Auf Augenhöhe

Kristina Eva Schwabe

Im folgenden Interview erörtert die Psychiaterin Ursula Davatz ihre Ansichten und Erkenntnisse aus ihrem beruflichen Alltag und äussert sich zur Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Was erachten Sie als wesentlich, um den Menschen erfassen und behandeln zu kön­nen?

Patientinnen und Patienten müssen als Individuum mit einer persönlichen Familienge­schichte betrachtet werden. Dies stellt eine personalisierte psychiatrische Betreuung dar.

Welches sind die Problematiken Ihrer Patientinnen und Patienten im Alltag?

Neben der für ihr Krankheitsbild typischen Symptomatik, erlebe ich den Spiessrutenlauf der Patientinnen und Patienten im privaten und öffentlichen Umfeld. Mit erpresserischem Druck versucht man sie möglichst schnell zur Gesundheit bzw. zur Arbeit zurückzubringen.

Wie wirkt sich diese Haltung auf die Patientinnen und Patienten aus?

Ausgesprochen demütigend und selbstwertvernichtend, sie löst passiven Widerstand aus und ist in keiner Weise entwicklungs- und gesundheitsfördernd.

Wie sollte man den Menschen begegnen?

Auf Augenhöhe! Ein gemeinsam entwickeltes Behandlungskonzept, ein genaues Hin­schau-en mit Achtsamkeit gegenüber jedem einzelnen Schicksal, keine wohlmeinende Be­vormundung und keine Checklisten- dies halte ich für unterstützend.

Sind die Menschen, die Sie betreuen wirtschaftlich tätig oder wie regeln sie ihren Lebens­unterhalt?

Einige der Patientinnen und Patienten stehen voll im Arbeitsprozess. Zum Teil leiden sie jedoch enorm unter den Forderungen der heutigen Arbeitswelt, die bis zur Selbstaufgabe führen. Andere Patientinnen und Patienten sind teilzeitbeschäftigt, beziehen Sozialhilfe oder leben von einer Invalidenrente.

Massive Existenzängste verschlechtern bei einem Grossteil meiner Patientinnen und Pati­enten den Krankheitszustand erheblich. Insbesondere langwierige IV-Verfahren und das Darben nach einem Gutachten belastet sie über Jahre. Die schambesetzten finanziellen Sorgen be­herrschen den Alltag. So muss in der Therapie die angestrebte Behandlung weichen, um die kausalen Folgen des finanziellen Drucks auszugleichen.

Könnte da die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen Abhilfe schaffen?

Ja, ich begrüsse eine solche Initiative an erster Stelle, weil die Patientinnen und Patienten durch ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Eigenständigkeit ermächtigt würden. Sie müssten die bürokratischen, juristischen Institutionen nicht mehr als bevormundende Demüti­gung über sich ergehen lassen. Sie wären nicht gezwungen Sozialhilfe zu beantragen, wenn ihnen aufgrund eines ausstehenden Entscheides die berechtigte Rentenauszahlung vorent­halten wird. Im familiären und sozialen Umfeld würden sie in ihrer Menschenwürde gestärkt, da auch hier die Frage des Geldes die Beziehungen erschwert.

Würde ein bedingungsloses Grundeinkommen und der fehlende Druck zur Wiederein­gliederung nicht dazu verleiten in der, wenn auch schwierigen, aber erträglichen Situa­tion zu verharren?

Nein, in keiner Weise! Krankheit wird nicht über Druck geheilt, dies ist ein moralisches Erzie­hungskonzept der schwarzen Pädagogik, die aus dem Mittelalter stammt.

Krankheit wird durch Entwicklungsförderung überwunden. Wenn, dann soll man dem Men­schen Mut machen zur Eigenverantwortung, zum Leben. Die Lust zur Arbeit käme dann als natürliches Bedürfnis von selbst wieder.

Sie haben die Entwicklung der Psychiatrie in den letzten Jahrzehnten miterlebt. Wagen Sie eine Zukunftsprognose?

Aus meiner Sicht geht die heutige Psychiatrie in eine absolut falsche Richtung. Sie fokussiert hauptsächlich auf die genetische und medikamentöse Forschung. Dabei bleibt der psycho­soziale Aspekt ausser Acht oder man erwähnt diesen lediglich nebensächlich als aller Inter­ventionsmethoden Schluss.

Der Mensch ist jedoch kein Einzelwesen und man sollte ihn in seinem sozialen Kontext er­kennen und in seinen Ressourcen stärken.

Ich fordere auf zu einer humanen sozialen Medizin.

Besten Dank für dieses Interview.

Zur Person:

Dr. med. Ursula Davatz, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, ist ausge­bildet als Ärztin, Psychiaterin und Systemtherapeutin sowie tätig als Ausbild­nerin, Supervisorin, Dozentin und Referentin. Ihre Kenntnisse fundieren auf der vierzigjährigen Erfahrung im Umgang mit Familiensystemen und Indexpatien­tinnen und -patienten aus dem schwierigsten psychiatrischen Formenkreis wie Schizophrenie, Drogensucht, Essstörungen, Psychosomatik und Delinquenz.

Weitere Informationen zu Dr. med. Ursula Davatz finden Sie unter: www.ganglion.ch  und www.schizo.li

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