Besuch in Auschwitz

Paul Ignaz Vogel

Über die Selektionsrampen fahren heute Autocars (auch für die Auserwählten war der Weg zu den Gaskammern lang), an den Kiosken sind Heftchen erhältlich, mit und ohne Totenkopf, und ein Schild preist Kunsthandwerk der Gegend. Auschwitz heisst heute Oswiecim. Und Oswiecim ist zum Touristenzentrum gewor­den.

An den Gaskammern, die jeder betreten darf, steht noch nicht „Rauchen verboten“, aber mit der Zeit dürfte auch dies noch nötig werden. Zwar gehen die TouristInnen diszipliniert in Gruppen, so wie es sich auch für sozialistische Menschen gehört, aber irgendwelche Emotionen sind schwer feststellbar. Wie ist es doch mit den TouristIn­nen? Sie konzentrieren sich auf aus Interessanteste und so kommt es, dass die Be­suchsgruppen vor der Genickschusswand warten müssen, bis sie in den SS-Folter­keller zugelassen werden. Auch hier in Oswiecim gilt Ordnung, und jeder und jede darf einmal so ganz für den privaten Gebrauch und bloss in Gedanken Sadist sein und all die Geräte sehen, mit denen echte Sadisten Menschen gefoltert und getötet haben.

Gewiss, die Nazis waren schlimm. Doch das steht ja in Oswiecim nicht zur Diskus­sion. Viel eher die Pietät. Aber ist sie nichts mehr als Achtung vor dem einzelnen Schicksal, das brutal und sinnlos für jeden und jede war?

Erst als ich im Hotel den feinen hellen Staub von meinen Schuhen bürstete, begriff ich, was ich wegputzte und wo ich eigentlich gewesen war. Und ich musste an einen Polen denken, der vor meinem Oswiecim-Besuch gesagt hatte: „Für uns ist  Auschwitz der Friedhof für 4 Millionen ermordete Men­schen. Auf einen Friedhof or­ganisiert man keinen Tourismus.“ Dieser Meinung möchte ich mich anschliessen.

Dieser Text wurde nach dem Besuch des damals sozialistischen Polens verfasst. Po­len gehörte zum sowjetisch dominierten Warschaupakt und bildete damit einen ande­ren Teil des durch den Kalten Krieg geteilten Europas. Das Regime veran­staltete in grossem Ausmass TouristInnenreisen nach dem Konzentrationslager  Auschwitz. Diese dienten auch der politischen Propaganda gegen die damalige Bundesrepublik Deutschland (NATO-Land). Der vorliegende Text wurde im Novem­ber 1966 als Ko­lumne in der Zeitschrift Neutralität veröffentlicht.


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Beginn des Zweiten Weltkrieges

(WIKI). Mit dem Polenfeldzug löste am 1. September 1939 die nationalsozialistische Regie­rung des Deutschen Reiches ohne vorherige Kriegserklärung den Zweiten Weltkrieg in Europa aus. Am 3. September 1939 erklärten Frankreich und Großbritannien im Rahmen ihrer Beistandsverträge mit Polen Deutschland den Krieg. Sie eröffneten aber nur minimale militärische Aktivitäten, die Polen keine reale Entlas­tung brachten. Am 17. September ließ Josef Stalin die Rote Armee auf breiter Front über die Gren­zen Polens vorrücken. Hintergrund war das geheime Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939.

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