Von der Bedingtheit zur Bedingungslosigkeit

Alexander Christian

Trotz eines vor ein paar Jahren ererbten Vermögens mittlerer Grösse sehe ich jeden Tag meinen Bankkontostand nach und rechne alles durch, was ich mir noch in wel­chem Zeitraum etwa „leisten“, was ich mir „erlauben“ kann und darf. Wie lange meine finanziellen Reserven noch ausreichen.

Heute,  mit zweiundfünfzig Jahren: Ich befasse mich auch viel häufiger mit Bankwe­sen und Finanzmärkten als früher... Davon bin ich natürlich stark direkt betroffen.

Immer wieder ertappe ich mich mit der Frage, was geschieht, wenn mein Vermögen aufgebraucht ist? Existiert die AHV dann noch? Reicht meine Rente zum Überleben? Bin ich dann schon alt und krank genug um zu sterben?

Beim städtischen Sozialdienst vor zweiunddreissig Jahren

Auf keinen Fall jedoch will ich jemals von Sozialhilfe abhängig werden. Ich habe nie­mals Sozialhilfe bezogen.

Meine erste Bürostelle im Jahre 1981 war bei einem städtischen Sozial­dienst. Ich musste die Akten der SozialhilfeempfängerInnen abtip­pen. Die SozialarbeiterInnen fügten jeder Akte eine Beurteilung bei, meistens war sie mit einer psychiatrischen Diagnose wie „neurotische Fehlentwicklung“ verbunden oder etwa auch mit einem Kommentar wie zum Beispiel: „Herr S., vorher schwerer Alkoholiker, hat sich stark verändert und sich zu einem unauffälligen Bürger entwi­ckelt. Er geht einer geregelten Arbeit nach“. Ob die SozialarbeiterInnen ihre Diagno­sen von Ärzten oder Psychiatrischen Kliniken her wussten? Jedenfalls konnte ich in fast jeder Fürsorge­akte so eine „Diag­nose“ lesen und abtippen. Das Schicksal der Klienten, von denen ich las, hat mich ausgesprochen stark beschäftigt, aber auch das exzessive Beurtei­len der Fürsorger. An ausgedehnten wöchentlichen Gruppensitzun­gen unterhielten sich die Sozialarbei­terInnen bei Kaffee und Kuchen oft detail­liert und anschaulich über „ihre“ Fälle. Das grosse Bedürfnis nach Kontrolle auf die­sem Amt hat mich zutiefst erschreckt und verstört. Dazu kam noch der, wie mir schien, leichtfertige Informations­austausch mit anderen Ämtern. Wenn ich heute noch an diese Dinge denke, komme ich mir wie in einem Alptraum  gefangen vor. 

Ausserdem wurden diese Akten einfach in grosse Wandschränke versorgt. Ob die Aktenschränke nach Büroschluss abgeschlossen wurden, glaube ich zwar schon, kann ich mich aber nicht mehr genau daran erinnern. Eine Hauptwache der Polizei befand sich damals im unteren Stock des gleichen Gebäudes. Zu Büroöffnungszei­ten konnten PolizistInnen einfach hereinkommen und die Akten der FürsorgeklientIn­nen durchsehen. Nicht, dass ich Polizei bei den Aktenschränken gesehen hätte; es wäre aber jedenfalls gut möglich gewesen.

Ich gewann damals den festen Eindruck: Sozialhilfeabhängige sind nicht mehr frei. Sie sind vogelfrei. Sie sind eigentlich schutzlos den Sozial- und Sicherheitsbe­hörden völlig ausgeliefert, verfügen kaum mehr über Rechte, keine Würde, keine Pri­vatsphäre mehr.

Kündigung der Stelle und Aufenthalt in Paris – Krise

Mehrmals wurde ich in Gruppensitzungen mit fünf SozialarbeiterInnen direkt aufge­for­dert, meine Arbeit schneller zu erledigen. Die SozialarbeiterInnen hielten als Gruppe eng zusam­men. Ich versuchte es ihnen recht zu machen. Aber jede-/r von ihnen wollte es wieder anders haben. Ich biss mir auf die Zähne, aber ich schaffte es nicht. Dann wurde mir meine Stelle gekündigt.

Ein paar Monate später reiste ich nach Paris um eine Sprachschule zu absolvieren.

Ich wollte die Stadt auf eigene Faust erkunden und zog mich dabei immer mehr von den anderen Sprachschülern zurück. Schon nach wenigen Wochen geriet ich in eine schwere psychische Krise.

Auf den Stühlen in einer Metrostation sassen übel riechende Clochards und tranken ihren Wein. Wieder oben auf der Strasse sah ich noch immer ein Bild von dieser Szene in meinem Kopf, bald aber vermischte es sich mit den Erinnerungen an die Erlebnisse meiner Tätigkeit im Sozialdienst und dem, was ich in den Akten über die Fürsorgefälle gelesen hatte.

Heutige Erwerbstätigkeit und Gesundheit

Heute bin ich als Wachmann im Stundenlohn tätig; zu Fr. 25.- netto pro Stunde, bei einem sehr stark schwankenden Monatspensum von ca. 30 – 60 Prozent. Ich arbeite  jedes Wochenende, das ganze Jahr hindurch, manchmal zwölf, manchmal aber auch bis zu vierundzwanzig Stunden. Werktags habe ich diesen Monat frei. In man­cher Woche mache ich oft ein- bis dreimal eine zehnstündige Nachtschicht.

Es gibt aber auch nicht selten Abbrüche; plötzlich habe ich fast gar keine Einsätze mehr während eines Monats. Dann frage ich mich jedes Mal: ‚Ist die Firma nicht mehr zufrieden mit mir? Werde ich nächstens gekündigt?’

Sehr viele Wachleute arbeiten völlig unregelmässig. Sie wissen nicht, wann, wo und ob überhaupt, sie am folgenden Tag einen Einsatz haben. Sie erhalten zu Hause Telefonanrufe oder besprechen den Einsatz am Vorabend im Betrieb.

Mein Lohneinkommen als Wachmann hat 2012 Fr. 28‘000 betragen. Davon allein kann ich nicht leben. Eine zweite Stelle habe ich nicht. Sie wäre mit der  unregelmäs­si­gen Arbeit im Wachdienst auch kaum kompatibel. Wie sollte mit zwei oder mehr extrem unregelmässigen Jobs noch ein bisschen Leben möglich sein? Bei zwei Aus­hilfejobs wird fast immer Wochenendarbeit verlangt.

Ich übe diese Tätigkeit schon seit vielen Jahren aus. Am besten daran gefällt mir die viele körperliche Bewegung. Es ist ein Ausgleich. Eine Arbeit als Wachmann hat un­ter anderem den „Vorteil“, dass man sie auch mit siebzig Jahren noch ausführen kann.

Hauptsächlich im Mai und Juni gibt es oft auch Wochen, wo ich manchmal 40 bis 50 Stunden arbeite. Das ganze Jahr hindurch Vollzeit arbeiten könnte ich aber nicht. Der variable und unregelmässige Schichtbetrieb zu Randzeiten führt zu völliger sozi­a­ler Isolation und diese wiederum bedroht die Gesundheit als Ganzes. Für viele wird so ein Familienleben und jedes Sozialleben verhindert.

Die Tätigkeit als Wachmann habe ich vor bald vierzehn Jahren nach einer Phase der Erwerbslosigkeit begonnen.

Ich lebe allein. In meiner Freizeit male ich und beginne zurzeit einen Kurs mit dem Thema: ‚Farbe und Form’.

Ich fühle mich auch heute nicht „voll erwerbsfähig“,  vor allem könnte ich mir keine vollzeitige Bürotätigkeit mehr vorstellen. Ich leide seit sehr vielen Jahren, ja Jahr­zehn­ten unter starkem innerem Stress, unter Angstzuständen, chronischen, wenn auch seltenen schweren Depressionen, muskulären Verspannungen und häufigen starken Kopfschmerzen. Auf Medikamente verzichte ich aber. Da ich in meiner Jugend­zeit, die Erfahrung gemacht habe, dass die Nebenwirkungen von Psychophar­maka unab­sehbar und unkontrollierbar sind. Ausserdem habe ich Freunde, die sehr viele Psychopharmaka einnehmen. Ich sehe ihnen an, in welchem Zustand sie sich befin­den, - vor allem auch bei denjenigen, die in einer Psychiatri­schen Klinik eine Zwangsmedikation erhalten.

Eine IV-Rente habe ich keine. Von Behörden und Amtsärzten will ich mich nicht be­urtei­len lassen.

Eine selbstständige Erwerbstätigkeit als Alternative

Gewiss hat die Idee einer selbstständigen Erwerbstätigkeit ihren Reiz. Aber als je­mand, der damit keine Erfahrungen hat? Und, wenn ich mit dieser Investition schei­tere? Möglicherweise ist danach mein Geldvermögen fast oder ganz weg. Was dann? Von Sozialhilfe abhängig werden? Würde ich das gesundheitlich verkraften?

Berufliche Weiterbildung

Weiterbildung ist immer interessant. Nehmen wir mal an, es wäre eine interessante berufliche Weiterbildung, die auch noch zu einer guten Stelle führen sollte. Nach ei­nem Kaufmännischen Diplom, meinem letzten Berufsabschluss, würde so ein Bil­dungs­weg vielleicht fünfzehn oder jedenfalls mindestens zehn Jahre dauern. Auch deshalb so lange, weil ich keinesfalls in einem vorwiegend rechnerischen und admi­nistra­tiv-kaufmännischen Bereich tätig sein will. Es gefällt mir dort nicht, der da­mit verbundene Lebensstil gefällt mir nicht. Darf ich das überhaupt noch sagen?

Nach Abschluss einer neuen qualifizierenden Ausbildung, einem Umstieg, befände ich mich vielleicht bereits im Pensionsalter. Würde mir dann noch irgendwo ohne vorherige Berufserfahrung, eine zur Ausbildung passende und gut bezahlte Stelle angeboten?

Mai 2012, Hotel Bellevue

Im Hotel Bellevue in Bern nehme ich an der Veranstaltung einer Bank teil. Es findet ein Vortrag des Chefökonomen statt zum Thema: „Euro- und Schuldenkrise“. Nach dem Vortrag stelle ich dem Chefökonomen unter vier Augen die Frage: „Seit ein paar Jahren plagt mich die grosse Angst, dass das Weltfinanzsystem vollständig zusam­men­bricht. Wie sehen Sie das?“

Er gibt mir zur Antwort: „Da sind wir ja…“ und fügt danach noch ein paar ergänzende Erklärungen zur Eurokrise bei.

Ich frage ihn weiter: „Dann soll ich also mein Vermögen nicht besser von der Bank abheben und in der Matratze meines Betts aufbewahren?“

„Nein, nein, - ja nicht!“, sagt es, verabschiedet sich und geht weg um beim Apéro noch einen tüchtigen Appetithappen zu verschlingen.

Und nun folgen einige Abschnitte aus meinem Leben, rückwärts erzählt.

1996 als Nachtportier im Hotel

Ich arbeite als Nachtportier in einem kleineren Mittelklassehotel. Auf seine Bitte hin stelle ich dem Hotelier einen Bekannten als möglichen neuen Arbeitskollegen vor. Er ist IV-Bezüger. Der Hotelier teilt mir mit, er wolle meinen Bekannten nicht anstellen, da er ‚auf dem letzten Zacken gehe’…

1982 Entlassung aus der Psychiatrischen Klinik

Ich werde in eine Psychiatrische Klinik eingewiesen. Vor meiner Einweisung hat mir der Jugendpsychiater Dr. M., bei welchem ich in jahrelanger Behandlung war, zu verste­hen gegeben, dass er sich von meiner massiven Kritik stark angegriffen und gekränkt gefühlt hat.

Ich komme in eine geschlossene Abteilung.  Behandlungsmässig wird aber in dieser Klinik fast gar nichts unternommen. Ich bin zur Beobachtung und zur Diagnosestel­lung dort. Eine Diagnose, die mich sozial definitiv abstempeln würde. Nach zwei Wo­chen teilt mir eine Hilfsschwester auf dem Flur mit, ob ich denn schon wisse, dass ich die gefürchtete Diagnose „habe“.

Ein paar Tage später werde ich zum Oberarzt Dr. C. gerufen. Er fragt mich: „Was ist los? Was wollen Sie eigentlich?“

Ich antworte ihm: „Ich suche den Sinn des Lebens“

Darauf spannt er sich an und droht mir: „Sie wissen, dass wir Sie hier behalten kön­nen!“

Ich fühle mich eingeschlossen und will aus der Klinik wieder raus. Ich gebe dem Sta­tions­arzt vor, ich hätte ein Mansardenzimmer gefunden und eine Aushilfsstelle in Aussicht. Beides stimmt aber überhaupt nicht. Nur fast allein aufgrund dieser Anga­ben entlässt mich Assistenzarzt Dr. W. noch am selben Tag aus der Klinik. Zur Diag­nose sagt er nichts, - ob ich eben die befürchtete Krankheit „habe“ oder nicht. Er zeigt mir kein Papier, - einfach überhaupt nichts. Ich frage ihn aber auch nicht da­nach, denn ich  bin völlig nervös, befinde mich unter Druck und habe grosse Angst. Ich will einfach nur aus der Anstalt weg.

1975 beim Jugendpsychiater

An einem heissen Hochsommertag sitze ich als fünfzehnjähriger Jüngling dem Ju­gend­psychiater Dr. M. gegenüber. Seine Praxis ist abgedunkelt, die Storen sind her­untergelassen. Auf seinem Schreibtisch türmen sich Berge von Akten. Der Arzt, ein korpulenter, grossgewachsener Mann raucht eine Zigarette nach der anderen. 

Er blickt mir tief in die Augen, versucht mich zu hypnotisieren: „Den Sinn des Lebens suchst du, Entfaltung, was?“

Er verstärkt seinen Gesichtsausdruck und spricht es fest aus: „Ich sage dir etwas, im Leben geht es nicht um Entfaltung und Selbstverwirklichung!“ Dann wird er noch kraftvol­ler: „Es geht um Druck und Zwang! “

Seinen Ausspruch habe ich nie vergessen.

1974 im privaten Untergymnasium

Mein Vater, damals vierundvierzigjährig, ein Arzt mit eigener Praxis, leidet schon seit acht Jahren an einer fortschreitenden MS-Krankheit.

Eines Abends bittet er mich zu sich: „Du hast wieder einen ‚Anderthalber’ in Math. So schaffst du es niemals bis zur Matur. Der Rektor deiner Schule ist ein ehemaliger Klassenkamerad von mir. Ich werde ihn morgen anrufen, ihn fragen, wie du dich an der Schule hältst. Ich werde mit ihm sprechen…“

2013 Die Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen

Ich habe die Eidgenössische Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkom­men unterschrieben und werde ihr in einer Volksabstimmung zustimmen.

Einverstanden, wenigstens zum jetzigen Zeitpunkt, bin ich nicht auf eine staatliche Unterstützung angewiesen und materiell gut versorgt. Materiell gesehen, kann ich mich also nicht beklagen und will auch keineswegs in einer Opferrolle verharren.

Gerade eben auch aus der Angst heraus, zu einem Sozialfall zu werden, habe ich meine Arbeitsstellen lange - manchmal zu lange - behalten und oft genug erlitten; immer auch in der grossen Sorge, eine neue Stelle möglicherweise schnell wieder zu verlieren oder gar einen schweren psychischen Zusammenbruch zu erleiden. Ich wollte es eben unbedingt immer vermeiden, sozial den Boden zu verlieren oder ab­hän­gig zu werden; meine Selbstständigkeit und die „Kontrolle“ über mein Leben um jeden Preis erhalten. Dieses vermeidende und kontrollierende Verhalten hat aber seelisch und auch körperlich tiefe Spuren hinterlassen.

All meine Erfahrungen mit Druck und Angst überzeugen mich darin, dass unbedingt etwas getan werden muss. In erster Linie natürlich mal für die Menschen, die mittel­los geworden sind. Sie müssen wirklich wieder ihre vollen Rechte zurück erhalten.

Es gilt aber auch an die Wirkung der Angst zu denken, Arbeitsplatz und Existenz­recht zu verlieren. Die Wirkung der weit verbreiteten Drohung, oft gar Erpressung von Arbeitgebern und Anderen mit dieser Angst.

Gerade meine schlechten Erfahrungen bei der städtischen Fürsorge und der instituti­onel­len Psychiatrie in den Jahren 1981 und 1982 bestärken mich in meiner Zustim­mung zu einem BGE. Die teilweise skandalösen Zustände in diesen Institutio­nen kann ich niemals vergessen. Wie es dort heute ist, kann ich zu wenig beurteilen.

Es ist allerhöchste Zeit, dass wir in der Gesellschaft den sozialen Umgang lockern, vom gegenseitigen Konkurrenzieren herunterkommen. Die Angst vor sozialem Ab­stieg und Ausgrenzung müssen wir unbedingt abschwächen. Wer weiss, vielleicht würde sogar der ungeheure Druck am Arbeitsplatz abnehmen. So viele sind von Stress und einer ungeheuren Hektik gequält, viele werden davon krank. Ihre Familien werden stark belastet bis sie zerbrechen.

Noch einige Fragen

Glaubt denn jemand von Euch, dass die meisten SozialhilfeempfängerInnen die Steuerzah­lerInnen und die Behörden ausnutzen? Wo doch die Situation einer sozia­len Notlage jeden einzelnen treffen kann.

Glaubt Ihr wirklich, dass nicht genug Material und auch Geld vorhanden ist, um je­dem von Euch ein Leben in Würde zu ermöglichen und zu garantieren?

Glaubt Ihr wirklich, dass nicht genug Material und auch Geld vorhanden ist, um allen eine Existenz zu ermöglichen; vielleicht gar einmal den Hunger zu beseitigen?

Glaubt Ihr wirklich, dass unsere Angst, wir hätten zu wenig Geld, dafür berechtigt ist? Ist sie letztlich nicht vielmehr eingebildet und wird manipuliert?

Die soziale Existenzangst erscheint mir als die grösste Blockade jeder Entwicklung.

Sollte unsere Existenzangst nicht viel eher dem wirklich lebensbedrohenden Zustand auf diesem Planeten gelten?

Und zum Schluss möchte ich Euch noch gerne diese eine Frage stellen:

Wie wollen wir leben?

 

Zur Person:

Alexander Christian gibt als Autor seine authentischen beiden Vornamen an.

Zurück


Unterstützen Sie den Mediendienst
Hälfte/Moitié mit einer Spende über PayPal:



Bitte teilen Sie unsere Artikel: