Bezahlte Zeitungen für die oberen Gesellschafts­klassen

Paul Ignaz Vogel

Die rasante gesellschaftliche Veränderung macht auch nicht vor der Medien­produk­tion und dem Medienkonsum halt. Die gute alte Zeit, wo Redaktoren (vor allem Män­ner) Zusammenhänge erkannten und dies der Leserschaft von Druckerzeugnissen im Sinne einer wohlwollenden Belehrung mitteilten, scheint immer mehr Ge­schichte zu werden. 

Einordnungsjournalismus verliert an Bedeutung. Fun und Oberflächlichkeit nehmen in den Medien zu. Das rentiert auch für die Verlage und ist die wirt­schaftliche Realität heute. Ausbeutung der Emotionen anstatt Sachlichkeit, die Medien als Empörungsindustrie und Zulieferanten für den Populismus. 

Die Studie zur Medienqualität in fünfter Ausgabe von Professor Kurt Imhof von der Universität Zü­rich und seinem Team erlaubt zudem zusätzliche Fragen:

* Wie steht es mit den Arbeitsbedingungen der JournalistInnen in den Gross­raumbüros (Newsroom als Werkhalle) mit den sogenannten „Verrichtungs­bo­xen“, wie Imhof an der Medi­enkonferenz spöttisch und sexistisch meinte? Gibt es denn nicht einen Zusam­menhang zwischen Qualitätsschwund und der Aus­beutung der Bediensteten? Es fehlt im Medienbereich seit zehn Jahren ein Gesamtarbeits­vertrag (GAV) für JournalistInnen. Die Verlegerschaft hat immer noch kein Gehör. 

* Ist die Popularisierung des Lesens durch niederschwellige, oft oberflächliche Produkte, die gratis in den PendlerInnenströmen bereitliegen, nicht auch ein Beitrag zu mehr In­formation auf unterstem Niveau? Zwanzig Minuten pro Tag lesen oder gar nicht lesen – das ist die Frage. Die Tiefniveau-Produkte können durchaus et­was an minimaler Aufklärung in breitesten Schichten beitragen. Was auch ei­nen Beitrag zur Basis der Demokratie bedeuten würde.

* Bezahlte Zeitungen einerseits und Gratis-Produkte andererseits spiegeln ei­nen gesellschaftlichen Gegensatz wieder: Das Bildungsbürgertum mit seinen in Bezug auf die Herrschaft wohl informierten Eliten und die breite Masse der teilweise weniger Gebildeten, sprich der nicht Privilegierten. Die Zahl der ge­hobenen Menschen, die in ihrem Büro morgens zuerst die von ihrem Be­trieb abonnierte NZZ lesen – mindestens eine halbe Stunde lang – und erst dann zum Hörer oder PC greifen, wird im­mer kleiner. Und immer grösser die Zahl jener Menschen, die sich eine be­zahlte Zeitung aus Einkommensgründen nicht mehr leisten können. Auch das gilt es zu bedenken, wenn die Gratis-Landschaft im  Medienwesen kritisiert wird. Es gibt eine zunehmende Armut hierzulande. Paywalls im Internet für Zeitungen, die in der Print-Edition bezahlt werden müssten, sind für Armutsbetroffene unerwünscht. Sie helfen der reichen Verlegerschaft, noch reicher zu werden. Die Gratiskultur im Internet be­deutet für alle Benachteiligten auch einen sozialen Fortschritt. 

Die gesellschaftliche Diskrepanz in der Medienlandschaft könnte besser nicht beschrieben werden als mit dem Blick auf den Ort, wo die neu­este fög-Studie vorgestellt wurde: Im Salon rouge des Hotel Bellevue Palace in Bern. 

Jahrbuch Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera 2014

fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich

www.foeg.uzh.ch

 

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