Armes Luxemburg? Pauvre Luxembourg?

Oswald Sigg

Die seltsame Frage prangt in meterhohen Lettern an der Glasfassade des Musée de la Ville de Lu­xembourg an der Rue du Saint-Esprit 14. Eine bis Ende April 2012 geöffnete Ausstellung auf drei Stockwerken zeigt profunde Einblicke in Dimensionen der Armut in Luxemburg und der Welt, von der Zeit der Formu­lierung der „Sozialen Frage“ um 1850 bis heute. Ein Ausstellungsbericht in zwei Teilen.

Vom Sozialstaat zum Sozialinvestitionsstaat

Das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit werden in der amerika­nischen Unabhän­gigkeitserklärung von 1776 zusammen mit der Gleichheit aller Menschen als Wahrheiten und als deren unveräusserliche Rechte deklariert. „(….) Sobald eine Regierungsform diesen Endzwecken ver­derblich wird, ist es das Recht des Volkes, sie zu verändern oder abzuschaffen (….)“. Menschen, die in Armut le­ben, entbehren alle diese Grundrechte. Doch gegen die Armut scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Die epidemische materielle Armut in Europa, die vom Spätmit­telalter bis in die Anfänge der Neuzeit, ja bis unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg hinein reichte, hat heute einer teilweise stark mutierten Verarmung Platz gemacht: der Sinnleere einer Gesellschaft, die auf Massenkonsum, Egoismus und Unterhal­tung getrimmt ist.

Eine herzige Ironie der AusstellungsmacherInnen Marie-Paule Jungblut und Claude Wey ist es, ausge­rechnet im kleinen und reichen Grossherzogtum Luxemburg die Geschichte der Armut in diesem Land und der Welt zu thematisieren. Hier wird die „soziale Frage“ mit ihrer Historie im Kontext von praktischen Lebensentwürfen, von der Sozialfürsorge,  von Reichtum, vom Voyeurismus der Medien und von weltweiten politischen Strategien gegen die Armut mit einer vortrefflichen, reichhaltig do­kumen­tierten Schau gezeigt.

Wir dokumentieren sie anhand eines Besuchs der Ausstellung anfangs März 2012 und aufgrund der ausführlichen Dokumentation des Katalogs: <ARMES LUXEM­BURG?<  >PAUVRE LUXEMBOURG?<  Musée d’histoire de la ville de Luxembourg, Maire-Paule Jungblut et Claude Wey, ISBN 978-3-943157-09-3, Luxembourg 2011. www.mhvl.lu. Marie-Paule Jungblut wird übrigens Nachfolgerin von Burkhard von Roda als Direktorin des Historischen Museums Basel und tritt ihre neue Stelle am 1. August 2012 an.

Gewalt und Glück

Ein riesiges Foto mit Cindys traurigem Gesicht empfängt den Besucher als Auftakt zur Ausstellung.  Cindy ist vielleicht 16-jährig und lebt im Frauenhaus. In einem klei­nen Interview gefragt, was sie den Besucherinnen der Armutsausstellung sagen möchte, sagt sie: „Es ist egal, wie arm du bist im Leben, du kannst trotzdem glücklich werden.“ Zum Glück wird in dieser Schau die Armut nicht auch noch endgültig defi­niert. Im Katalog ist dazu, etwas umständlich, nachzulesen: „Ein ‚objektiver‘ Armuts­be­griff ist ohne Dimensionen der ‚Armutserfahrung’ und ohne einen Bezug auf die Kontextualität dieser Erfahrungen leer.“ Glück - und Armut schon gar - sind empfun­den, anderseits werden hier handfeste Armutsindikatoren gezeigt und dabei festge­halten, dass in Luxemburg das objektive Armutsrisiko etwa doppelt so hoch sei, wie in den meisten anderen Ländern Europas. Cindy ist ein Opfer häusli­cher Gewalt, ei­ner Form von Kriminalität, die in Luxemburg seit 2003 kontinuierlich ansteigt. Mäd­chen aus prekären familiären Verhältnissen sind viel häufiger Opfer von sexuellen Übergriffen als Mädchen, die in wohlhabenden Familien wohnen.

Armut in Zahlen

Statistisch betrachtet gelten bezüglich Armut in Luxemburg die EU-Normen. Armuts­gefährdet ist derjenige oder diejenige, der/die weniger als 60% des sogenannten Median-Einkommens hat. Bei einem Me­dianeinkommen (2009) von 31‘765 Euro lag die Armutsrisikoschwelle in Luxemburg bei 1‘588.35 Euro monatlichem Nettoein­kommen, bzw. 3‘335.33 Euro für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern. Absolut betrachtet mögen diese Summen beträchtlich erscheinen, doch weist Luxem­burg überdurchschnittlich hohe Wohn- und Lebenshaltungskosten aus.

Die Armut in Luxemburg versteckt sich hinter einer reichen Fassade. Nach den er­wähnten EU-Krite­rien sind dort 14,9 Prozent der Einwohner armutsgefährdet. Aber es scheint für viele von ihnen ge­sorgt zu sein. Sie leben in einem öffentlichen infra­strukturellen Netzwerk mit Sozialwohnungen, Übernachtungsheimen, Tagesstätten und Gefängniszellen, kaufen in Sozialläden ein und sie gehen mit dem Sozialpass ins Museum oder ins Theater.

Gewalt - ein Teufelskreis

An mit originalen Objekten nachgebildeten oder fotografierten Wohnräumen, Grund­angeboten von Sozialläden, Betten aus Übernachtungsheimen für Obdachlose und an der nachgebauten Gefängnis­zelle zieht man als Betrachter vorbei durch die Räume. Dass Luxemburg ein reiches Land ist, sieht man gerade an den Gefängnis­zellen. Sie sind zwar nicht unbedingt wohnlich, aber gut und stabil mit dem Nötigsten ausgerüstet.  

Zurück zum Thema. Die Ausstellung zeigt, wie mit der Zunahme relativer Armut bei Kindern und Ju­gendlichen auch die Gewalt und das Gewaltrisiko ansteigen. Und damit auch das Risiko von sexuellem Missbrauch. Die materiellen Mängel und Entbehrun­gen führen zu Deprivation, Frustration und sozial problematischem Verhalten. Sozi­ologisch betrachtet treten in von Armut betroffenen Familien ver­stärkt Desintegrati­onserscheinungen auf. Diese Familien und vor allem ihre Kinder nehmen sich zu­nehmend selbst als stigmatisiert wahr, sehen ihre Zukunft ohne Perspektiven. Sozi­ale Verachtung und unsichere Zukunft erzeugen deviantes Verhalten und – wiede­rum - Gewalt. Die Bewältigung dieser Entwicklung durch Jugendliche samt ihrem Umfeld erfolgt mit verstärkter Gewaltanwendung. Sie wird als Modell der Selbst­durchsetzung und Konfliktlösung erlernt. Die „soziale Vererbung“ von Gewalttätigkeit von einer Generation zur andern hat hier ihren Ursprung. Betreuungs- und Bezugs­personen für Opfer und Täter, Präventionsarbeit mit Kindern und Stärkung ihrer sozi­alen Kompeten­zen und ihres Selbstbewusstseins sowie familienorientierte Hilfen und Bildungsarbeit werden als wichtigste Massnahmen dargestellt, um diesen Teufels­kreis zu durchbrechen.

Armut: vom Ideal zum Problem

Thomas von Aquin’s Theorie der Besitzlosigkeit bezweckte nicht die Abschaffung  der Armut, sondern die Erlösung der von der Armut Gepeinigten im Jenseits. Erst in der Aufklärung und vollends mit der Industrialisierung wird die Armut zum sozialen Problem. Die Armen sind wirtschaftlich unproduktiv und werden zur öffentlichen Ge­fahr. Im 17. Jahrhundert schafft England die Armenfürsorge, die über eine Abgabe auf Eigentum und Besitz finanziert wird.

Angesichts des ungehinderten Wachstums des Industrieproletariats reagiert Bis­marck im Deutschen Reich mit der Sozialversicherung gegen Ende des 19. Jahrhun­derts und Luxemburg führt anfangs 20. Jahrhundert die Kranken-, Invaliditäts- und Rentenversicherung ein.  Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts entindividualisieren die soziale Frage. Massenhaft werden Familien ihrer Väter beraubt, Millionen zur Flucht gezwungen. Die unzähligen Toten werden begleitet von Millionen von Kriegs­versehrten und massenhafter Erwerbsunfähigkeit. Die Inflation vernichtet Vermögen und Renten. Die Armut überschreitet bei weitem die Klassengren­zen. Die aus den Kriegswirren neu entstehenden Nationen werden demokratische und soziale Rechts­staaten, deren dringlichste Aufgabe die Bekämpfung der Massenarmut ist. Das briti­sche Mo­dell einer universalistischen sozialen Sicherung für alle setzt sich in Europa durch. Dessen Angelpunkt ist der Schutz des männlichen Familienernährers. Die Sozialfürsorge sichert den Anspruchsberechtig­ten ein Grundeinkommen für die Be­friedigung elementarster Bedürfnisse.

Das arme Kind

Auch wenn der werdende Sozialstaat durch die Unterstützung des Familienernährers in erster Linie die stabile Existenz der Familie anvisiert hatte, waren die Kinder die grössten Leidtragenden unter den Überlebenden der Weltkriege.  Die Kinderarmut erwies sich allerdings schon damals als diffuser Begriff.

Heute beschäftigt sich der luxemburgische Jugendbericht mit dem Aufwachsen in einem von Armut geprägten Milieu und untersucht die Lage niedrig qualifizierter Ju­gendlicher, von Schulabbre­chern und arbeitslosen Jugendlichen, von jungen Mig­ranten, Flüchtlingen und illegalen Einwande­rern. In der privaten, christlichen Sozial­hilfe wird jedoch als armes Kind dasjenige wahrgenommen, das unverschuldet in Notlage geraten und/oder durch die sozialen und psychischen Folgen der El­ternar­mut belastet ist. Es sind Kinder, die eben „arm dran“ sind.

Noch einmal anders begreift die UNICEF, das UNO-Kinderhilfswerk, die Kinderarmut. Dort sind Kinder Rechtssubjekte, die eine eigen­ständige Bevölkerungsgruppe bilden, welche einen Anspruch auf Teilhabe am allgemeinen Wohl­stand hat. Und zwar inbe­zug auf den materiellen Wohlstand, die Sicherheit, die Gesundheit, die Fa­milie und entsprechende Beziehungen, das Risikoverhalten und die subjektive Einschätzung. Die Aus­stellung kritisiert diese Varianz und Diversität. Es sei und wäre besser, eine möglichst einfache Theo­rie der Kinderarmut aufzustellen.

Der „social investment state“

Nun reicht französisch, deutsch oder letzeburgisch nicht mehr. Die neuen sozialpo­litischen Strate­gien, so der Katalog, stellen - jetzt in englischer Sprache -, von Für­sorge auf Aktivierung und von Um­verteilung auf Investition um.

Investition in die Bildung des Menschen, damit die wirtschaftliche Pro­duktivität des Einzelnen erhöht und künftiges wirtschaftliches Wachstum ermöglicht wird.  Der Staat als Unternehmer, der in das Humankapital seiner Bürger – von den Bürgerin­nen ist nicht die Rede – investiert. Nicht der Mangel an Wasser, sondern der Mangel an Wissen – die „Bildungsarmut“ – ist das entscheidende soziale Risiko einer globali­sierten Wissensgesellschaft. Hier ist der „Sozialinvesti­tionsstaat“ gefordert. Eine to­tale Kehrtwende. Die Architektur des alten Sozialstaats – die Sorge für alleinerzie­hende Väter, Mütter, für Alte, Gebrechliche, Pensionierte, Arbeitslose und „working poor“ oder ganz allgemein für Menschen, die unter prekären Verhältnissen leben müssen – sie gibt es nicht mehr. Sie hat einer kindzentrierten Optik Platz gemacht, die im kollektivistischen Slogan „Kinder sind unsere Zukunft“ gipfelt.

Etwas gespenstisch wird damit die Diskussion um Kinderarmut ersetzt durch den „universalen Anspruch“ aller Kinder auf  eine „glückliche“ Kindheit. Die Kindheit, die Kinder – sie entrücken dem privaten Bereich. Auf einmal werden sie öffentlich, wobei man vergisst, dass wir das doch schon einmal erlebt hatten: im Nationalsozialismus und in den Zeiten der Deutschen Demokra­tischen Republik. Wesentlich besser und dringlicher wäre es, wenn Kinder im Hinblick auf die Medien und den Konsum – als allgegenwärtige bestimmende Faktoren menschlichen Verhaltens – ausgebil­det und kritisch eingestimmt würden.

(Fortsetzung folgt)

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