Arbeitsleben im Dienst der Gewerkschaften

Hälfte / Moitié

Heute im Zeitalter der Informatik, des Neoliberalismus und der Desolidarisierung ist der Kampf für Solidarität unter Arbeitnehmenden und der Schutz ihrer Interessen schwierig geworden. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) hat sich mit der Zeit selbst zu einem pro­fessionellen Betrieb mit Angestellten entwickelt. Der Mediendienst Hälfte / Moitié puliziert hier ein Gespräch mit einer Sekretariatsangestellten des SGB.

Hälfte: Edith Pretto, du bist heute im Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) im Empfang, in der Telefonzentrale und in der Administra­tion tätig. Seit wann arbeitest du beim SGB?

Pretto: Ich bin am 1. März 1969 in die Dienste des SGB als sogenanntes „Bodenpersonal“ getreten. Vorher war ich in der Generaldirektion PTT beschäftigt. Dort hatte ich meine Arbeit nach dem Abschluss meines Handelsdiploms begonnen. Die Anstellung beim SGB kam durch meine Mutter zustande. Sie putzte damals bei den Fräuleins Strahm. Diese beiden Schwestern legten nämlich äussersten Wert darauf, noch mit „Fräulein“ tituliert zu werden. Das waren noch andere Zeiten als heute. Und die Fräuleins Strahm arbeiteten im Betrieb des SGB. Zentralsekretär war damals Giacomo Bernasconi. Er war zuständig für die Sozialpolitik, die Ar­beiterbildungszentrale, für die Verwaltungsarbeit und die Kasse des SGB. Ernst Wüthrich, vollamtlicher Präsident des Schweizerischen Metall- und Uhren­arbeiterverbandes (SMUV, einer Vorgängerorganisation der UNIA), besorgte damals im Nebenamt noch die Präsidentschaft des SGB. Die Fräuleins Strahm hatten mich zum SGB geholt, weil sie fanden, ich sei eine artige Tochter einer anständigen Mutter. In dieser ersten Arbeitsphase beim SGB küm­merte ich mich mit einer Kollegin auch um die SGB-Feriensiedlungen in Leysin am Genfersee und in Grindelwald.

In jene Zeit fällt auch noch die Arbeit für die Stiftung  für Konsumentenschutz (SKS), welche Alfred Neukomm bei uns aufbaute. Wir mussten Tests verschi­cken und nachher die Telefonanrufe bedienen. Das gab sehr viel zu tun. Im Sekretariat arbeiteten wir noch mit der Schreibmaschine, und zum Vervielfälti­gen tippten wir Wachsmatritzen. Da bedeutet natürlich das heutige elektronische System einen eindeutigen technischen Fortschritt für die Büroarbeit. Da­mals prägten wir die metallenen Adressplättli für den Versand des Pressedienstes und nahmen auch die entsprechenden Mutationen selbst vor.

Hälfte: Du bist zur Hälfte eine Seconda, trägst einen italienisch klingenden Namen. Weshalb?

Pretto: Mein Vater, ein Schweizer, war als Verdingkind aufgewachsen. Er erlernte den Beruf eines Spenglers. Meine Mutter war im Jahre 1947 aus Italien in die Schweiz immigriert und arbeitete sodann beim Zirkus Knie. Dort lernte sie meinen Vater kennen, der als Spengler beruflich im Zirkus zu tun hatte. Ich wurde 1950 geboren. Ich heiratete später ebenfalls einen Arbeiter aus dem Metallgewerbe, einen Schweisser, meinen Mann Gianni Pretto. Er ist heute immer noch Italiener, obwohl er seit Jahrzehnten in der Schweiz lebt.

1973 gebar ich unser erstes Kind. Und ich musste mit meiner Arbeit beim SGB aufhören. Gianni sattelte dann vom Schweisser zum Gipser um, denn in jenem Beruf konnte er im Akkord arbeiten und mehr verdienen, Das ermöglichte es mir, zu Hause zu bleiben und mich ganz der Rolle als Mutter und Hausfrau zu widmen. 1975 kam dann das zweite Kind zur Welt. Meine Mutter war 1971 gestorben. Wir gaben darauf meinem Vater ein Zuhause bei uns. Er starb auch im Jahre 1975. Es folgten Jahre der unbezahlten Familien- und Erziehungsarbeit. In der römisch-katholischen Kirchgemeinde Marien in Bern war ich zudem in Freiwilligenarbeit tätig, ich besorgte Aufgabenhilfen und half beim Theaterspielen. Ich engagiere mich noch heute für MigrantInnen und helfe ihnen bei der Bewältigung ihres Schicksals.

Hälfte: Wie und wann schafftest du den beruflichen Wiedereinstieg nach der familiären Auszeit?

Pretto: Der SGB ist ein sozialer  Arbeitgeber. Darum konnte ich ab 1.Mai 1984 wieder eine Teilzeitarbeit als Sekretariatsangestellte (60%) aufnehmen. Die elektronische Arbeitsweise mit der Informatik wurde auch im Sekretariat eingeführt. Das bedeutete eine erste Phase des Lernens.

Ferdi­nand Troxler und Arnold Isler redigierten damals den Pressedienst, den wir versenden mussten. Es folgte darauf ein immer rasanterer technologischer Wandel. Wir mussten fort­laufend und dauernd viel lernen, damit wir die anfallende Büroarbeit zeitgemäss erledigen konnten. Der Arbeitsdruck nahm überall schnell zu.

In jener Zeit erkrankte mein Mann und er konnte die strenge Akkordarbeit als Gipser nicht mehr bewältigen. Er fand bei der damaligen Gewerkschaft Druck und Papier (GDP) im Jahre 1989 eine Anstellung als Hauswart.

Hälfte: Bei dir als Empfangsbediensteter kam tagtäglich etliche Gewerkschaftsprominenz vorbei. An wen erinnerst du dich besonders?

Pretto:
Das sozialpolitische Klima war früher ganz anders. Es herrschte nicht dieselbe Hektik wie heute. Grossen Eindruck machte auf mich Fritz Leuthy, Sekretär des SGB. Als ehemaliger Eisenbahner aus Olten hatte er Solidität und Tüchtigkeit bewahrt. Heute wird mehr oberflächlich gearbeitet. In der Arbeitswelt und in unserer Gesellschaft herrscht nicht mehr so die berufliche Gewissenhaftigkeit. Das Zwi­schenmenschliche kommt zu Schaden. Jeder und jede arbeitet für sich alleine. Zur Isolation gesellt sich dann logische die Besserwisserei. Die Arbeit im Team fehlt zusehends.

Auch an Beat Kappeler erinnere ich mich gerne. Wenn man nicht gleicher Meinung war wie er, konnte man ihm das offen sagen. Er akzeptierte das und blieb trotzdem ein guter Kollege. Ich habe ihn bei der Arbeit menschlich sehr geschätzt. Wenn er mich heute im Tram sieht, sitzt er zu mir. Natürlich erinnere ich mich noch an den SGB-Präsidenten Ezio Canonica, der ja leider durch den plötzlichen Herztod mitten aus seiner Arbeit gerissen wurde. Auch an unsere Zentralsekretärin Ruth Dreifuss. Sie verliess uns plötzlich, nachdem sie 1993 in den Bundesrat gewählt wurde.

Hälfte: Welches waren deine Highlights in deiner Gewerkschaftsarbeit?

Pretto: Dazu gehört eindeutig der Frauenstreiktag am 14. Juni 1991. Die Organisation bedeutete viel Hintergrundarbeit, die wir verrichten mussten. Und zu den Höhepunkten meiner Arbeit beim SGB gehört das 125-Jahre-Jubiläum im Jahr 2005. Wir haben auch Theater gespielt und auf der Bühne die Gewerkschaftsbewegung Revue passieren lassen. Der SGB wurde von der schweizerischen Arbeiterschaft 1880 im Bahnhofbuffet Ol­ten gegründet.

Hälfte: Was bedeuten dir und deiner Familie die Gewerkschaften?

Pretto: Ich war seit meinem Einritt in die Dienste des SGB im Jahre 1969 im VHTL (Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel) organisiert. Heute bin ich Mitglied im VPOD (Verband des Personals Öffentlicher Dienste). Meine beiden Kinder sind ebenfalls im VPOD. Mein Mann ist in der Ge­werkschaft UNIA.

Hälfte:
Besten Dank für das Interview und alles Gute für deine Pensionierung im Frühjahr 2012!

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