Ein Sachabgabe-Zentrum für Nothilfe

Oswald Sigg

Notizen vom Besuch im Eschenhof Gampelen, im Bezirk der kantonalen Strafanstalten des bernischen Seelandes am 28.Juni 2012. Jeder und jede hat hier eigentlich keine Lebensberechti­gung mehr. Zwar seit Jahren in der Schweiz, ist das Asylgesuch definitiv abgelehnt worden und sie müssten nun ausgeschafft werden.

In den Gängen treffen wir „Gäste“, die der Leiter des Sachabgabezentrums knapp grüßt. Keinerlei fröhliche, jedoch indiffe­rente Gesichter. Einige sind verängstigt, viele praktisch wortlos. Teilweise arbeiten sie hier im Haus: Treppe wi­schen, Toiletten putzen, Tische und Böden nass aufnehmen usw. Für diese mehrstündigen Arbeiten  erhalten sie 1 Unterschrift, bei weni­gen Arbeiten auch 2 oder ganz selten 3. Pro Unterschrift gibt’s einen Gutschein über Fr. 2.50. Pro Tag haben alle ei­nen Gutschein von Fr. 6.— zu gut. Bargeld gibt es keines. Es wird gestohlen hier. Aber auch außerhalb des Eschenhofs. Es gibt „Gäste“, die bleiben tags- oder auch nachtsüber fort. Der Leiter weiss nicht, wo sie sind. Aber er vermutet, dass sie in der Gegend dealen, steh­len, eine Freundin haben. Manchmal kommen sie Hugo-Boss-gekleidet hierher und prahlen mit ein paar Hun­derternoten. Immer wieder gibt es solche, die ausrei­ßen, ab- und untertau­chen. Sie halten es nicht mehr aus.

Existenzberechtigung entzogen

Jeder und jede hat hier eigentlich keine Lebensberechti­gung mehr. Zwar seit Jahren in der Schweiz, ist das Asylgesuch definitiv abgelehnt worden und sie müssten nun ausgeschafft werden. Aber entweder kennt man ihre Herkunft nicht oder sie können dorthin aus Sicher­heitsgründen nicht ausgeschafft werden. Der Leiter findet, die Politik müsste diesen Men­schen zwingend einen gesetzlichen Status geben. Allen jenen Personen, die jahrelang auf einen Asylentscheid hätten warten müssen und nun mit einem negativen Entscheid zu rechtlosen Gestalten geworden seien. In dieser ausweglosen Situa­tion ohne Ziel und Hoff­nung werden praktisch alle nach kurzer oder längerer Zeit krank und/oder kri­minell.

Das ist wohl der Mechanismus: Indem man in diesem Zentrum aufgrund der gesetzli­chen und be­hördlichen Vorgaben alles zu verhindern versucht, was den Insas­sen Gemein­schaft, Hoff­nung und Lebensfreude, ja sogar eine Zukunft bringen würde, treibt man sie dazu, ihrem Le­ben einen anderweitigen Sinn zu geben. Naheliegend: das Geld, die Drogen. Sie wer­den kriminell und krank. Und damit steht dann für die bürgerlichen Politiker fest: Asylbewerber sind alle kriminell. Tatsächlich aber treibt man („man“ ist hier nicht mehr ange­bracht, man müsste präziser sagen: unser Staat) diese Menschen in die Verzweiflung. Und die Ver­zweiflung ist die Krankheit zum Tode (Sören Kierkegaard).

Zwei Polizisten, die ihren rot-weißen Streifenwagen vor dem Eingang parkiert haben, ver­nehmen gerade einen Dieb im Büro des Leiters. Der Insasse erhält einen weiteren Eintrag in sein ohnehin schon langes Sündenregister. Mehr passiert nicht. Alltag. Für alle Dienstha­benden wäre es besser gewesen, der Dieb wäre einfach abgehauen, untergetaucht. Dann hätte man sich nicht einmal mehr pro forma um ihn kümmern müssen.        

* * *

Der Laden

Welche Sachen hier als Nothilfe den derzeit 62 abgewiesenen Asylsuchenden abgegeben bzw. verkauft werden, geht aus einer Preisliste vom 20.6.2011 hervor. 83 Artikel, von Binden zu Fr. 1. -- (Aldi) über weisse Bohnen à Fr. 1.80 (Denner), Pouletschenkel zu Fr. 1.80 (Mig­ros) und Shampoo zu Fr. 1.20 (Aldi) bis Peperoni à Fr. 1.30 (Aldi). Der Laden be­findet sich un­ten im Kellergeschoss und ist Montag sowie Donnerstag zwischen 14:00 und 16:30 Uhr geöffnet. Alle Artikel sind fein säuberlich auf Gestellen, Auslagen, in Tiefkühltru­hen mit Sichttü­ren und in Harassen angeboten. Die Kasse fehlt auf dem Tischchen neben dem Ein­gang, weil die „Kunden“ nur mit Gutscheinen bezahlen können. Pro Tag und Person gibt es einen Gutschein über Fr. 6.-. Auf dem Gestell hinter dem Tischchen findet sich ein Artikel, der auf der Preisliste fehlt: Zigaretten. Marlboro und Camel. Damit machen wir einen Drittel des Um­satzes, sagt der Leiter. Der Raum ist – wie das ganze Haus – ohne Klimaan­lage. Darum riecht es hier so vertraut nach Kolonialwaren und Würsten wie früher im USEGO-Quartier-Lädeli in Zürich.

Die Duschen

Kasernenstandard der sechziger Jahre. So riecht es auch. Phantasien und Vermutungen und auch Fragen drängen sich auf, aber wir verlassen den Raum sofort wie­der.

Das Atelier

Hier arbeitet ein langjährig Asylsuchender, seit zig Jahren mit negativem Ent­scheid, status­los. Er ist persönlich nicht anwesend, aber seine Bilder geben den Eindruck eines talentier­ten Freizeitkünstlers. Die örtliche Kirchgemeinde hat schon einige Ausstellun­gen mit seinen Werken veranstaltet, mit Erfolg. Er sei begabt, sagt der Leiter, jedoch auch krank geworden in all den Jahren.

Die Küche

Eine kleine Grossküche. Aber mit diversen Herdplatten und Backgelegenhei­ten. In 70 abschließbaren Kästchen befinden sich Vorräte und Küchengeräte der Insassen. Auch diese Ein­richtungen stammen wohl aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Sie tun es immer noch. Der Raum ist nicht blitzsauber, aber sauber, der Boden noch reinigungsfeucht.

Die Stube

Ein großzügiger Raum. Das Cheminée ist abgedeckt. Der Parkettboden ist mit Linoleum überzogen. Steht quasi unter Denkmalschutz, sagt der Leiter. Das Mobiliar im Stil der 80er Jahre. Bilderlose Wände. Wohnlichkeit wird vermieden. Aus den Fenstern sieht man den blühenden Garten. Nebenan das halb so große TV-Zimmer. Das wird sehr viel benützt, sagt der Leiter. 

Die Schlafzimmer

Klein, karg, mit Habseligkeiten überfüllt. Grundausstattung: 2 x 2-Bett-Pritschen. Oft auch „nur“ Dreier-Belegung. Pro Person je 1 Kästchen und 1 Kasten, abschließbar. Pro Zimmer 1 Kühlschrank, diebstahlanfällig. Die Insassen leiden oft unter Schlafproblemen, gegenseitig verursacht (Schnarchen, Unruhe). Kein Ort zum Verweilen. WC und Waschräume separat auf demselben Stock.

Die Wohnung

Für Familien mit Kleinkindern stehen zwei oder drei kleine Drei-Zimmer „Wohnungen“ mit separatem Eingang vom Korridor aus zur Verfügung.

Die Freizeiträume

Im Dachgeschoss findet sich ein ballsaalgrosser, spärlich möblierter Raum. Vermutlich nur wenig genutzt. Der grüne Filz auf dem Billardtisch ist längst in Stücke zerrissen. Nebenan finden sich in einem kleineren Raum die neuzeitlichen Kraftgeräte. Aus­gerüstet fast wie ein Fitnesscenter. Wird von einigen Insassen täglich benutzt. Irgendwo im Parterre ein grässli­cher kleiner Raum, darin ein paar schrottreife Stühle. Es ist das Raucher­zimmer und wird in der kalten Jahreszeit benützt.

Die Büros

Im Sekretariat arbeiten tagsüber 2 Personen in Teilzeitstellen. Der Leiter hat ein eigenes kleines Büro mit einem Besuchertisch und zwei Stühlen. Karge Ausrüstungen.

Der Leiter

Ein ca. 40-jähriger Schaffhauser. Freundlich und ernsthaft, zuweilen cool. Sympathisch. Er berichtet gerne über seine Arbeit und das SAZ Eschenhof. Hier sei einmal ein alter Mann in den Hof gekommen und als er ihn gefragt habe, wohin er wolle, habe die­ser zur Antwort ge­geben: Hier bin ich aufgewachsen. Ein Knabenheim war das einmal.

Der Beamte

Obschon wir um 10:30 Uhr am Eingang zum Eschenhof abgemacht haben, kommt er etwa 10 Minuten zu spät. Er habe die Autobahnausfahrt verpasst. Er begleitet unseren Rundgang, sagt aber ganz wenig. Er beobachtet mich und den Leiter. Nur einmal, nach einer halben Stunde, richtet er die Frage an mich: Was haben Sie für einen Eindruck? Ich sage: noch kei­nen endgültigen, das Gespräch mit einem Insassen steht noch bevor. Ich kann mir erst danach ein Urteil bilden.

Wir gehen weiter. Nach einer Viertelstunde sagt er: brauchen sie mich noch, ich muss leider weiter. Falls Sie noch eine Frage haben, telefonieren Sie mir. Auf Wiedersehen.

Der Beamte hatte mein Gesuch für eine Besichtigung des Eschenhofs zunächst so beantwortet: 

„Wir erhalten täglich mehrere Anfragen von Politikerinnen und Politikern, von politischen Or­ganisationen, Medienschaffen­den und Einzelpersonen, die einen Augenschein in einem Sach­abgabezentrum nehmen wollen. Ein Asylzentrum ist gemäss AsylVO Art. 2 kein öffentli­cher Grund. Durch die angespannte, mühsame Situation im Zusammenhang mit Demonst­rationen zu Nothilfe, Sicherheits- oder Sans-Papiers-Legalisierungsdiskussionen kommt den Bewohnern in den Sachabgabezen­tren nicht die Ruhe und Anonymität zu, die sie benötigen. Zur poli­tisch geladenen Stimmung und wegen angekündigten Demonstrations-Aktivitäten bringt die Situation erhebliche logisti­sche, personelle und finanzielle Aufwände mit sich. Dazu kommen  auch sicherheitsrele­vante Aspekte, die wir berücksichtigen müssen. Wir ha­ben uns deshalb entschlossen, bis zu einer merklichen Beruhigung keine weiteren Besuche in Sachabgabezen­tren zuzulassen. Falls aber mittelfristig eine exklusive Führung für ausge­wählte Politiker durchgeführt wird, bitten wir Sie zum gegebenen Zeitpunkt um Ihre Anmel­dung. Mit freundlichen Grüßen …“

Ich sage ihm zum Abschied, diese Antwort verstünde ich im Nachhinein sehr gut.   

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