Bedingungsloses Grundeinkommen

Oswald Sigg

Ein Kommentar zum BGE (Bedingungsloses Grundeinkommen)

Die Abkürzung steht in der Schweiz für etwas Wichtiges. Das sind die Bundesgerichts-Entscheide. Sie sind meistens abgehoben juristisch, langfädig und damit fast unleserlich. Aber sie haben den Anspruch, durch ein Urteil des höchsten Gerichts im Land, der Gerechtigkeit – wenn auch oft nur in einer unbedeutend scheinenden Frage – zum Durchbruch zu verhelfen. Gerechtigkeit herzustellen in unserer Gesellschaft ist ein äusserst mühsames und kompliziertes Vorhaben.

 

Hinter den Buchstaben BGE steht aber auch das Bedingungslose Grundeinkommen. Und auch dahinter steckt der Anspruch nach mehr Gerechtigkeit. Aber im Unterschied zu einem Bundesgerichts-Entscheid müsste das Bedingungslose Grundeinkommen eigentlich denkbar einfach zu realisieren sein. In der Schweiz, in einem der reichsten Länder der Welt. Wo denn sonst?

 

Stellen wir uns einmal vor: der Bundesrat beschliesst eines schönen Tages, dass jeder Mensch in der Schweiz ein bedingungsloses Grundeinkommen von monatlich, sagen wir, 2‘000 Franken zu Gute hat. Dieser schöne Tag wird nie anbrechen und selbst wenn der Bundesrat das BGE trotz aller Widerwärtigkeiten beschliessen würde, würde wohl gar nichts passieren. Ausser vielleicht dem kollegialen Gesamtrücktritt des ganzen Bundesrats. 

 

Warum das so ist? Weil wir Schweizer ein arbeitsames Volk sind. Als ich noch zur Schule ging und immer mehr Gastarbeiter aus dem Süden in die Schweiz kamen  (manche sprachen von Fremdarbeitern, die unser Land überschwemmten), da erzählten wir einander auf dem Pausenplatz die fundamentale Erkenntnis: die Italiener (manche nannten sie Tschinggen) arbeiten, um zu leben und die Schweizer leben, um zu arbeiten. Die Italiener hatten uns damals etwas Wesentliches gezeigt: dass sich die Lust am Leben nicht allein in der Arbeit erschöpft. Nur so war es zu erklären, dass diese Italiener zum Beispiel bei der Arbeit auf dem Bau fröhlich lachten oder vergnügt  jungen Frauen hinterher pfiffen. Die Muratori leisteten dazu gute Arbeit und das erst noch für weniger Lohn.

 

Nach getaner Arbeit sind viele Italiener wieder in ihre südliche Heimat zurückgewandert. Und in der Schweiz gibt es heute andere „Italiener“, zum Beispiel die Tamilen. Die sind mindestens so arbeitsam wie die Schweizer und fast noch fröhlicher als früher die Italiener.

Wir Schweizer können uns eine Arbeit ohne den direkten Bezug zum Geld gar nicht mehr vorstellen. Wir verdienen nicht fröhlich, sondern sauer. Wir arbeiten, damit wir dafür Cash bekommen. Damit wir pünktlich die Rechnungen zahlen können. Damit wir niemandem etwas schuldig bleiben. Wer würde überhaupt noch arbeiten wollen, wenn alle - die Armen und die Reichen, die Jungen und die Alten - einfach jeden Monat 2‘000.-- CHF (in Worten: zweitausend Schweizerfranken!) nach Hause geschickt bekämen. Wo kämen wir denn da hin?

Der Berner Pfarrer Kurt Marti hielt dazu schon 1967 in seinem Gedichtband rosa loui  fest: "wo chiemte mer hi / wenn alli seite / wo chiemte mer hi / und niemer giengti / fur einisch z'luege / wohi dass me chiem  / we me gieng."

(Erschienen als Gastbeitrag im Strassenmagazin SURPRISE vom 19.3.11)

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