Die Küchen der Welt am Käferberg

Oswald Sigg

In einem gediegenen Restaurant in Zürich werden erwerbslose Migrantinnen und Mig­ranten aus dem Gastrobereich sprachlich und beruflich weitergebildet und bei der Stellensuche begleitet. Ein sinnvolles Projekt des SAH Zürich und eine Bereicherung für Wipkingen.

Wipkingen ist ein sympathisches  Zürcher Quartier mit einer buntgemischten Bevölkerung und einem gesunden Kleingewerbe, am Käferberg, einem Ausläufer des Zürichbergs gele­gen. Mittendrin, an der Kreuzung der Rosengarten- mit der Lägern- und der Wibichstrasse findet der aufmerksame Spaziergänger ein Restaurant mit einer auffallend grossen und ge­bogenen Fensterfront unter einem gläsernen Vordach. Das Lokal ist dezent und - wie es zu­nächst scheint - fehlerhaft  angeschrieben:  SAHltimbocca. Aber tatsächlich deutet der Name darauf hin, dass man hier eine Wirtschaft betritt, die etwas mit dem SAH, dem Schweizeri­schen Arbeiterhilfswerk Zürich, zu tun hat. Kaum zu glauben, denn das Interieur dieses an sich nüchternen Etablissements ist von ausgesuchtem Geschmack: frühmodernes Mobiliar im Bauhausstil.

Noch ist das SAHltimbocca  mässig besucht an diesem Morgen. Ein paar Quartierbewohner sitzen beim Kaffee. Aber die meisten Tische werden bereits gedeckt für das Mittagessen. Einige erhalten ein RESERVIERT-Täfeli. Durch die offene Küchentür hinter dem Büffet sieht man und duftet schon die Zubereitung des Tagesmenus: Saltimbocca.  Der Patissier hantiert mit dem Rahmschläger. Im hinteren Teil des Restaurants steht zwischen den noch unge­deckten Tischen ein Bügelbrett. Eine Migrantin aus Afrika glättet Tischtücher und Servietten. Die Atmosphäre ist geradezu familiär.

Kulturelle Vielfalt

Pascale Suter betreibt mit ihrem Team bestehend aus Fachleuten, nämlich einem Koch, einem Patissier, zwei Coaches und einem Zivildienstleistenden das Arbeitsintegrationsprogramm. Das Team wird unterstützt von 20 stellensuchenden Mitarbeitenden aus dem Gastronomiebereich. Hier arbeiten Erwerbslose während längstens sechs Monaten. 60 % Arbeit und 40 % Ausbildung. Sie verbessern ihre fachlichen und persönlichen Fähigkeiten und besuchen Deutschkurse. Das gemeinsame Ziel: sprachliche und berufliche Fähigkeiten zu entwickeln um bald eine neue Stelle zu finden. Es sind alles Migrantinnen und Migranten bis auf eine Ausnahme. Die Tische werden gedeckt von Nadia Ott. Sie ist für den Service zuständig und sie spricht – im Unterschied zu ihren KollegInnen - Züritütsch. Auch sie ist, wie die übrigen Projektteilneh­menden, als Erwerbslose über das RAV hierher vermittelt worden. Es gefällt ihr sehr gut. Aufgrund ihrer Ausbildung als Servicefachangestellte ist sie für den professionellen Service zuständig.  Allein in der kalten und warmen Küche, in der Patisserie und Lingerie arbeiten zurzeit 19 Stellensuchende aus 12 verschiedenen Ländern.  Sie bereiten sich alle auf den Wiedereinstieg in den regulären Arbeitsmarkt vor. Und dort – wie hier in der Küche des SAHltimbocca – besteht die grösste Herausforderung darin, sorgfältig, exakt und hygienisch zu arbeiten, sich dabei auf Deutsch zu verständigen und dem hohen Produktionsdruck stand zu halten. Eine der Voraussetzungen ist es, dass sich jeder um die gegenseitige Verständi­gung bemüht. Und das klappt auch, sagt Nadia Ott. Sie beschreibt ihre TeamkollegInnen wie eine Familie. Da bilden sich nicht etwa Ländergrüppli, wo man unter sich ist. Eigentlich gibt es nur zwei Gruppen: Anfänger und Fortgeschrittene – was die deutsche Sprache betrifft. Es ist eine kulturelle Vielfalt und das „Miteinander ist sehr wichtig“. Etwa beim Mittagessen, wo man am gemeinsamen Tisch sitzt und von der Stellensuche berichtet, vom Sport schwärmt, von den Freunden und Angehörigen erzählt.  Hat einer irgendwo einen Probetag zu absol­vieren oder ein Anstellungsgespräch in Aussicht, so wird ihm an diesem Tisch gut zugeredet und viel Glück gewünscht.

Exotische und bürgerliche Küche

Das Restaurant ist jetzt gut besetzt. Geschäftsleute, Nachbarn, Passanten, ältere Damen und Herren und Mütter aus dem Quartier. Am Anfang  sei es eher eine „ruhige Sache“ ge­wesen, lacht Frau Ott. Aber jetzt habe es sich herumgesprochen. Mittlerweilen gibt es einige Stammgäste, die fast jeden Tag vorbeikommen. Und gestern Abend wurde hier ein Ge­burtstag mit 50 Gästen gefeiert. Das Menu mundet wirklich: Kalbsschnitzel mit Schinken und Salbei sowie Saffranrisotto. Saltimbocca eben: Spring in den Mund. Jeden Tag wird hier ein anderes Mittagessen gekocht und serviert und immer in einer Fleisch- und einer Vegi-Vari­ante. Eine internationale Küche, indisch oder thailändisch oder schweizerisch – quer durch die Küchen der Welt, schwärmt Nadia Ott.

Das Restaurant SAHltimbocca ist eine kleine Welt für sich, die erwerbslosen Migrantinnen und Migranten viel bedeutet: Respekt, Anteilnahme, Ausbildung, Begleitung bei der Stellen­suche, Kontakte mit den Gästen.  Und wenn die Wipkinger hier einkehren, haben sie nicht nur gut gegessen, sondern auch ein gutes und sinnvolles Projekt unterstützt.

Ja und zum Kaffee wird hier ein gefährlich gluschtiges Praliné-Konfekt serviert. Das ist eine Köstlichkeit, die man im Grand-Hotel Dolder auf dem Zürichberg nicht mehr bekommt. Der Konditor hier hat bis vor kurzem dort gearbeitet.

 

SAHltimbocca
Lägernstrasse 37
8037 Zürich

Tel. 044 350 55 45

Bus 32 bis Lägernstrasse / Bus 46 und 33 bis Bahnhof Wipkingen

 

 

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