Eine Bewohnerin im Sachabgabezentrum Eschenhof

Oswald Sigg

Von den Behörden abgewiesene Asylbewerber erhalten in sogenannten Sachabgabezentren die sogenannte Nothilfe. Unhaltbare Lebensumstände sollen die abgewiesenen Asylbewerber dazu animieren, die Schweiz freiwillig zu verlassen. Am 28. Juni 2012 fand im Eschenhof ein Interview mit einer abgewiesenen Asylbewerberin statt. Das Ge­spräch wurde in französischer Sprache geführt.

Seit wann sind Sie hier im Eschenhof?

Seit 2011 (genaues Datum der Redaktion bekannt).

Wie sieht Ihr Tagesprogramm aus, welche Arbeiten verrichten Sie?

Ja, ja, nicht zu viel, aber manchmal arbeiten wir zehn Stunden von 13:30 bis nach 22:00 Uhr. Jede Person hat eine einzige Arbeit oder höchstens zwei Arbeiten pro Tag. Dies zu Fr. 2.50 pro Arbeit und Tag. Im Moment bin ich in der Waschküche, wo man die Kleider wäscht. Hier gibt es drei Unterschriften, d.h. Fr. 7.50. Von 09:00 bis 13:30 Uhr oder von 13:00 bis 18:00 Uhr, mit Pausen von 10 oder 15 Minuten.

Als Entschädigung für diese Arbeiten erhalten Sie Gutscheine. Damit können Sie hier im Haus Nahrungsmittel oder Zigaretten usw. kaufen. Aber Sie erhalten kein Bargeld, nicht wahr?

Nein, wir erhalten kein Geld hier. Wenn wir eine Woche arbeiten, erhalten wir Gutscheine für Fr. 17.50. Wir erhalten zusätzlich noch etwas, wenn wir die Arbeit einer Person überneh­men, die nicht da ist. So kommen wir mit solchen Extras auch mal auf Fr. 22.- pro Woche, je nachdem. Und die Gutscheine erhalten wir auf dem Büro. Es gibt Gutscheine, die auch bei Coop oder bei Denner einlösbar sind. Für uns sind jene von X (Name der Redaktion bekannt) besser. Wenn wir dort etwas für 2 oder 3 Fr. kaufen, gibt man dort Bargeld heraus anstelle eines Gutscheins über den Restbetrag.

Das Geld fehlt Ihnen hier?

Ja. Es ist sehr schwierig ohne Bargeld zu leben. Das ist auch der Grund, warum die Leute stehlen. Weil sie kein Geld haben.

Wofür stehlen sie denn?

Zum Beispiel, um das Billet für die Bahn zu bezahlen. Oder sie stehlen in einem Warenhaus aus Mangel an Geld.

Sie sind jetzt fast ein Jahr hier. Ich stelle Ihnen eine heikle Frage: wie fühlen Sie sich, wie geht es Ihnen?

Ich?

Ja, haben Sie Mühe, hier zu leben oder sagen Sie sich im Gegenteil, hier gibt es wenigstens ein Dach über dem Kopf?

Wenn man nicht weiss, wohin man gehen kann, wenn man nirgends hingehen kann, dann ist das kein leichtes Leben. Es ist kein normales Leben. Ich zum Beispiel fühle mich nicht gut hier, wirklich nicht. Weil wenn man in ein Land geht (flüchtet) und sich dann in einem solchen Zentrum wieder findet, dann ist das keine leichte Situation.

Seit wann sind Sie denn in der Schweiz?

Seit acht Jahren.

Und von woher sind Sie gekommen?

Aus einem Land in Afrika (Name der Redaktion bekannt).

Und Sie haben hier um Asyl nachgesucht?

Ja.

Und nach einigen Jahren kam das Nein?

Nach fast sieben Jahren. Nach sechs Jahren und elf Monaten kam eine negative Antwort. Das ist wirklich nicht normal. Wenn jemand um Asyl nachsucht und er nach zwei oder drei Monaten eine negative Antwort erhält, dann kann er das Land wechseln. Aber wenn jemand Jahre um Jahre wartet und erst dann erhält er eine negative Antwort und danach verlegt man ihn in ein solches Zentrum, wo er mit drei, vier anderen Personen ein kleines Zimmer teilen muss, das ist nicht leicht, das ist wirklich kein unbeschwertes Leben.

Ja, das verstehe ich. Sie haben ihre Familie nicht hier?

Nein.

Ist Ihre Familie in Ihrem Heimatland (der Redaktion bekannt) geblieben und haben Sie Verbindung mit ihr, telefonieren Sie mit ihr?

Nein, im Moment nicht. Keine Kontakte. Aber meine zwei Kinder sind ohnehin nicht dort unten.

Sie haben zwei Kinder? Wissen Sie, wo sie sich aufhalten?

Einmal hat sie eine Kollegin besucht, ich habe ihr die Adresse gegeben. Sie ist hingegangen und hat mir dann gesagt, die Kinder hätten das Land verlassen.

Welches Alter haben Ihre Kinder?

15 und 13 Jahre.

Aber leben sie noch in Afrika?

Ja, in Afrika.

Geht es ihnen gut?

Ja … (weint).

Warum haben Sie die Schweiz als Asylland gewählt?

Ich habe nicht die Schweiz gewählt. Jemand hat mich bis hierher begleitet. Ich habe nicht die Schweiz gewählt.

Hat Sie jemand mitgenommen und gesagt, ich bringe Dich an einen sicheren Ort?

Nein, ich habe ihn kontaktiert. Es gab Probleme mit den Dokumenten (vermutlich: Identitätspapiere) und wir sind in ein anderes Land gegangen und dann hat er mich hierher begleitet. Mit einem andern Dokument. Das Ziel habe nicht ich gewählt. Wenn ich gewusst hätte, wie ich hier meine Zeit verliere, wäre ich nicht gekommen.

Sie wussten also gar nicht, wohin man Sie brachte?

Nein, das wusste ich nicht.

Hatten Sie überhaupt eine Ahnung davon, was Sie hier erwarten würde?

Nein. Ich hatte nur, als ich hier angekommen war, um Asyl nachgesucht, in der Erwartung, man würde mich beschützen. Aber das war nicht der Fall. Später, im Interview sagte man mir, dieses sei vertraulich. Aber nach dem Interview schicken sie dein Dokument in dein Herkunftsland. So verrät man einen Menschen. Das ist Verrat. Wenn die Leute zurückkehren, wer­den viele von ihnen gefoltert oder ins Gefängnis geworfen. Wenn jemand um Asyl bittet, schickt man doch nicht seine Dokumente dorthin, wo er herkommt. Vier Jahre danach kam dann ein negativer Bescheid.

Hatten Sie denn ihr Land aus politischen Gründen verlassen?

Ja, und man hat mich auch vergewaltigt. Dann hat die Situation eskaliert, und ich habe mein Land verlassen. Bin aber nicht direkt in die Schweiz gekommen. Wir haben ein Auto ge­nommen und sind in einigen Tagen in ein anderes afrikanisches Land (der Redaktion bekannt) gefahren. Und von dort aus sind wir dann nach Italien geflogen, mit dem Bus zuerst nach Turin und von dort mit dem Bus dann weiter in die Schweiz gefahren.

Wie haben Sie die Reise bezahlt?

(unverständlich) … jemand hat bezahlt.

Sie wollen wohl nicht mehr in Ihr Land zurück kehren?

Nein, dazu habe ich keine Lust.

Und offensichtlich können Sie nicht in der Schweiz bleiben?

Sie sagen, ich sei illegal hier. Aber das stimmt nicht. Wenn jemand um Asyl nachsucht, bedeutet das, dass er ausgeschrieben worden ist. Also ist er nicht illegal. Ich bin nicht illegal. Weil ich einen Asylantrag gestellt habe, bin ich nicht illegal. Den negativen Asylentscheid habe ich nicht verdient. Das habe ich nicht verdient. Sie haben gesagt, 2004 hätte ich in mei­nem Land offen demonstriert. Das stimmt nicht. Im Jahr 2004 konnte niemand in meinem Heimatland offen demonstrieren. Anderseits maskiert sich heute niemand mehr bei einer De­monstration, auch in der Schweiz nicht. Leute, die demonstrieren, verdecken ihr Gesicht nicht. Wenn man etwas ändern will, kann man sich nicht verstecken. Ich konnte mein Gesicht gar nicht verstecken. Das hat man mir hier nicht geglaubt. Das ist falsch. Man muss den Menschen glauben, was sie sagen. Nein, ich habe diese negative Behandlung nicht verdient. Sie sagen, ich sei illegal, aber ich bin nicht illegal. Es gibt Leute hier, die gar nicht um Asyl gebeten haben, die sich verstecken. Sie sind illegal hier.

Unser Land hat Ihnen gegenüber eine Verantwortung, selbst bei negativem Asylentscheid. Was erwarten sie jetzt noch von diesem Land?

(atmet schwer) … Mit dem Asylgesuch hatte ich um Schutz und Sicherheit gebeten. Auch um neue Dokumente hatte ich gebeten. Ich möchte hier bleiben, weil ich hier krank geworden bin. Seit 2007 bin ich krank. Muss jeden Tag Medikamente nehmen gegen Verspannungen, Diabetes und psychische Leiden. Würden sie mich zurück schicken in mein Land, wäre ich gar nicht in der Lage, die Medikamente zu kaufen. Ich würde gerne hier bleiben, arbeiten, zu mir schauen, meine Steuern bezahlen wie andere auch. Weil ich keine Kriminelle bin, ich habe nichts verbrochen. Ich habe mich hier in der Schweiz gut und anständig benommen. Wenn es 20 Personen gibt unter uns, die sich einwandfrei benommen haben, dann gehöre ich zu ihnen. Ich habe nichts mit Drogen zu tun gehabt, habe mich nicht prostituiert, ich habe nichts Böses getan. Bin auch nicht gebüsst worden. Habe mich gut benommen und bin integriert hier.

Was haben Sie denn hier während des Asylverfahrens getan?

Bin drei Jahre zur Schule gegangen. Dann Weiterbildung im Gastgewerbe. Ein Jahr lang habe ich im Restaurant La Cultina am Eigerplatz in Bern gearbeitet. Das war gut. Dann habe ich auch gerne bei Bernmobil gearbeitet. Für 200 Franken, das war ein Beschäftigungsprogramm. Was ich erwarte ist, dass man meine Situation nochmals beurteilt, dass man mein Dossier, meinen Fall in Wiedererwägung zieht. Im Gesetz gibt es einen Art. 14: wer während fünf Jahren in der Schweiz gelebt hat, hat Anspruch auf ein humanitäres Papier.

(vermutlich meint sie den AsylG Art. 70 Wiederaufnahme des Verfahrens um Anerkennung als Flüchtling Schutzbedürftige, die ein Gesuch um Anerkennung als Flüchtling gestellt ha­ben, können frühestens fünf Jahre nach dem Sistierungsentscheid nach Artikel 69 Absatz 3 die Wiederaufnahme des Verfahrens um Anerkennung als Flüchtling verlangen. Bei der Wie­deraufnahme dieses Verfahrens wird der vorübergehende Schutz aufgehoben.)

Es ist aber an ihnen, den hiesigen Behörden, nachzuschauen, ob eine solche Person kein Verbrechen begangen und ob sie sich gut aufgeführt hat. Das alles muss man tun, bevor man die Leute in diese Zentren schickt. Weil es viele Leute hier gibt, die es nicht verdient haben, hier zu sein.

Was haben Sie für Aussichten und Zukunftspläne?

Was ich vorhin gesagt habe.

Würden Sie nochmals um Asyl nachsuchen hier?

(zögert …) das würde ich gerne, wenn es möglich wäre. Nicht ein Asylgesuch, aber so etwas wie um ein Bleiberecht bitten, wie es im Artikel 14 enthalten ist. Allerdings wird der Artikel nicht angewendet. Weil es viele Kriminelle gibt – Diebstahl, Drogen, Prostitution. Aber wenn die Person nichts getan hat, wenn sie integriert ist, dann ist ein Bleiberecht das Mindeste.

Und haben Sie jemanden, der Ihnen in diesen Dingen hilft, sie berät?

Nein. Im Moment bin ich allein. Habe noch nichts unternommen. Aber ich denke daran, jeden Tag. Ich weiß nicht, wer mein Dossier hat. Ich bräuchte einen Anwalt, der mir hilft und schreiben kann. Es ist nicht einfach, hier in dieser Situation zu leben.

Das glaube ich Ihnen.

Das Zentrum hier ist ruhig und sehr sauber, weil man drei Mal pro Tag reinigt.

Ja, das hat mir einen guten Eindruck gemacht. Der Chef hat mir aber auch erzählt, viele würden hier krank.

Das ist nicht wegen des Zentrums – es ist sauber. Das ist der Fehler der Behörden. Die Leute unter solchen Umständen hier halten, das geht nicht.

Aber ist es nicht die hoffnungslose Situation hier, die Sie und viele ihrer KollegInnen krank werden lässt?

Ja. Das ist möglich und es erschwert uns das Leben eher. Nein ich möchte zu gerne in ein normales Leben zurückkehren, wie alle hier.

Wie alt sind Sie?

35.

Ich hätte Sie jünger geschätzt.

(lächelt …) Ich möchte ein normales Leben führen, arbeiten. Hinausgehen können und nicht am Morgen hier aufstehen, um den ganzen Tag in diesem Haus zu verbringen und nichts Richtiges arbeiten und nichts Richtiges tun. Ich möchte auch Zeit haben, um nachzudenken über das, was mich beschäftigt. Hier habe ich keine Zeit zum Nachdenken. Man ist hier be­schäftigt und damit am Denken verhindert.

Und jetzt? Was tun?

Wie ich Ihnen vorhin sagte: ich möchte eine humanitäres Papier (meint wohl eine humane Lösung in der Form eines Bleiberechts) haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ist es zu Ende? Kein Foto. Sie können aber meinen Namen schreiben, wenn Sie wollen. (Der Name ist der Redaktion bekannt).

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