Für eine entschleunigte Arbeitsweise

Alexander Suter

In unserer ständig schneller drehenden Welt fallen mir immer wieder Jugendliche auf, die mit dem normalen Rhythmus der öffentlichen Schule nicht klar kommen. Sie sind nicht in der Lage, die Anforderungen des Lehrplans zu erfüllen. Sie genügen auch seinen vielfältigen und hohen Ansprüchen nicht. 

Diese Jugendlichen haben einen anderen Rhythmus mit Lernen - und leider gibt es oft zu wenig Möglichkeiten, auf diese jungen Menschen in öffentlichen Schulen einzugehen. Die Folgen sind oft Stress und Überforderung. Dies hat Einfluss auf das Selbstwertgefühl und treibt einige Jugendliche in die Flucht mit Drogen.

Die Geschichte der Erlebnisse mit einem ehemaligen Schüler beschreibt, wie ihn dieses Dilemma auf seinem Lebensweg beeinflusste.

Stefan (Name geändert) war ein aufgestellter Jugendlicher, ein guter Kumpel für seine Kollegen. Er hatte seine Emotionen nicht immer im Griff und ab und zu Wut­anfälle, wie aus dem „Nichts“ heraus, wenn er nicht mehr mitkam im Tempo und sich überfordert fühlte. Da er diese Anfälle nicht kontrollieren konnte, verein­barten wir, dass er das Klassenzimmer verlassen könne, um sich draußen etwas zu erho­len und damit er nie­manden aus dieser Wut heraus beschimpfte. Nach diesen Pha­sen konnte man wieder gut mit ihm reden und arbeiten. 

Nach der obligatorischen Schulzeit besuchte er ein 10. Schuljahr, das er nicht zu Ende führen konnte, weil dort seine Wutanfälle keinen Platz hatten, und er als „schwieriger“ Schüler galt. Er fand dann eine Lehre in einen pflegerischen Beruf, denn sein Mitgefühl und Verständnis waren außerordentlich hoch. Leider aber war er dem Stress nicht gewachsen, trank zu viel Alkohol und konsumierte Drogen, was ihm zum Verhängnis wurde. Beim Überqueren eines Flusses ertrank er unter Alkoholein­fluss im Alter von 21 Jahren.

Anstatt weitere nachdenkliche Geschichten zu lesen, habe ich hier ein Gedicht von Rilke gewählt, das aufzeigt, was Entschleunigung uns allen bringen könnte:
 

Über die Geduld
 
Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

 

Zeit für Entwicklung

Ist es nicht unsere Aufgabe als Lehrpersonen, junge Menschen darin zu unterstützen, ihre eigenen Antworten zu finden, indem sie in sich hinein hören  lernen, Zeit und Raum haben, ihrer Entwicklung Zeit zu geben – und – vor allem zu vertrauen?  Vertrauen zu haben in das Potential eines jeden Menschen, in seine individuelle  Entwicklung und das, was ihn so einzigartig macht in dieser Welt? Entwicklung braucht Geduld! So sehe ich auch die Zunahme von Alkohol- und Drogenmissbrauch bei Jugendlichen nur als ein Symptom. Dabei frage ich mich, ob der Wunsch vieler Jugendlicher zu »chillen«, ihre Lebenssituation nicht  treffend zum Ausdruck bringt? Wir alle brauchen Zeit zum Erholen, zum Abschalten und zum „Verdauen“.

Zwölf Jahre nach meinem eigenen Burnout, welches mich selber dem Thema Entschleunigung näher gebracht hat, arbeite ich am Aufbau einer Stiftung, die Oberstufenschülern in Kleingruppen die Möglichkeit gibt, in ihrem Tempo zu lernen, ihren eigenen Rhythmus zu leben, ihren Ressourcen zu vertrauen. Denn  Ressourcen helfen den Ju­gendlichen ihrem Leben auf eine ganz persönliche Art zu leben. Meine Arbeit ist es, sie beim Lernen zu begleiten. Hier wird eine andere Lernkultur gepflegt, die auf Be­ziehung, Wertschätzung und Vertrauen beruht und dem Jugendlichen vor allem Zeit für seine individuelle Entwicklung gibt. Hier werden seine Stärken und seine individu­elle Art respektiert, und es kann in kleinen Gruppen  lösungsorientiert gearbeitet werden.

Seinen Weg finden

Zusätzlich begleite ich als Coach Menschen, die mit dem gängigen Rhythmus teilweise anstehen und finde mit ihnen zusammen neue Wege, wie sie ihre entschleu­nigte Arbeitsweise in die Welt einbringen können. Sie kommen wieder in „ihren“ Fluss und vertrauen ihrem Potential und empfinden damit auch wieder Freude am Leben. Auf diese Art komme ich auch meinem Lebenswunsch näher, Menschen individuell zu begleiten und meinem Herzen und seinem eigenen Rhythmus zu folgen. Dies wünsche ich auch allen Menschen: Zeit und Raum um atmen zu können, um sich zu entfalten. Zeit und Raum um  „in die Antwort hinein zu wachsen“ und somit auch ins Leben.

Zur Person:

Esther Widler (1961), Sekundarlehrerin und Coach, machte während eines Jahres bis Ende 2012 in einem Gesundheitsprojekt für das Kompetenzzent­rum Arbeit des Sozialamtes Bern mit. Als Ideenbegleiterin zum Thema Entspannung betreute sie eine Gruppe von Frauen. 

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