Öffentlicher Diskurs in Aarau: Gleichstellung aus der Sicht von Frauen und Männern

Paul Ignaz Vogel

Vor einem mehrheitlich jungen und weiblichen Publikum erläuterte Nationalrätin Yvonne Feri (SP / AG) am 5. Oktober 2015 an einer öffentlichen Abendveranstaltung in Aarau die Stereotypisierung der Geschlechter, was wir allgemein Sexismus nennen. Es folgte eine anregende Podiumsdiskussion. 

Yvonne Feri hatte eine  Sequenz mit Bildern von TERRE DES FEMMES zusammen getragen und stellte sie dem Publikum vor. Daraus ergaben sich Beispiele. In der Verkaufswerbung tauchen mit Autos halbnackte Frauen auf, die nichts mit dem beworbenen Angebot zu tun haben. Oder in einem Gruppenfoto präsentiert sich eine Geschäftsleitung von 17 Personen, worunter nur zwei Frauen sind. „In der Wirtschaft ist es halt so“, hören wir die Unkenrufe. Als im schweizerischen Bundesrat temporär vier Frauen regierten, tauchte sofort die Frage auf, ob dieses Gremium denn noch funktionstüchtig sei. Ein junger Mann, der in einem Dorf um 11 Uhr vormittags mit dem Kinderwagen spazieren geht, wird schief angeschaut. Einige Menschen munkeln bereits, der junge Vater sei halt arbeitslos und darum gehe er an die frische Luft mit dem Kind. Weitere solche - die Gesellschaft krank machenden Stereotypen - kennen wir aus dem Alltag: Unsere Kinder werden in diese Situation der Vorurteile und Ungleichheit hineingeboren. Und das ist nicht gut so.

Gleiche Chancen für Geschlechter

Feri erinnerte die ZuhörerInnen auch daran, dass in den eidgenössischen Räten nur knapp 30% Frauen vertreten sind, obwohl die eine Hälfte der Gesellschaft aus Frauen, die andere aus Männern gebildet wird. Warum muss es nur immer die SP (zusammen mit den Grünen) sein, die für die Gleichberechtigung und gleichwertige Vertretung von Frau und Mann kämpft? Und warum ziehen andere Parteien nicht mit? Geschlechterquoten in den Gremien zu fordern, mag mitunter anecken. Aber es ist das letzte Mittel eines Bevölkerungsteils, der seit Jahrzehnten nicht zur Gleichbehandlung gelangt. Seit 34 Jahren definiert die Bundesverfassung die Gleichheit beider Geschlechter. Einiges hat sich seither in der Gesellschaft verändert, Vieles bleibt noch zu realisieren. Beispielsweise  gibt es noch eine krasse Lohn-Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Solange diese besteht, soll auch das Rentenalter der Frauen nicht an jenes der Männer angehoben werden. Denn dies bedeutete bloss eine formelle Gleichstellung, um zu sparen. Das wäre eine juristische Gleichbehandlung mit gleichzeitig  fortbestehender Diskriminierung der Frauen in den Löhnen. 

Erziehung zum Menschengeschlecht

In der Diskussion unter der Leitung von Natascha Wey, Historikerin, ergänzte Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni (SVP / AG) ihre Sicht der Dinge. Im Nationalrat gibt es nur eine Frauenvertretung von rund 30%, weil eben oft Frauen nicht Frauen wählten. Sie selbst habe als Mutter darauf geschaut, trotz ihres geschäftlichen Engagements im Unternehmen ihres Mannes die beiden Söhne seit klein auf zur Mitarbeit im Haushalt zu erziehen. Ganz allgemein hänge alles davon ab, wie Söhne von Müttern erzogen werden. Es braucht dazu eine Entwicklung in der Gesellschaft und die Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet. 

Markus Theunert, Präsident von männer.ch folgerte daraus, dass wir uns nicht in mikrosoziale Bereiche einengen dürfen, sondern das Problem strukturell sehen und zu lösen versuchen sollten. Zwischen den Geschlechtern besteht immer noch eine ungleiche Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Männer wären vermehrt in die Care-Arbeit einzubinden. Und in Lebensgemeinschaften (Familien z. Bsp.) müsste das Beschäftigungsrisiko gerecht verteilt werden. Eine Elternzeit mit Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub wäre anzustreben. 

Von den JungsozialistInnen (JUSO) vertrat Florian Vock, Nationalratskandidat aus Baden die Ansicht, es ginge nicht darum, in einem maroden System Positionen mit mehr Frauen zu besetzen. Er wünscht sich nicht mehr bürgerliche Parteifrauen, die bürgerliche Interessen vertreten. Nicht noch mehr Frauen als CEOs in Unternehmen des ausbeuterischen Kapitalismus. Ihn interessiert die Frage zentral: Wie geht es den benachteiligten Unterschichten, und wie können sich diese emanzipieren? 

Disput um die Lohnarbeit

In der Diskussion über die Lohnarbeit schieden sich die Geister der DiskutantInnen des Podiums. Vieles könne nicht vom Staat und unserer Politik erreicht werden. Sondern Probleme rund um die  Arbeit müssten in den Unternehmen und privat gelöst werden. Doch bestehen auch gesetzliche Anforderungen, wurde entgegnet. Mit einer Lohnklage versuchen Unterrichtende im Kanton Aargau Lohngleichheit zu erreichen. Die Frauen warten schweizweit seit 34 Jahren auf die Gleichbehandlung im Lohnbereich, weil das Prinzip der freiwilligen Angleichung durch die ArbeitgeberInnen versagt hat. Statt einer weiteren Ausdehnung der Kontrollen wären Verbesserungen durch die Gesamtarbeitsverträge (GAV) zu erreichen. 

Aus dem Publikum meldeten sich interessante Stimmen. Es fehlt die Lohntransparenz am  Arbeitsplatz. Würde diese gefördert, könnte es für benachteiligte Frauen auch leichter werden, ihre Gleichbehandlung im Lohn direkt im Unternehmen einzufordern. Ein Hinweis galt schliesslich dem Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE). Dieses ist geschlechtsparitätisch konzipiert und sollte jeder Person, unabhängig vom Geschlecht, gleich ausbezahlt werden. 

Was zu tun wäre 

Nebst der Forderung nach Geschlechterquoten in den Gremien und dem Vollzug der verfassungsmässig versprochen Lohngleichheit wurden in der allgemeinen Diskussion Massnahmen zu mehr Gleichheit zwischen Frau und Mann erwähnt: Nebst dem Kampf gegen sexistische Werbung wäre auch dem geschlechtsneutralen Gebrauch der Sprache viel mehr Aufmerksamkeit zu widmen. 

Der Veranstaltungsabend war ein Lichtblick in der politischen Kultur. Sittig wurde zugehört, treffend argumentiert und die andere Meinung respektiert. Nationalrätin Yvonne Feri (SP / AG) hatte dazu eingeladen und es möglich gemacht.   

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