Die Finanz-Party ist vorbei

Hälfte / Moitié

Die Banken spielen eine Sonderrolle und stellen eine Machtballung ausserhalb der Realwirtschaft dar. Sie dominieren aktuell Gesellschaft und Politik. Die Soziologin Chantal Magin interpretiert im Interview die Entwicklungen in der Ban­kenwelt.


Hälfte: Ihr habt das Buch „Strukturierte Verantwortungslosigkeit“, einen Be­richt aus der Bankenwelt, verfasst. Kannst du mir die gemeinsa­men Haupt­aussagen darlegen?

Magnin:
Innerhalb der Bankenwelt gibt es Schuldzuweisungen für das Versagen in zwei Richtungen. Erstens gibt so etwas wie eine Naturalisierung („der Mensch ist von Natur aus schlecht“). Mit dem Spruch „die anderen hätten es auch gemacht“ wird das bodenlose Gewinnstreben entschuldigt und das Gewissen entlastet. Dann gibt es die Schuldzuweisung an die Anderen. Das können die Amerikaner, die Investmentbanker, die Kunden, die Chefs sein.

Hälfte: Gibt es denn ein soziologisches Erklärungsmuster für die Fehlentwick­lung im Bankenwesen, und wenn ja, wie sieht es aus?

Magnin:
In der heutigen Bankenwelt sind die Hierarchien sehr ausgeprägt. Zudem wird parzelliert in Abteilungen gearbeitet, zwischen denen kaum Quer­verbindungen beste­hen und keine von der anderen weiss, was sie tut. Niemand fühlt sich mehr zuständig

Die Investmentbanker nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn sie die Situation im Bankenwesen schildern. Sie sagen: Es war eine Party, jetzt ist sie vorbei. Sie fühlten sich wichtig, weil ihnen die Vorgesetzten viele Freiheiten liessen. Diese wussten dann vermutlich selbst nicht immer, was läuft. Je­der tat nur das freudig, was ihm nützte oder unterliess das, was ihm schadete. Es herrschte die typische Partystimmung. Das ist natürlich kein Ver­halten, das der volkswirtschaftlichen Bedeutung von Banken Rech­nung trägt.

Hälfte: Und gibt es denn gar keine moralischen Bedenken?

Magnin:
Ja doch. Von uns interviewte Banker mit liberaler Gesinnung, die jegli­chen Staatsinterventionismus ablehnen, ärgerte es schon, dass der Staat eine Bank retten musste und damit möglicherweise ihren eigenen Arbeitsplatz. Das wird zum fast uner­träglichen Dilemma. Im Bankensektor finden wir zugleich kaum eine Grund­haltung der Solidarität. Schon gar nicht mit anderen Berufskategorien. Vereinzelt existiert ein Unwohlsein gegenüber den Ge­schäftskunden, denen weniger Kredit ge­währt wurde als noch vor der Krise. Man leidet selbst darunter, dass das Ansehen der Banken gelitten hat.

Hälfte: Wie kann man die Bankers am besten typisieren?

Magnin:
  Die Bankers sind gut bezahlte Angestellte, die sozial aufgestiegen sind. Sie hatten einst einen Beruf gewählt, der als sicher galt. Wenn man früher einen si­cheren Ar­beitgeber suchte, dann empfahl sich am ehesten eine Anstellung in der öffentlichen Verwaltung oder bei einer Bank. Die Bankenwelt und die Situation der Banken befinden sich nun im Umbruch. No future ist die Stimmung. Es ändert sich derzeit vieles. Lehrlinge springen ab. Jene Gedankenlosigkeit ist vorbei, als Joe Ackermann, ein Schweizer, das Renditenziel der Deutschen Bank einfach immer weiter hinaufschrauben konnte.

Hälfte: Welches sind die Auswirkungen der Bankenwelt auf die Gesamtgesell­schaft?

Magnin:
  Die Banken, aber vor allem die Rating-Agenturen können das politische Ge­schehen massgeblich beeinflussen. Viele ExpertInnen sagen, dass mit Grie­chenland und Italien in der EU ei­gentlich die Banken gerettet werden. Die Banken sind anscheinend nicht in der Lage, die von ihnen eingegangen Risiken letztlich sel­ber zu tragen. Auf der anderen Seite kann die Bankenregulierung kaum durchgesetzt werden. Auch Obama tut sich schwer daran. Die too-big-to-fail-Proble­matik ist allge­genwärtig.

Hälfte: Ist etwa der Spieltrieb die Motivation der Banker?

Magnin: 
Da gibt es bei den Bankern grosse Unterschiede. Ein paar der von uns Interviewten, die im Private Banking tätig sind, legen immer noch Wert auf Seriosität, Vertrauen, Langfristigkeit, KundInnenbezie­hung. Doch es war das Investment Banking, das in den letzten Jahren ein grosses Wachstum verzeichnete. Dort geht es nur ums Spiel wie in einem Casino.

Hälfte: Das Bankengeschäft ist sehr abstrakt. Numerisch, nur mit Zahlen. Wel­ches sind die Auswirkungen auf die Realität?

Magnin:
Diese Abstraktheit bewirkt, dass die Realwirtschaft ausser Acht gelassen wird. Ein Teil des Bankengeschäfts ist abgehoben von der wirtschaftlichen Wert­schöpfung durch die Herstellung von Produkten. Es ist reiner Finanzkapitalismus.

Hälfte: Besten Dank für das Gespräch!

Zur Person:
Chantal Magnin, 1968*, Soziologin, Dozentin und Forscherin, derzeit tätig an der Hochschule Luzern sowie am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Mitautorin des Buches „Strukturierte Verantwortungslosigkeit, Berichte aus der Bankenwelt“.

 

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