Aushalten? - Ein Orientierungs- und Selbstermäch­tigungsversuch

Gabriela Merlini

Liebe Opfer von Zwangsmassnahmen dieses Landes: Ich glaube Bundesrätin Simonetta Sommaruga, dass sie es mit uns Opfern von Zwangsmassnahmen gut meint; ich lernte, musste lernen, Menschen, Umstände und Machtstrukturen zu lesen. Es war überlebenswichtig: Überleben in der besitzreichen Schweiz; auch für mich, seit Geburt. Ich hatte zu erkennen, wann, von wem und wo­her Gefahr drohte.

Die Einladung ins Berner Casino nahm ich an; trotz meiner Erfahrungen keimte Hoff­nung auf; ich habe sie noch nicht begraben, doch ist sie sterblich.

Auch bei der Opferhilfe meldete ich mich. Verantwortlich zeigte sich eine pensionierte Sozialarbeiterin. Obwohl ich als Kind in mehrere Heime, Pflegefamilien, psychiatri­sche Dienste, Hilfswerke und - "ferienhalber" - zu Bauern versorgt wurde, sind alle Akten - ausser die Interpretationen über mich, meine Mutter und meinen verstorbenen Vater - der "Schutzaufsichtsberichterstatterin" einer Gemeinde, spurlos verschwunden.

Spurlos?

Die Beschädigungen, die ich erfuhr, machten mich zur Schreibenden. Zu viele Nächte besuche ich Geisterhäuser, atemlos und schweissgebadet; das Schreiben lässt mich Luft und Licht finden, nichts weiter.

Doch es interessierte die Opferhilfe, den Anwalt, nicht, wer der junge Mann war (ei­ner von mehreren), der mich und andere Kinder in einem der seltenen Ferienlager im Tiefschlaf fast jede Nacht überfiel. Er könnte es noch tun, denn ich, 50 Jahre alt, war damals 11 Jahre alt und er könnte Gymnasiast oder Student gewesen sein; schon zu dieser Zeit war es förderlich, wenn man in seinem Curriculum vitae Freiwilligenarbeit bei den Ärmsten vorweisen konnte, nicht wahr?

Schreiben heisst auch Recherchieren; ich bin ihm auf der Spur. Nicht zuletzt, weil mir mehrmals gesagt wurde, es gäbe so etwas wie Persönlichkeitsschutz und verjährt sei die Sache - Sache? - auch.

Ich, und viele andere Armgemachten, Armgearbeiteten, von Ressourcen (zum Bei­spiel Bildung) Ferngehaltenen, kennen solche Aussprüche (oder Regeln).

Obwohl in den Schutzberichten steht, ich sei ein intelligentes Kind, wurde ich von der 1. bis 4. Klasse der Grundschule in ein Heim für Schwererziehbare mit Sonderklasse D wegselektiert. Ich wurde zur Autodidaktin, wie man so schön sagt.

Aber nicht nur das (was auch andere Opfer nur zu gut wissen); sadistische und nek­rophile Charaktere findet man, nicht selten, dort, wo Menschen ausgeliefert sind; also auch im medizinischen Bereich.

Als ich 14 Sterbensjahre hinter mir hatte, bot man mich zu anderem grossen Fres­sen. Sinnloserweise - jedoch zu Studienzwecken? - wurde mir am Knie der linke, äussere Meniskus entfernt, naturgemäss in einem Universitätsspital.

Als Spätfolge habe ich mit einer Gehbehinderung zu leben, was dazu führte, dass mir mein letzter verlässlicher und ausreichender Erwerb gekündigt wurde. Dann kamen die Mühlen der Sozialversicherungen und als Krönung durfte ich, nach Aussteue­rung, die Zersetzungen der Sozialhilfe - hilfe? - ertragen.

Während dieser Zeit konnte ich kaum noch schreiben; also atmen. Ich musste aus­brechen, denn ich wurde geboren, möchte leben.

Interessanterweise wurde ich, obwohl ich mich bei der Opferhilfe meldete, nicht in­formiert, dass es ein Forum gibt, wo Betroffene - Betroffene? - teilnehmen können. Ich erfuhr es durch einen Freund, meldete mich umgehend an, bekam einen Platz, erst mal.

Ich versuche mich immer noch in der Art der Organisation dieser Aufarbeitung mit uns Opfern zu Recht zu finden. Das Forum hat einen Mediator, und ich wollte eigent­lich bei meiner ersten Teilnahme nur zuhören. Ich hielt es nicht lange aus. Der Schluss jeder Frage mündete darin, dass wir Opfer müssten. Natürlich sind die Mit­arbeiterInnen des Justiz- und Polizeidepartements ausreichend in Kommunikation ausgebildet; sie können jedes unserer Anliegen derart verwedeln, dass wir nicht mal merken, wenn ein "Nein" ausgesprochen wird. Der Tag verlief aus meiner Sicht ma­nipulativ; der Mediator klemmte ab, stellte entsprechende Fragen, gab die Verant­wortung an uns zurück; doch die Instrumente um die Verantwortung tragen zu kön­nen, werden uns meist verweigert (Geld, Zeit, Informationen, Beziehungen, usw.). Raum beanspruchten aus meiner Sicht vor allem der Mediator und Herr Mader. Ich frage mich noch immer: Wozu brauchen wir einen Mediator?

Zwei Dinge möchte ich in dieser email erzählen, die mich derart erschütterten, dass ich das 3. Forum auslassen musste:

Erstens:
Der Mediator beschwor uns in eindringlichem Singsang, wir hätten am Runden Tisch unsere Geschichte zu erzählen, damit die Tätervertreter begriffen, was uns geschah. Ich war in diesem Moment leider sprachlos. Also nachträglich meine Gedanken zu dieser Forderung. Es mag sein, ist gar wahrscheinlich, dass Ausführende der diver­sen Gesetze (hauptsächlich Armenpflege) nicht wirklich wussten, was sie taten (siehe Hannah Arendt "Banalität des Bösen"). Die Gesetzgeber indes, wussten es sehr genau; aufteilen und beherrschen, dumm halten, arm halten; unser Leid ist der Grundstock ihres Besitzreichtums und Ansehens, noch immer.

Zweitens:
Zum Mittagessen mussten wir den langen, unterirdischen Tunnel begehen. Hatten wir dies überstanden, durften wir in fensterlosem Raum essen. Ich konnte die Pani­kattacke gerade noch abwenden, blieb im Essraum der Staatsschützer bei der zum Sitzplatz (wie ein Gefängnisinnenhof, ich wunderte mich, dass wir nicht im Kreis zu gehen hatten) führenden Fenstertür kleben, bis sie, nach ungefähr 20 Minuten, ge­öffnet wurde und ich raus konnte. Essen konnte ich nichts mehr. Inzwischen wurde das Forum zum Nachmittagsanlass mit anschliessendem Apéro; der Morgen und das Mittagessen sind gestrichen. Doch immer noch findet das Forum unter dem Bundes­haus, in den Räumen des Polizei- und Justizdepartements, statt. Ein Hochsicher­heitstrakt; kaum für uns gedacht, sollte das Land angegriffen werden, nicht wahr?

Ich weiss, es erfordert viel Wissen, Kombinationsstärke, Einfühlung, u. a., um darauf zu kommen, dass Menschen, die als Kinder, oder Jugendliche, eingesperrt, geschla­gen, vergewaltigt, gefoltert, u. a., wurden, möglicherweise an Ängsten (zum Beispiel vor engen Räumen ohne Fluchtmöglichkeit) leiden. Doch auch die Möglichkeit einer Taktik schliesse ich nicht aus, hoffe jedoch, dass es die übliche Ignoranz war, die sich mit Arroganz paarte?

Letzthin schaute ich, auf Empfehlung eines Freundes, die Sternstunde Philosophie "Ein Herz für Verdingkinder" beim Schweizer Fernsehen mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga im Internet nach (ich ertrage keinen Fernseher). Ich weiss nicht, wie oft sie sagte, man müsse es aushalten; also wir Opfer müssten die Aufarbeitung aus­halten, Geduld haben.

Nein, ich muss gar nichts mehr aushalten, was mich beschädigt; schon gar nicht eine Aufarbeitung, die aufteilt (in Opfergruppen, Gewicht des zugefügten Leides), die arm hält, und, zumindest versucht, dumm zu halten, an der wiederum die verdienen, und Ansehen gewinnen, die, aus meiner Sicht nicht selten, neue Opfer generieren.

Wie erwähnt, wurde ich ausgesteuert, hatte einige Monate Sozialhilfe zu beziehen, als Arm­gearbeitete (Neudeutsch: Working poor). Per 28.2.2014 stieg ich "freiwillig" aus der Sozialhilfe aus; ich verkaufte, verschenkte alles (selbst den grössten Teil meiner über 3000 Bücher starken Bibliothek, die ich über Jahrzehnte zusammengesammelt hatte), lebe nun teils in einem alten Opel Combo, teils bei Freunden, und schreibe, was das Zeug hält.

Aus meiner Sicht kennt Leid keine Masseinheit, und manchmal muss man akzeptie­ren, dass ein Mensch mitunter so sehr beschädigt wurde, dass er nichts mehr aus­halten möchte, nichts mehr tun kann, einfach in Ruhe gelassen werden will.

Ohne Geld ist dies in der reichen Schweiz kaum möglich; ausser man hat Familie und ein haltendes Beziehungsnetz, was wir Opfer oft nicht haben. Und dass die Hetze gegen die Armgehaltenen immer schärfer wird, muss ich hier kaum erwähnen?

Dieses Land hätte das Potential zu seinen Taten zu stehen, damit es heilen kann.

Was die Sozialhilfe in diesem Land betrifft, halte ich es mit einer Figur aus Dickens Oliver Twist, die sinngemäss sagt: Hier hast du die Wahl, entweder in der Sozialhilfe langsam zu verrecken, oder andererseits in der Gesellschaft rasch zu sterben, viel­leicht aber auch: zu überleben.

Vieles will in mir schreiben, also leben, jedoch muss ich mich auf das beschränken, was möglichst kein Geld kostet; dieser zweifelhafte Sieg geht wiederum an die, aus meiner Sicht schwachen, Machtmenschen dieses Landes.

Und ich werde dem Soforthilfefonds, irgendwann im 2014 - vielleicht, viel­leicht aber auch nicht (mein Leid ist womöglich nicht gross oder dokumentiert genug) - zwischen CHF 4‘000.- bis 12‘000.- nicht beantragen.

Jahrzehnte musste ich an mir schreibenderweise arbeiten, um selbstverletzendes Verhalten zu erkennen und andere Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Auch musste ich spüren lernen, was mir gut tut, was mich wiederum beschädigt.

Die Art dieses Aufarbeitens beschädigt mich, lässt mich zur Abwartenden werden ohne sichtbares Ende (wie viele müssen noch in Armut sterben?), ohne verlässliche Regeln (sie können jederzeit geändert werden), ohne verlässliche Hilfe; die ich dort und da und wiederum an ganz anderer Amtsstelle, bitteschön, zu holen hatte. Was ich bräuchte, wären die Ressourcen, die in diesem Land zählen: Geld und Zeit. Diese Aufarbeitung will mich abhängig machen, mich in stetige Bringschuld zwingen, und doch reicht nie, was ich beitrage. Das raubt mir die Lebenszeit, die mir noch bleibt.

Trotzdem nehme ich noch am Forum teil, weil ich mich mit anderen Opfern verbün­den möchte, weil ich zur vorläufigen Überzeugung gelangt bin, dass wir uns ein ei­genes Forum schaffen, uns organisieren sollten. Das wird alles andere als einfach werden, denn unsere einzige Chance ist aus meiner Sicht unsere Masse; wir sind viele. Doch gerade deshalb werden Machtmenschen alles daran setzen, uns zu tei­len, gegeneinander auszuspielen.

Machtmenschen sind für mich Menschen, die um jeden Preis über andere bestim­men wollen. Damit versuchen sie, aus meiner Sicht, ihre Schwäche zu kaschieren. Sie halten Schwäche nicht aus, können nicht akzeptieren, dass wir Menschen zer­brechlich und verletzlich sind.

Und die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass gerade PolitikerInnen unser Leid für ihren Erfolg instrumentalisieren wollen.

Wir sollten gehört werden, es reicht nicht, dass über uns gesprochen und verfügt wird.

Ich habe eine eigene Stimme, werde sie einsetzen, weiterhin Verbündete suchen. 

 

Zur Person:

Gabriela Merlini schreibt auch unter dem Pseudonym Pereira; das ist der Nachname ihrer Familie.

 

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