Sozialreportagen aus der Pariser Banlieue: Zwischen den Welten

Oswald Sigg

Im Norden von Paris trennt der ‚Boulevard Périphérique‘ die Metropole von der Banlieue. Die achtspurige, auf der ehemaligen Befestigungsanlage aus dem 19. Jahrhundert gebaute Stadtautobahn, gehört zu den am stärksten befahrenen Strassen Europas. An der Porte de Saint-Ouen liegt sie auf Pfeilern und bildet eine riesige Brücke. Darunter zwängt sich der normale Verkehr in meist stehenden Autokolonnen. 

Aus Westen und Osten wird dem alltäglichen Chaos über je zwei Zubringer- und Abfahrtsbahnen der Autobahnbrücke Tausende von Autos zugeführt. Zur abgasgeschwängerten Luft gesellt sich ein Höllenlärm, der alle zehn Minuten Spitzenwerte erreicht, wenn sich ein Polizei- oder Sanitätsfahrzeug oder auch ein Löschzug der Feuerwehr mit Sirene und Blaulicht den Weg durch das Labyrinth bahnt. Damit nicht genug: unter der Brücke, besonders auf dem ostseitigen Trottoir, haben die wenigen Fussgänger eine wilde Kehrichtdeponie sowie die untrüglichen Gerüche urinaler Abführungen zu überwinden. Eine Sammlung von dreckigen Sportschuhen, verblichenen T-Shirts, kaputten Hosen bis zu zerrissenen Kunststoffjacken ist, von wem auch immer, genau da entsorgt worden. Und vier Treppen tiefer im Untergrund verkehren alle paar Minuten völlig überfüllte Züge der Metrolinie 13 zwischen dem wohlhabenden Vorort Châtillon im Südwesten und dem nördlichen Industriezentrum Gennevilliers. 

Wer sich in den sonnigen Monaten September und Oktober 2015, wie der Schreibende, in der Banlieue von Paris aufhielt, erlebte die Grenzregion Porte de Saint-Ouen auch als Wohnraum. Während Wochen siedelten auf einem teilweise unter dem Périphérique gelegenen Parkplatz eine Gruppe von etwa hundert Romas - vor allem Frauen und Kinder und einige Männer. Sie alle schliefen in kleinen Zelten oder in ihren Autos. Wenigstens ein Mal im Tag wurden sie von einer Hilfswerk-Patrouille mit warmem Essen und Tee und Milch für die Kinder versorgt. Im Vorbeigehen traf man hie und da auf spielende Romakinder: etwa wenn sie sich zwischen den parkierten Autos versteckten. Auf dem grossen Platz vor der wenige Kilometer entfernten Gare du Nord sprachen junge Roma-Frauen Touristen an und baten sie um einen Beitrag für einen wohltätigen Verein. Sie taten dies nicht ohne Erfolg. Obschon ein paar aufgebrachte Mitglieder der Pariser Society den Angesprochenen zuraunten: „Give them no money, these are criminals!“. Tagsüber und bis spät in die Nacht hinein bettelten andere, ältere Roma-Frauen, ein Kind auf dem Arm oder im Buggy, zwischen den stehenden Autokolonnen unter der ‚Périphérique’ um Geld. Jeden Tag traf man auf sie. Aber hier schien das Betteln ebenso mühsam wie erfolglos zu sein.   

Eines Abends fiel mir auf dem Heimweg Richtung Banlieue eine Familie auf. Der Mann, wohl der Vater, sass im Halbdunkel mit zwei kleineren Kindern am Brückenpfeiler zwischen dem Kehrichtberg und der Autobahnauffahrt. Die Mutter lief mit einem Baby unterm Arm die Auto-Kolonnen ab. In den Stosszeiten konnte weder bei Grün und auch nicht bei Rot wirklich losgefahren werden. Um so mehr Zeit zum Betteln blieb ihr. Doch selbst die Autoscheiben bewegten sich keinen Zentimeter, blieben oben und dicht verschlossen. 

Die Familienmitglieder sassen oder lagen hier unter der Brücke auf Kartondeckeln. Daneben waren einige prall gefüllte Plasticsäcke, ein mit Schnur gesicherter Koffer und zwei Taschen auszumachen. Ihre Habe war mir erst später und bei Tageslicht aufgefallen, als der Vater die wenigen FussgängerInnen ansprach. Am Boden sitzend hielt er einen Karton mit der Aufschrift - auf Französisch mit Filzstift geschrieben: „Wir sind eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien. Wir bitten um Ihre Unterstützung!“. Als mein Weg zum letzten Mal unter der Brücke vorbei führte, drückte ich dem Vater der Syrier eine Euronote in die Hand. Das Kind daneben, inmitten von nächtlichem Lärm, Gestank und Scheinwerferlicht, schrie erbärmlich. Beruhigende Worte und Gesten des Vaters waren vergebens. Eilends ging ich nach Hause. 

Eines Morgens waren die benachbarten Romas grösstenteils verschwunden. Putzfahrzeuge zogen auf dem verlassenen Platz ihre Runden. Wer noch übrig blieb, war die syrische Bettler-Familie am Brückenpfeiler zwischen dem mondänen Paris und der unruhigen Banlieue. Was mag aus ihr, nach dem 13. November 2015, wohl werden? 

________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________

Sozialreportagen

Die Redaktion Hälfte / Moitié beauftragte Oswald Sigg am 14. August 2015, in den Monaten September und Oktober eine Reportage über die soziale Lage in Paris und in der Pariser Banlieue zu realisieren. Sigg wohnte in Saint-Ouen - einer kleinen Industriestadt im Département Seine-Saint-Denis - und recherchierte von dort aus in der ehemaligen „Ceinture rouge“, deren Bevölkerung zum grossen Teil aus MaghrebinerInnen, SchwarzafrikanerInnen und in kleinerem Ausmass aus OsteuropäerInnen und Romas besteht.

Wir danken Oswald Sigg für seine wertvolle und interessante Arbeit und werden die Reportage ab Frühjahr 2016 in Form von Portraits und Artikeln fortlaufend veröffentlichen.

Redaktion Hälfte / Moitié

 

Zurück


Unterstützen Sie den Mediendienst
Hälfte/Moitié mit einer Spende über PayPal:



Bitte teilen Sie unsere Artikel: