommt er nicht über 10% hinaus. Dagegen wird unbezahlte Arbeit zu 65% von Frauen verrich­tet.“  (S. 27). Das UNIA-Büchlein berichtet dann, dass nach Berechnungen der Ökono­min Mascha Madörin gesamthaft mehr Arbeitsstunden in jenem Teil der Wirtschaft verrich­tet werden, der kei­nen Lohn bezahlt als in jenem mit Lohnarbeit. Die UNIA hält auf S. 25 lapi­dar fest: „Somit ist die unbezahlte Arbeit für das Funktionieren der Wirtschaft sehr wichtig, hat aber bis heute nicht die gebührende gesellschaftliche Anerkennung er­halten. Sie wird von der Gesellschaft gratis angeeignet. Wir werden an dieser Stelle auf diese Problematik nicht weiter eingehen und beschränken uns auf die be­zahlte Erwerbstätigkeit der Frauen.“ Warum denn wird auf diese Problematik nicht einge­gangen? Geht es hier um Verdrängung?

Neuen Ideen abhold

Hier offenbart die UNIA den doppelten Rückstand einer Gewerkschaft zur  gesellschaftli­chen Entwicklung. Die Gewerkschaftsführungen sind oft einer kreativen, weiter füh­renden Ideen­vielfalt abhold. Ängstlich klammern sie sich an die allein seligmachende Lohn­arbeit, die gesamthaft stets abnimmt. Der Diskussion über das Bedingungslose Grundein­kom­men (BGE) wird ausge­wichen, soweit es nur geht. Die Gründe dazu mögen man­nigfaltig sein, aber die Angst vor dem Neuen und noch-nicht-Erprobten herr­scht vor. Immer noch wird ein altgedientes Gesellschafts­bild vor­getragen, das zuse­hends unbrauch­bar wirkt. Es ist die fatale Idee einer aus der Hochkonjunktur stam­menden Vollbe­schäftigung, an welche sich dann Klassentheorien ketten lassen, indem der Exklusivität der Lohnarbeit als Einkommensursprung Priorität ein­geräumt wird. Es wäre zu erwähnen, dass seit den 90er-Jahren des vorigen Jahr­hunderts gesamt­haft ein struktureller Beschäfti­gungseinbruch stattgefunden hat, auch wenn die Nied­riglohnarbeiten im Dienstleis­tungssektor zunehmen, so lange die traditionelle Ar­beitsteilung durch das Bedient-werden-wollen noch wächst . Noch ist in der breiten Schicht der bes­ser Gestellten Geld vorhanden, um sich alle benötigten Dienstleistungen zu bezahlen. Aber die nächste Welle der Selbstbe­dienung ist für unsere Arbeitswelt voraussehbar und wird sie aus zwingenden Gründen des gesell­schaftlichen Wandels erfas­sen. Im Büchlein stellt die UNIA auf S. 35 Betrachtungen über die soziale Lage der Dienstleis­tungsangestellten an. Es wird theoretisch über Klasse und Mittel­stand sin­niert. Zum hehren Ziel des Monopols von Lohnarbeit  im Bereich des existenz­si­chernden Ein­kommens be­hauptet die UNIA: „Es ist nach wie vor der Lohn, wel­cher die Lebens­chancen und die Lebensqualität der Mehrheit der Men­schen mass­geblich bestimmt. Dies gilt heute umso mehr, weil die Lebenswelt zu­nehmend mo­netarisiert wird und kaum mehr an­dere Einkommens- und Subsistenz­quellen zur Verfügung stehen.“

Unabhängigkeit kontra Erpressbarkeit

Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) trägt die Idee der Freiheit und der Un­abhängigkeit eines jeden einzelnen Menschen in die Arbeitswelt voller Zwänge, Hie­rarchien und Ausgeliefertsein hinein. Ökonomische Unabhängigkeiten von Indivi­duen, aber auch von ganzen Gruppen, nicht zuletzt auch von Gewerkschaften wer­den durch das BGE ge­fördert. Denn wie steht es mit der Verweigerung? Arbeitsver­weigerung aus kollektiven oder individuellen Gründen? Dem Streik? Der ökono­misch möglichen und gesellschaftspolitisch erwünschten Ver­weigerung von Lohnar­beit? Oder von er­zwungener Gratisarbeit in ei­nem häuslichen Abhängigkeitssystem vom meist männli­chen Lohnerbringern?

Nach der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) kann zum Beispiel eine Gewerkschaft viel länger und wirkungsvoller den Arbeitskampf durch­ziehen als dies heute der Fall ist. Die Reserven der Streikkasse werden nicht so rasch aufgebraucht, denn die minimale Existenzsicherung der Streikenden ist durch das BGE gewährleistet. Voraussetzung dafür ist ein guter Organisationsgrad der Be­diensteten im tertiären Sektor. Daher ist die gewerkschaftliche Aufbauarbeit der UNIA so wichtig.

Auch im Bereich der Gratisarbeit können Menschen dem Zwang und der Abhängigkeit von einer Be­ziehung individuell eher ausweichen, wenn ihnen ein Mindestein­kommen durch das BGE garantiert wird. Im Falle von Frauen, die häusli­cher Gewalt ausgesetzt sind, wird ein Aus­scheiden aus der erpresserischen ökonomi­schen Abhängig­keit vom allfälli­gen Allein-Ernährer einfacher. Und von Fall zu Fall sicher auch leichter voll­ziehbar. Eine individuelle Streikaktion und der Auszug aus der gemeinsamen Wohnung können mitunter lebensrettend sein.

*«Verkannte Arbeit. Dienstleistungsangestellte in der Schweiz.» Andreas Rie­ger, Pascal Pfister, Vania Alleva. 180 Seiten. 2012. Rotpunktverlag. ISBN 978-3-85869-508-6, Fr. 28.-

Gegenwärtig läuft die Unterschriftensammlung zur eidgenössischen Volksinitiative für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE).

Siehe auch: http://www.bedingungslos.ch/

 

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Erwerbstätig und arm

Die vom Bundesamt für Statistik veröffentlichten Meldungen, wonach 120‘000 Erwerbstätige in der Schweiz von Armut betroffen sind und wonach die Armutsquote der erwerbstätigen Bevölkerung von 2008 bis 2010 von 5,2 auf 3,5 % zurückgegangen sei, ist erfreulich.

Der positive Gehalt dieser Meldung darf aber nicht überschätzt werden, definiert sich doch diese Armutsgrenze für eine Einzelperson bei durchschnittlich 2250 Franken pro Monat, bei einem Haushalt von 2 Erwachsenen mit 2 Kindern unter 14 Jahren bei rund 4000 Franken pro Monat.

Gleichzeitig zeigt sich ein weiteres Mal, dass Alleinerziehende – und damit zumeist Frauen – klar am stärksten von Armut betroffen sind.

Der SGB-Verteilungsbericht belegt, dass 2010 nach wie vor klar über 10 % aller Lohnbezüger/innen weniger als 4000 Franken pro Monat (Teilzeit hochgerechnet) verdienten. Deshalb bleibt die Mindestlohninitiative des SGB mit ihrer Forderung nach einem Mindestlohn von 4000 Franken dringend notwendig. Erst die Annahme dieser Volksinitiative wird zu mehr Lohngerechtigkeit und zu einer klaren Abnahme lohnbedingter Armut führen.

(Ewald Ackermann, SGB-Mediendienst, 23.10.2012)

 

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