Ein Jahrhundertleben

Oswald Sigg

Kampf gegen den Faschismus in Spanien, Kampf für soziale Gerechtigkeit in der Schweiz, Emigration in die Sowjetunion und Flucht zurück in die Heimat – das bewegte Leben des Schlossers Hermann Alt.

Sehr spät, erst  vor gut zwei Jahren, ist die Rehabilitierung der Spanienkämpfer per Bundesgesetz in Kraft getreten. Die Frage, inwiefern die Rückkehrer des ca. 800 Mann starken Schweizer Kontingents, das in den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 1936-39 kämpfte, nach damaligem Recht als Söldner in fremden Diensten oder nach heutigem Rechtsempfinden als frühe und überzeugte Streiter gegen den aufkommenden Faschismus zu beurteilen waren, war  jahrzehntelang heftig umstritten, sowohl in der Politik wie in der historischen Publizistik. Nun ist eine weitere Biografie eines Spanienkämpfers erschienen. Der Autor  und Filmschaffende Erich Schmid hatte 1987 längere Gespräche mit dem damals 77-jährigen Spanienfreiwilligen Hermann (Männy) Alt geführt. Heute legt Schmid, in Zusammenarbeit mit dem Publizisten und Historiker Ralph Hug, eine höchst originelle und spannende Auswertung seiner Tonbandaufnahmen vor, die auch Gespräche mit  Angehörigen der Familie dieses überzeugten Kämpfers wider das politische Unrecht umfasst. 

 

Spanienkämpfer

 

Aufgewachsen in Füllinsdorf BL macht Hermann Alt eine Schlosserlehre und absolviert 1930 die Rekrutenschule. Mit einer Gewerkschaftsdelegation besucht er 1933 die Sowjetunion und engagiert sich nach seiner Rückkehr in der Kommunistischen Partei.1937 zieht er in den Krieg nach Albacete. Seinen Eltern schreibt er, er wolle sich in Spanien nicht nur gegen den Faschismus engagieren, sondern es gehe „um den Frieden in Europa überhaupt.“ Er wird in der Flugabwehr eingeteilt und kämpft in Madrid und Zaragoza. Zurück in der Schweiz  wird Alt von der Militärjustiz zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Danach leistet der ehemalige Interbrigadist als Kanonier der Schweizer Armee Aktivdienst. 1944 heiratet er die Russin Tatjana Baklykowa, die, nach Zwangsarbeit und Deportation in der Ukraine, über Deutschland, wo sie Opfer von Blutentnahmen für die deutsche Wehrmacht wurde, in die Schweiz flüchten konnte.

Aktiver Kommunist

 

Hermann Alt ist gewerkschaftlich im SMUV und politisch in der Partei der Arbeit aktiv und wird 1943 Gemeinderat in Füllinsdorf und 1944 auf einer Gewerkschaftliste in den Baselbieter Landrat gewählt. Nach dem Krieg organisiert er einen „Italienerstreik“ in der Waggonfabrik Schindler in Pratteln. Daraufhin schliesst ihn seine eigene Gewerkschaft  aus und sein Name wird auf die „schwarze Liste“ der Arbeitgeber gesetzt. Er ist arbeitslos. Er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch und emigriert 1956 in die Sowjetunion. Hier findet der Schlosser zwar Arbeit in einem Stahlwerk, seine Frau arbeitet als Krankenschwester und die Kinder besuchen die sowjetrussische Schule. Aber Männy, der politische Kopf und Demokrat, kann sich nicht an das sowjetische Paradies gewöhnen, das ihm in der Heimat die Partei der Arbeit verheissen hatte. Er stellt einen Ausreiseantrag. 

 

Flucht aus der Sowjetunion

 

Dieser wird von seinen Genossen in der Schweiz jahrelang und erfolgreich hintertrieben, sodass er schliesslich mitsamt seiner Familie nach Moskau flüchtet – in die schweizerische Botschaft. 1960 kehrt die Familie Alt in die Schweiz zurück. Hermann Alt arbeitet bis zu seiner Pensionierung bei Escher Wyss in Zürich, unter der ausdrücklichen Bedingung der politischen Enthaltsamkeit. Wegen ungenügender Altersversorgung arbeitet er danach noch weitere zehn Jahre als Ausläufer bei einer Bank.  Seine Frau stirbt 1978 an den Spätfolgen der Blutentnahmen im Alter von 50 Jahren. Hermann Alt verbringt seine letzten Jahre im Altersheim Füllinsdorf und stirbt im Jahr 2000.

 

Ein Jahrhundertleben, in dem sich das grosse Weltgeschehen spiegelt in Aufbruch und Hoffnungen, aber auch und gerade in politischer Ohnmacht und tragischem Scheitern.

 

 

Erich Schmid , In Spanien gekämpft, in Russland gescheitert, Nachwort von Ralph Hug, Zürich: Orell Füssli, 2011

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