Erklärung von Biel / Bienne: Mehrwert für Menschen und Gesellschaft, nicht fürs Kapital

Hälfte / Moitié

(Mitget.) Eine zukunftsfähige Wirtschaft ist solidarisch, demokratisch und ökologisch. Das haben die rund 150 TeilnehmerInnen der Tagung «Wirtschaft mit Zukunft» in ihrer "Erklärung von Biel/Bienne" festgehalten. Die von der SP Schweiz am 26. Juni 2015 in Biel / Bienne organisierte Tagung ging der Frage nach, wie eine Wirtschaft zu organisieren ist, die sich am Gemeinwohl orientiert anstatt die Profitinteressen des Kapitals zu bedienen.

Solidarisch – demokratisch - ökologisch

1 Die Wirtschaft mit Zukunft ist solidarisch, demokratisch und ökologisch. Diese Art von Wirtschaft gab es schon immer; sie muss aber neu belebt und ausgeweitet werden.

Soziales Unternehmertum, sozial-solidarische Unternehmen (scoial economy, social enterprises, économie sociale et solidaire) und generell das Bestreben, wirtschaftliche Tätigkeit nachhaltig und partizipativ zu organisieren und nicht der Profitmaximierung unterzuordnen, sind nichts Neues. Das gab es immer wieder und wird es auch in einer globalisierten Wirtschaftswelt immer geben. Die Wirtschaft mit Zukunft setzt auf Vielfalt; ihre AkteurInnen haben die Rechtsform von Genossenschaften, Stiftungen, Einzelunternehmen oder Kapitalgesellschaften. Das soziale Unternehmertum wird gemeinhin zwischen dem nur gewinnmaximierenden  privaten Sektor und dem öffentlichen Sektor angesiedelt. Die Werte, Verfahren und Ziele des „dritten Sektors“ weisen aber über ihn hinaus. Solidarisch, demokratisch und ökologisch zu wirtschaften ist ein Imperativ unserer Zeit – sektorübergreifend. Dieses Unternehmensverständnis muss neu belebt und ausgeweitet werden. 

2 Die konzeptionelle Identität der AkteurInnen einer Wirtschaft mit Zukunft muss in allen Rechtsformen gestärkt werden. 

Was in einer zukunftsfähigen Wirtschaft zählt, ist die gemeinsame konzeptionelle Identität der AkteurInnen. Sie umfasst drei Kernelemente: (1) Der Geschäftstätigkeit liegen gemeinwohlorientierte und nachhaltige Ziele zugrunde, (2) Die Unternehmen funktionieren transparent, leben Diversität und setzen auf eine demokratisch-partizipative Führung, d.h. Mitarbeitende (und andere Stakeholder wie z.B. Konsumierende) bestimmen (bis zur Selbstverwaltung) und sind am finanziellen Unternehmenserfolg beteiligt. (3) Die Unternehmen wollen selbsttragend und langfristig wirtschaften; Gewinne werden grösstenteils reinvestiert.

3 Die Wirtschaft mit Zukunft zielt auf die sozial-ökologische Transformation der Gesellschaft.

Wachsende Ungleichheiten, die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Wohlstand zumindest im reichen Norden, Leistungsdruck und Entfremdung, Arbeitslosigkeit, das Aushebeln der Demokratie, Klimawandel oder die Ausbeutung der endlichen Ressourcen unseres Planeten: Das heute vorherrschende Wirtschaftssystem, das sich primär in den Dienst der Kapitalverwertung stellt, zerstört unsere Gesellschaft und die Natur. Es ist zur Gefahr für unsere Zukunft geworden. Die Wirtschaft mit Zukunft basiert deshalb nicht allein auf einem betriebswirtschaftlichen Konzept. Ein einzelnes Unternehmen kann und muss die Welt im Alleingang nicht retten. Zukunftsfähige Unternehmensverständnisse müssen aber einen Beitrag leisten zur sozial-ökologischen Transformation unserer Gesellschaften – lokal bis global. 

Die Wirtschaft mit Zukunft schöpft ihre Kraft aus dem Zusammenwirken von solidarischen, demokratischen und ökologischen Unternehmen, politischer Regulierung, weltweit geltenden Menschenrechten sowie dem nachhaltigen Konsumverhalten in funktionierenden Märkten ohne Konzentrationserscheinungen.

4 Wirtschaften mit, durch und für Menschen, statt für das Kapital. 

Auch die Wirtschaft mit Zukunft kommt vorläufig nicht ohne Kapital aus. Das solidarische, demokratische und ökologische Wirtschaftssystem muss durch Kapitalgebende ermöglicht und ausgebaut werden. Dazu braucht es ein gemeinwohlorientiertes Bankverständnis, eine Startup-Willigkeit von social entrepreneurs, eine genossenschaftliche Zusammenführung von investitionswilligen Menschen sowie gezielte öffentliche Finanzierungen, z.B. über demokratisch kontrollierte Investitionsfonds. Allen diesen Elementen gemeinsam ist, dass sich die Unternehmensidee und das finanzielle Engagement nicht in erster Linie an der Kapitalrendite orientieren, sondern am gesellschaftlichen Nutzen. Die Wirtschaft mit Zukunft misst sich an ihrem Mehrwert für die Gesellschaft und die Menschen, nicht am Mehrwert für das Kapital. 

5 Mehr öffentliche Anerkennung für die Wirtschaft mit Zukunft. 

Die Politik schafft öffentliche Anerkennung. Öffentliche Anerkennung erhöht die Sichtbarkeit und ermöglicht gezielte Unterstützung. In der Schweiz kann und muss mehr getan werden für eine solidarische, demokratische und ökologische Wirtschaft, für Unternehmen und zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich einem zukunftsfähigen Wirtschaftssystem verschrieben haben. Die EU-Initiative für soziales Unternehmertum kann dabei – wie das 2014 in Frankreich verabschiedete Gesetz zur Sozialen und Solidarischen Ökonomie – als Inspiration und Vorbild dienen. Vereinigungen und Verbände – wie z.B. in der Romandie die Chambres de l’économie sociale et solidaire – sollen zu Leuchttürmen einer Wirtschaft mit Zukunft gemacht werden, die im Zusammenspiel mit den Unternehmen, der Wissenschaft und dem Staat beraten, vernetzen, bilden, forschen und allenfalls auch finanzieren. Ein zweiter Ansatzpunkt besteht darin, private Zertifizierungsbemühungen für nachhaltige und sozial-solidarische Unternehmen (z.B. Gemeinwohl-Ökonomie und BCorporations) – wie bei der Lancierung von Fair Trade-Labels – zu unterstützen. Die soll auf kantonaler und auf Bundesebene erfolgen.

Erklärung von Biel / Bienne:

http://www.haelfte.ch/tl_files/haelfte/theme/Bilder/Logos/erklaerung_von_biel_tagungsversion_d.pdf 

Siehe Gemeinwohl-Ökonomie:

https://www.ecogood.org/ 

Siehe auch: BCorporations:

https://www.bcorporation.net/

 

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