Ja, wüsch dä Dräck äwägg, äwägg, äwägg, äwägg

Gabriela Pereira

Ditelo ai merli, denke ich, als ich wieder erwache, mitten in der Nacht, wie man so schön sagt. Der Strassenkehrer ist unterwegs bei uns im Quartier. Es ist kurz nach 3 Uhr morgens. Aber die Amseln läuten noch nicht, nur dann und wann dieser Pfeifton; ein Vogel ist das nicht. 

Vor einigen Tagen hörte ich im Radio, dass man sich als Schlafende an die Töne der vertrauten Umgebung derart gewöhnt, dass ein neuer Ort, bspw. in einer anderen Stadt, Schlaflosigkeit bedeuten kann. Ja, die Schaufel auf Asphalt, der Wischton des Besens haben mich geweckt. In einigen Nächten könnte ich mich daran gewöhnen; hörte ich es dann in der Nacht, würde ich, laut Radio, noch im Schlaf denken, schön, aha, wie immer, der mir inzwischen vertraute Strassenkehrer ist unterwegs: ich bin beschützt. Und würde mich wohlig im Bett wenden, während er seine Arbeit tut. 

Jedoch wird es mich in Kürze wieder in eine neue Umgebung werfen, denn unsere Siedlung wurde verkauft. Meine Gewohnheit ist - selten freiwillig - eine Reisende zu sein; ich hatte immer wieder zu verreisen, seit Kindheit. 

Also stehe ich auf, gehe in die Stube, beginne zu lesen. Der Strassenkehrer wischt noch immer; er ist gründlich. Ich beginne zu spinnen: Fäden. Und meine liebsten Begleiter in dieser Netzgestaltung sind momentan Geister die mich rufen. Denn die Stadt, in die es mich vor zwei Jahren getrieben hat, will sich schön machen, für gute Steuerzahler. Dazu verdichten sie bei uns im Tal, während auf den Hügeln Luxus­wohnungen entstehen dürfen. Nein, sage ich, in diesen Sumpf möchte ich nicht mehr geraten: in den letzten Monaten vermehren sich in dieser Stadt die Zeichen, wenn man so will. Ich musste mich beruflich vor einigen Jahren damit befassen, mit den selbsternannten Kreuzrittern, die ihre Haken nicht sehen wollen. Es springen mich von Mauern Schriftzeichen an: 1939: ewig treu, Kristalle, Wolfshaken und, was mich besonders schockierte: das Wappen der Salazar-Diktatur auf der Heckscheibe eines riesigen, schwarzen Geländewagens. 

Auch vor einigen Jahren lernte ich Menschen, die zu solchen Geistern in meinen Ge­danken werden können, anzusprechen. Ich stehe also auf, werfe mich in die Fetzen: der Mann kehrt noch immer. 

„Guten Morgen“, sage ich freundlich und aus sicherem Abstand. „Ich hätte eine Frage.“ Der Mann legt die Schaufel weg: „Ja?“ Die erste Frage war folgende: „Müs­sen Sie bei den alten Villen oben am Hügel auch in aller Herrgottsfrühe die Strassen säubern?“ 

Dort werde erst ab 5 Uhr morgens gekehrt, hatte er freundlich und schmunzelnd er­widert. So kamen wir ins Erzählen. 

Er arbeite erst seit vier Jahren beim Strasseninspektorat der Stadt. Die Druckerei habe damals geschlossen. Sie hätten es über die Medien erfahren. Die meisten Entlassenen hätten keine Arbeit mehr gefunden. Er jedoch schon. Er wisse sich im­mer zu helfen, habe schon als Kind gearbeitet. Vor einigen Wochen habe er auch an dieser Strasse gekehrt, dann sei es wieder mal geschehen; seine Hüfte blockierte. So stand er kurz da, wartete ab; das sei er sich gewohnt. Eine Frau aus dem grossen Haus (es hat in diesem Quartier nicht nur Wohnblöcke) rief dem Strasseninspektorat an, beklagte sich über ihn; er würde trödeln, nur rum stehen. Eigentlich habe er die Prüfung für die Wischmaschinen, doch er müsse halt kehren, damit dieselben Ma­schinen die Haufen dann einsaugen könnten, deshalb sei er so früh unterwegs. Mo­mentan müsse er zwei Quartiere abdecken, denn ein Arbeitskollege habe, kurz vor seiner Pension, ein „Schlägli“ erwischt. Der würde nie mehr arbeiten können. Er stehe selbst kurz vor der Pension, habe eine Eigentumswohnung, die er behalten wolle, müsse jetzt auf die Zähne beissen. Auch seine Frau arbeite, damit sie über­haupt über die Runden kämen. Kürzlich sei seine Mutter gestorben. Er sei gerade in Ferien gewesen, habe den Chef gefragt, ob er die drei Tage anhängen könne. „Nein“, sei die Antwort gewesen. Ja, früher habe er gut verdient in der Druckerei: CHF 7000.- im Monat. Mieter wolle er nicht mehr werden: viel zu teuer. Innert sechs Wo­chen könne einem gekündigt werden. Einer der Neuen habe gleich die Wischma­schine bekommen. Der sei ein ganz Fauler; lasse immer extra einen Streifen aus, damit wir nochmals wischen müssen. Er habe sich schon beim Chef beklagt. Aber sie müssten halt sparen, habe die eine Stadträtin gesagt. Na, er wisse sich schon zu helfen, falls er gekündigt würde. 

Ich stehe da, neben dem Strassenkehrer, beginne zu frieren. Er legt eine Hand auf meinen Oberarm sagt: „Jetzt frieren Sie.“ „Ja“, sage ich. 

Die Schuhe der Stadt seien auch nicht mehr, was sie mal waren, erzählt er weiter. Wenn die nass sind, bekommt man sie wochenlang nicht mehr trocken. 

Ich schaue auf meine Schuhe. 

„Kommen Sie doch mal zum Kaffee.“ 

Das hatte er gesagt. Jetzt sitze ich hier, und schreibe. Die Wahrheit steht auf. Aus allen Ecken und Enden.

 

Zur Person:

Gabriela Pereira hatte immer aus Kisten zu leben, denn versorgen liess sie sich nicht. Im Gegenteil, sie wurde zur Reisenden und Erzählenden. Deshalb schreibt sie auch gerne für Hälfte / Moitié.

Siehe:
http://www.schweizermonat.ch/artikel/rabenspiel

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