Armut wird nicht „vererbt“

Oswald Sigg

Deutliche Worte sprach an der SKOS-Medienkonferenz Adrian Vonrüti, der Vorsteher des Langenthaler Sozialamtes, zur praktischen Umsetzung der heu­tigen Sozialpolitik. Die Sozialämter trügen die Hauptverantwortung für den so­zialen Frieden in den Gemeinden, wo  immer mehr EinwohnerInnen Sozialhilfe beanspruchen müssten. 

Die Gründe für den Anstieg sind etwa fehlende Bildung, die Zunahme an Alleinerzie­henden oder - gerade im bernischen Oberaargau – die vielen Arbeitsplätze im nied­rigsten Lohnbereich. Letzteres scheint ein Indiz dafür zu sein, dass die Wirtschaft und das Gewerbe Trittbrettfahrer sind und dank der Sozialhilfe einem Teil ihrer An­gestellten Tiefstlöhne bezahlen können – zulasten der öffentlichen Sozialbudgets. Neben den hohen Gesundheitsausgaben gehören vor allem die überteuerten Miet­zinse zu den Kostentreibern. Hier besonders war vom Langenthaler Sozialvorsteher Klartext zu vernehmen: „Die Vermietung schlecht unterhaltener Mietwohnungen an Armutsbetroffene gilt inzwischen als rentables Geschäft.“ 

Zur Sprache kamen auch die durch die kantonalen Parlamente beschlossenen Sparmassnahmen bei der Sozialhilfe. Wenn SKOS-Präsident Walter Schmid darauf hinwies, die Armutsbekämpfung müsste den Betroffenen helfen, sich aus dem Teu­felskreis der  Armut zu befreien, dann fügte er auch indirekt bei, warum dies trotz al­ler redlichen Bemühungen immer weniger gelingt. Die SKOS-VertreterInnen spra­chen zu Recht nicht mehr davon, dass Armut einfach „vererbt“ wird.

Walter Schmid sagte vielmehr: Die Gewährleistung des sozialen Existenzminimums „ist insbeson­dere für Kinder entscheidend, die fast ein Drittel aller Sozialhilfebezüger ausmachen. Werden sie gesellschaftlich ausgegrenzt, trägt dies zur Verfestigung der Armut bei.“ Für die gesellschaftliche Ausgrenzung ist auch und gerade die Politik verantwortlich. Und angesichts der sozialen Fakten in unserer Gesellschaft wäre es  präziser, nicht allein von der Verfestigung sondern auch von der Ausbreitung der Ar­mut zu spre­chen. 

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