Offener Brief an den Armeechef: Lieber Citoyen Blattmann

Paul Ignaz Vogel

Als Armeechef sind Sie auch Bürger unseres Landes. Ich freue mich, dass Sie Ihre Bürgerpflicht wahrnehmen und sich politisch zur Wehrpflicht äussern. Lassen wir daher die Mär von den angeblich unpolitischen (neutralen) Fachorganen der Sicherheit, von Armee und Geheimdienst beiseite. 

Unsere Demokratie lebt vom Diskurs, und dazu gehört auch Ihre Stimme. Noch ist die Zeit nicht gekommen, in der nachrichtendienstlich und strukturell durch verschärfte Observationen wiederum Misstrauen und Zwietracht in die Bevölkerung gesät werden kann. Noch sammelt ein Referendumskomitee gegen das neue Nachrichtendienstgesetz Unterschriften. Noch ist nicht aller Tage Abend, und noch herrscht - seit der Fichenaffäre anno 1989 - eine relative Freiheit im Lande. Wollen wir sie wirklich wieder abschaffen? 

Zwar bin ich gar nicht Ihrer Meinung, Citoyen Blattmann. Sie gehen von der heutigen Wehrpflicht aus, welche eine Ausgeburt des kriegerisch gesinnten Patriarchates ist. Sicher wissen Sie, dass in der griechisch-römischen Kultur das Grundeigentum erfunden wurde, zu dessen Schutz dann die Männer zu den Waffen griffen. Territorien verteidigten und Territorien eroberten. Was wir gemeinhin heute Kriege nennen. Ihre Güter besiedelten unsere europäischen Vorfahren mit Lebensgemeinschaften, in welchen  der freie Mann die erste Sklavin zur Frau nahm und mit ihr legitime Nachfolgschaft zeugte. Das war dann die Familienmutter, die untergeordnete Ehefrau. 

Ihr Wehrmodell von heute geht immer noch von diesem altväterischen, zutiefst patriarchalischen, unfreien und nicht auf Gleichheit beruhenden Gesellschaftsmodell aus. Doch unsere Gesellschaft entwickelt sich von diesem unterdrückerischen Konzept weg in Richtung von Emanzipation der Frauen und der Männer. Haben Sie das noch nicht wahrgenommen? 

Auch ich bin für das System Rechte und Pflichten. Wer die Vorteile unseres freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates geniesst, soll auch Pflichten haben. Wir dürfen nicht nur Vorteile konsumieren, sondern müssen auch etwas an deren Erbringung beitragen. 

Ich schlage daher einen grundsätzlich obligatorischen Sozialdienst für Frauen und Männer vor. Erwachsen gewordene Menschen müssen dem Staat nicht nur Steuern zahlen, sondern mit Gratisarbeit (die nicht freiwillig ist) temporär aushelfen. Dieser obligatorische Dienst an der Gesellschaft wäre dann aufzusplitten in einen Zivildienst oder einen Militärdienst freier Wahl. 

Automatisch befreit von dieser Pflicht wären alle Eltern, Elternteile, Mütter und Väter, die sich um die Pflege und Betreuung ihrer Kinder bis ins Erwachsenenalter kümmern. Gewiss würde ein solches Projekt eine Verfassungsänderung voraussetzen, welche die Enge einer Nur-Wehrpflicht abschafft. Und entsprechende Gesetzesänderungen. Aber dazu ist ja unser politisches System da, falls es noch nicht im patriarchalischen System erstarrt und flexibel geblieben ist. 

Ich wünsche Ihnen alles Gute, Citoyen Blattmann!

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