Armut ist nicht nur eine Frage des Geldes

Hälfte / Moitié

20 minuten / von Florian Meier - Arm sein und gleichzeitig Geld auf dem Konto haben – das ist laut Forschern kein Widerspruch. Die neue Armut trete in Form von schlechter Ernährung oder Suchtproblemen auf. Armut grenzt aus. Doch nicht nur aus Mangel an Geld kann Grund für Armut sein, sagen Forscher. Auch Stress im Beruf treibe Menschen an den Rand der Gesellschaft. 

Wer arm ist, dem mangelt es an Geld, Nahrung oder Gesundheit. Betroffene sind sozial benachteiligt, sie finden ihren Platz in der Gesellschaft nicht. Betrachtet man nur die finanzielle Situation, geht es den Menschen in der Schweiz immer besser. Die Löhne sind gestiegen, die Lebensmittel im Vergleich dazu günstiger geworden. Hungern muss heute kaum mehr jemand. 

Trotzdem bleibt Armut laut Forschern ein weit verbreitetes Problem. Fehlende Kenntnisse über eine gesunde Ernährung, Suchtprobleme, Ratlosigkeit in der Kindererziehung oder die Fehlnutzung von Medien stellten eine neue Art von Armut dar, schreibt die „Welt“. Soziale Isolation und eine «generelle Hoffnungslosigkeit» seien die
Folgen. 

Fehlende gesellschaftliche Integration 

Auch Schweizer Soziologen kennen das Phänomen. «Armut hat je länger je weniger nur mit dem Geld zu tun», sagt François Höpflinger, Soziologe an der Universität Zürich. Für ihn ist es aber vor allem die fehlende gesellschaftliche Integration, die zu dieser neuen Form der Armut führt – und dies eben auch dann, wenn eigentlich noch genügend Geld vorhanden ist. 

«In der heutigen Zeit gibt es so viele Möglichkeiten, die einen an den Rand der Gesellschaft treiben können – und zwar von einem Tag auf den anderen.» Das habe vor allem damit zu tun, dass die Menschen leistungsorientierter seien denn je. «Viele arbeiten heute so viel, dass sie daneben kaum noch Zeit haben, Freundschaften zu pflegen.» Das führe dazu, dass sich viele ihrer sozialen Kontakte ausschliesslich auf den Beruf beschränkten. 

Arbeitslose flüchten ins Ausland 

Entsprechend seien auch die Folgen einer Kündigung heute verheerender als früher, sagt Höpflinger. Auch wenn eine solche finanziell absolut verkraftbar wäre: «Wer sich so stark über seinen Beruf definiert und dann plötzlich arbeitslos wird, verliert schnell sein gesamtes Selbstwertgefühl.» Denn wer keinen Job hat, sei gesellschaftlich kaum akzeptiert. «In der Schweiz ist dieses Phänomen besonders stark zu beobachten, da wir uns im Vergleich zu anderen Ländern noch viel mehr über den Job definieren.» Laut Höpflinger gibt es deshalb sogar Menschen, die nach einer Kündigung ins Ausland flüchten, weil sie mit der sozialen Isolation nicht mehr klarkämen. 

Auch Soziologe Ueli Mäder von der Universität Basel sagt, der Armutsbegriff könne längst nicht mehr nur am Geld gemessen werden. Für ihn ist es vor allem der gesellschaftliche Druck, bei den unzähligen Möglichkeiten immer alles perfekt machen zu müssen, der die Lebensqualität stark einschränken könne. 

Schaden für die Kinder 

Etwa das Familienleben könne darunter leiden. «Auch in der Erziehung haben Eltern das Gefühl, dringend alles richtig machen zu müssen und vergessen dabei ganz, auf ihre Intuition zu hören und Emotionen zuzulassen.» Sie setzten sich damit nicht nur selber unter Druck und würden verunsichert, sondern würden auch den Kindern zu-weilen mehr schaden, als ihnen Gutes zu tun. Wenn dadurch beispielsweise der lebendige Austausch mit dem eigenen Nachwuchs zu kurz komme, sei das gar nicht gut für die Entwicklung. 

Die Folge: Wie bei der finanziellen Armut verschlechtern sich auch in solchen Fällen die Chancen der Kinder auf eine gute Bildung und ein funktionierendes Sozialleben. 

Zahnspange zu teuer 

Bei der Caritas findet man die Diskussion um die neue Armut nicht prioritär. «Natürlich muss in der Schweiz niemand verhungern. Trotzdem gibt es immer noch 590'000 Menschen, bei denen das Geld nicht ausreicht.» Dies sei eine enorm belastende Situation, sagt Dominique Schärer von der Caritas. Es gebe Familien, die ihren Kindern die nötige Zahnspange nicht bezahlen können, jedes Jahr auf Ferien verzichten müssen oder in sehr engen und lauten Wohnungen leben müssen. «Auch diese Leute sind von der Gesellschaft ausgeschlossen und leiden teilweise sehr, dies darf man auf keinen Fall vergessen.» 

(14.05.2015) 

http://www.20min.ch/schweiz/news/story/26204896 

(Mit freundlicher Genehmigung des Autors wiedergegeben / Red.)

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3.5 Milliarden ärmste Menschen:

Reichtum in der Welt

(Hälfte/Moitié) Die Non-Profit-Organisation Oxfam weist darauf hin, dass das Augenmerkt auf das reichste 0,1 Prozent der Reichsten gerichtet werden sollte. Die Organisation hat herausgefunden, dass die reichsten 85 Personen auf der Welt gleich viel verdienen wie die 3,5 Milliarden Ärmsten.

http://www.blick.ch/news/wirtschaft/so-viel-einkommen-brauchts-gehoeren-sie-zum-reichsten-prozent-id3828189.html

https://www.oxfam.org/

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