Wenn Fordern und Fördern nicht hilft

Hans Steiger

In der neoliberalen Theorie gilt „Fördern und Fordern“ beim Umgang mit Ar­beitslosen als Erfolgsrezept. Wie funktioniert es in der Praxis? Was löst es bei Betroffenen aus? Drei soziologische Studien. 

Nach der Volksabstimmung ist vor der Volksabstimmung ... Voraussichtlich im Herbst 2016 steht der Entscheid über das sogenannte Bedingungsloses Grundeinkommen an. In der Sozialkommission des Nationalrates hat die Auseinandersetzung bereits begonnen; für einen Gegenvorschlag zur Initiative konnte sie sich nicht erwärmen. Unter den Linken war und ist die Beurteilung des Begehrens seit der Lancierung höchst kontrovers. Zeit, sich schon vor dem Dilemma des finalen Ja/Nein auf die grundsätzlichen und die komplexen praktischen Fragen einzulassen, die hinter dem eigentlich einfachen Vorschlag einer materiellen Basissicherung für alle stehen. Der gesellschaftliche Umgang mit Langzeitarbeitslosigkeit gehört in diesen Bereich. 

Kontrollsucht schadet nur 

Vorab gerafft einige Kernaussagen der ersten, 2010 publizierten sozialwissenschaft­lichen Untersuchung von Peter Schallberger und Bettina Wyer, die sich an der Hoch­schule St. Gallen intensiv mit dem Problemfeld befassten. Sie nahmen kritisch unter die Lupe, was in behördenahen Begleitforschungen meist eher als Erfolgsgeschichte erzählt wird. Offiziell scheint alles klar und bestens geregelt: „Wie mittlerweile in fast allen westeuropäischen Staaten orientiert sich das sozial- und beschäftigungspoliti­sche Handeln in der Schweiz seit etwa Mitte der 1990er am Leitparadigma der Akti­vierung.“ Fördern und Fordern lautet das Credo. Arbeitslosigkeit ist eine vorüberge­hende Sache; bis zum angestrebten Neu- oder Wiedereinstieg ins normale Berufsle­ben wird unter klaren Bedingungen gezielt Hilfe gewährt. Wer will, findet auch Arbeit! So der verbreitete allgemeine Konsens „Nicht mehr denkmöglich erscheint beispiels­weise, dass Gesellschaften aufgrund der Schrumpfung des Arbeitsvolumens durch technologischen Fortschritt künftig vor der Herausforderung stehen könnten, Er­werbsarbeit und Einkommen - etwa in der Form eines bedingungslosen Grundein­kommens - systematisch voneinander zu entkoppeln.“ Für staatliches Handeln bleibt die Orientierung am Vollbeschäftigungsziel „sakrosankt“. Auch wer versucht, „sich alternative Quellen individueller Bewährung und sozialer Wertschätzung zu erschliessen“, alleinerziehend Kinder grosszieht, sich regelmässig mit Freunden trifft, gilt als „untätig“. Stichwort „soziale Hängematte“. Arbeitslose sind dem „Generalver­dacht der Faulheit ausgesetzt“. Die permanente Stigmatisierung, das politisch ge­schürte und institutionell demonstrierte Misstrauen demoralisieren die Betroffenen. Trotz individueller Beratung und Programmen zur vorübergehenden Beschäftigung wirkt die bei uns in den regionalen Arbeitsvermittlungszentren praktizierte Aktivie­rungspolitik oft zunehmend kontraproduktiv, wie vor allem Fallverläufe bei Langzeit­arbeitslosen zeigen. 

Die vielfach positiven Effekte und Beurteilungen werden in der Bestandesaufnahme nicht unterschlagen. So kann ein behördliches Arbeitsprogramm in schwierigen Pha­sen eine klare Tagesstruktur schaffen, trägt vielleicht im Einzelfall zur beruflichen Neuorientierung bei. „Allerdings gelingt dies nur, wenn sich die jeweiligen Professio­nellen als autonome und einzig ihren Klienten verpflichtete Hilfeleister verstehen und sich nicht zusätzlich mit einem Kontrollmandat ausgestattet sehen.“ 

Langzeithoffnungslos? 

„Der standardisierte Arbeitslose“, eine Anschlussstudie von Bettina Wyer, geht spe­ziell auf die Lage von Langzeitarbeitslosen ein. Deren relativer Anteil an der im inter­nationalen Vergleich niedrigen Gesamtquote von Menschen ohne Erwerbsarbeit, ist in der Schweiz hoch. Das gilt auch für jene, denen eine Behinderung die Arbeits­platzsuche erschwert. In unserem reichen Land wächst in diesen Bereichen inzwi­schen millionenfach Armut heran. „Was zudem besonders nachdenklich stimmt: viele Personen nehmen ihr Recht auf finanzielle Unterstützung nicht wahr.“ Wer sich je­doch in die institutionelle Maschinerie begibt und den gewünschten Wiedereinstieg trotz Betreuung durch RAV-Zentren nicht innert nützlicher Frist schafft, erlebt das „Fordern und Fördern“ auf Dauer besonders belastend. Offensichtlich schwinden die Chancen, doch der Druck nimmt zu. Weiter hoffnungslos absurde Bewerbungen verfassen, wie verlangt? Schliesslich jede Arbeit annehmen? Oder sich wehren? 

Auf den ersten Blick wirken die Reaktionen der Betroffenen auf solche Zumutungen zuweilen widersprüchlich. Durch „die Analyse der Denk- und Handlungsmuster der Klienten und Klientinnen“, wie sie in protokollierten sowie anonymisierten Gesprä­chen zum Ausdruck kommen, wollte die Autorin mehr über individuelle Wege zwi­schen Anpassung und Widerstand erfahren. Dass dieses Verstehenwollen „eine ge­wisse Parteinahme mit einschliesst“, wird eingeräumt. Erkenntnisse ihrer wissen­schaftlichen Arbeit könnten zwar auch „für die Akteure im aktivierenden Feld auf­schlussreich und gewinnbringend sein“ stellt Bettina Wyer fest, aber mehrere Passa­gen sowie das Mitwirken im gewerkschaftsnahen ‚Denknetz’ signalisieren, in welche Richtung ihr Engagement zielt. Der hier vorgelegten Dissertation ist ein Motto von Jean-Jacques Rousseau vorangestellt: „Freiheit bedeutet nicht, dass man tun kann, was man will, sondern dass man nicht tun muss, was man nicht will.“ Doch unter ne­oliberalen Vorzeichen führt die systembedingte Arbeitslosigkeit heute zu zusätzlichen Zwängen. Durch „ein Konglomerat von Eigenverantwortung und Unterstützung, von Disziplinierung und Hilfe“ wird eine gesellschaftliche Last vereinzelten Menschen aufgebürdet. „Die erwerbslosen Personen werden gezwungen, auch prekäre Arbeits­verhältnisse einzugehen.“ Bei von Amtes wegen als unkooperativ beurteilten „oder schlicht selbstbestimmten Verhaltensweisen“ drohen Sanktionen. So wird, dies die zentrale These des Buches, auch Arbeitslosigkeit „standardisiert“, sozusagen als Ergänzung zum Konzept „des idealtypischen Arbeitnehmers“, der sich den Marktver­hältnissen optimal anpasst. 

Kaum alternative Perspektive 

Wirklich widerständige Haltungen finden sich in den präsentierten Porträts von Be­troffenen kaum. Auch nicht bei denen, die sich über erfahrene Willkür empören. Etwa über die Kündigung, welche eine ungelernte Arbeiterin nach 30 Jahren tief erschüt­terte. Sie hatte als Alleinerziehende ihren 100-Prozent-Job in einer Fabrik stets durchgehalten, sah sich dort bis zur Pensionierung. Nun ist sie 55. Was jetzt? Eine andere Frau wurde „durch die Gemeinde“, also die im Dorf für das Soziale zustän­dige Person, „hier hinauf spediert“, wie sie es ausdrückte und empfand, in ein Be­schäftigungsprogramm. Nicht die zugewiesene Tätigkeit ist Anlass zur Klage, die Umstände sind es, die faktische Entmündigung. Kaum einmal wird der konkrete Ar­beitseinsatz abgewertet oder abschätzig beurteilt. Es dominiert die Angst, keine Ar­beit mehr zu finden, bedrückende Zukunftsunsicherheit; den meisten „ist Müssiggang völlig fremd“. Arbeit im Sinne klassischer Berufsarbeit bleibt Ziel, obwohl es oft unre­alistisch ist. Auf alternative Bewältigungsstrategien für die vom Verlust einer Stelle ausgelöste Lebenskrise geht das Buch kaum ein. In einer Fussnote wird zumindest eine „grosse Reform“ der Sozialversicherungen angesprochen, die nebst echter so­zialer Absicherung auch eine Entstigmatisierung der Bezüger und Bezügerinnen von staatlichen Leistungen bringen könnte. Im jetzigen System, in dem Arbeitnehmende wie Arbeitslose dauernd unter dem Zwang zur Selbstoptimierungen leiden, herrsche wenig Verständnis für diejenigen, die es tatsächlich nicht schaffen. „Der private Wett­bewerb hat sich tief in die Gesellschaft eingeschrieben.“ Wenn sich unsere Sozialpo­litik weiter dieser Logik anpasse, so die Mahnung der Autorin zum Schluss, laufe das darauf hinaus, „eine gesellschaftliche Entsolidarisierung zu befördern, welche in Zei­ten der steigenden Arbeitslosigkeit die gesellschaftliche Stabilität bedrohen kann.“ 

Während ich die Analyse auch hier überzeugend, die bewusst einseitige Ausrichtung auf eine Kategorie von Betroffenen positiv fand, schienen mir die Zitate aus beigezo­genen Protokollen oft wenig aussagekräftig oder einfach zu knapp. Dass einzelne Aussagen im sozialwissenschaftlichen Kontext zuweilen unbeholfen, vielleicht durch das Beibehalten des mundartlichen „Duktus“ beim Übertragen „an manchen Stellen sprachlich etwas befremdlich“ wirken, war - trotz dieser Vorwarnung - nicht das Problem. Befremdlich könnte im gegebenen Zusammenhang eher der hochge­schraubte Fachjargon wirken. Geradezu komisch ist zuweilen, was in die Statements hineininterpretiert wird. Wenn einer „beim Förster G. im Berg oben“ zum Einsatz kommt, höre ich da kaum „Mystifizierendes“ heraus. „Bäume umtun“ oder „Meterstü­cke machen“ sind zwar ohne Zweifel „kraftvolle Handlungen“. Dass sie jedoch „Asso­ziationen von Urbanisierung und zugleich urwüchsig aggressiver Handlung“ wecken, klingt ziemlich verstiegen. Leider entfernt sich manchmal auch beim Kernthema die Beweisführung recht weit vom Zitat, das als  Ausgangspunkt dient. Zudem irritiert, dass es offenbar keine direkten Begegnungen gab, die aus früheren Untersuchungen ausgewählten „Fälle“ ausschliesslich per Papier gewürdigt wurden. 

Die „dumme Unterschicht“ ... 

Ein drittes Buch zum Thema zeigt, wie wertvoll es sein kann, den betroffenen Men­schen breiteren Raum zur Erklärung ihrer Lage zu geben: „Security First“ von Petra Schütt. Hier kommen Deutsche zu Wort, welche in die dortige Hartz-IV-Mühle gerie­ten. Eine bittere politische Pointe dieser Studie ist, dass die in der Tendenz ähnliche „Sozialreform“ eine rot-grüne Errungenschaft war. Und die Befunde sind aus linker Sicht nicht weniger trist: „Fördern und fordern“ klingt nicht nur sehr simpel, die „neue Formel für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt“, hat auch noch weit simplere allgemeine Urteile befördert. Wenn die Arbeitslosen ihre individuelle Ware, die „Arbeitskraft“, marktgerecht anbieten, „klappt’s auch auf dem Arbeitsmarkt“. Wenn nicht, sind sie „arbeitsscheu, dumm“ oder „antriebslos, bewegungsfeindlich“, und was der „neuen Unterschicht“ sonst noch gern zugeschrieben wird. Jedenfalls selber schuld ... 

Durch präzise Porträts und ausführlich einbezogene persönliche Schilderungen, ler­nen wir fünf ganz verschiedene exemplarische Personen kennen, die den gängigen Vorurteilen in vielem widersprechen. Weitere kommen mit ergänzenden Elementen zu Wort. Dargestellt werden jeweils Erwerbserfahrungen und -erwartungen, das Er­leben von Arbeitslosigkeit und „des Arbeitsverwaltungshandelns“. Insbesondere inte­ressieren aber unterschiedliche Ansätze zur individuellen Bewältigung ihrer aktuellen Lebenssituation. Dabei zeigt sich, dass trotz aller Unterschiede und Widersprüche in der Regel vernünftige, „in sich stimmige und für die Handelnden funktionale Strate­gien“ erkennbar werden. Schütt gibt diesen mit „Security first“ als Sammelbegriff ei­nen prägnanten Namen. Abgeleitet hat sie ihn von der „Work-first“-Parole, mit der das neoliberale Konzept zum Umgang mit Arbeitslosigkeit von den USA her in die Welt getragen wurde. Schröder und Blair machten es auch in unseren Breiten und Kreisen mehr oder weniger populär. Wer leidet nicht mit unter den Folgen? Stress und Druck allenthalben. 

... sucht zuerst Sicherheit 

Sicherheit zuerst! Das ist eine logische Reaktion auf wirtschaftliche und politische Strukturen, die dauernd neue Unsicherheit erzeugen. So wird ein prekärer Arbeits­platz trotz grundsätzlicher Erwerbsorientierung nicht unbedingt als gute Alternative zu einem Hilfebezug angesehen. Zu viele schlechte Erfahrungen sprechen dagegen; nach hartem Einsatz nicht ausbezahlte Löhne zum Beispiel. Doch dann wird von der Behörde gleich das „Sanktionspotenzial“ aufgefahren. Es drohen Kürzungen wegen Nichterfüllung der „Eingliederungsvereinbarung“. Die „ist ja freiwillig“, erklärt einer dazu, aber „du musst unterschreiben, sonst ist das Hartz ja weg. So ein kleiner frei­williger Zwang.“ Zwar wird die Grundsicherung als Solidarakt der Gesellschaft wahr­genommen, aber als wenig stabil und verlässlich. So kommt auf die Frage nach dem Vertrauen in staatliche Hilfe einmal die differenzierte Antwort: „Also ich würde lieber auf mich alleine vertrauen, sage ich mal. (lacht) Aber ich bin ja nun mal abhängig davon. In der Situation. Ich meine, man ist gezwungen, äh, sich drauf zu verlassen.“ Sich hier zwischen Anpassung und Widerstand zu bewegen, ist alles andere als leicht. Bei der Lektüre der Berichte wächst nicht nur das Verständnis für das vorsich­tige Handeln, es kommt auch Bewunderung für den trotz alledem bewahrten Eigen­sinn auf. 

Den aufschlussreichen Abschnitt über „Security first“ als „individuelle Handlungs­stra-tegie“ leitet die Autorin mit einem Motto von Wilhelm von Humboldt ein: „Ohne Sicherheit vermag der Mensch weder seine Kräfte auszubilden noch die Früchte der­selben zu geniessen, denn ohne Sicherheit ist keine Freiheit.“ Schade eigentlich, dass sie ihre Arbeit nicht mit gleicher Grundsätzlichkeit beschliesst. Zwar wird die „Verlagerung des gesellschaftlichen hin zum individuellen Risikomanagement“ kri­tisch beleuchtet, die Erwerbsarbeit in einem deregulierten Arbeitsmarkt als zu schwacher Halt beurteilt. Doch dann mündet das Fazit in einen recht pragmatischen Appell, die im Kern problematische Reform im Detail wieder zu reformieren, die Be­troffenen ernster zu nehmen, ihre Suche nach Sicherheit und eigene Versuche nicht zu behin-dern, sondern zu stützen. „Es wäre wünschenswert, wenn im Vermittlungs­prozess eine höhere Sensibilität für diese Eigenaktivitäten und für die eigensinnige Verarbei-tung der meist negativen Erfahrungen am Arbeitsmarkt vorhanden wäre.“ 

Nur individuelle Strategien? 

Doch mit der Flexibilisierung, Dynamisierung und Deregulierung des Arbeitsmarktes wird weiterhin Instabilität und Unsicherheit erzeugt, „vermutlich nicht nur als nicht-intendierte Nebenfolge“, wie die Autorin irgendwo feststellt. In ihrer Typologie der Arbeitslosen führt Petra Schütt die Kategorie der „Alternativlosen“. Müsste da nicht deutlicher auch nach Alternativen gefragt werden? Aus den gut fundierten Einblicken in individuelle Strategien liesse sich mit dem grundsätzlicheren Ansatz einer Bettina Wyer wohl mehr herausholen. Auch für eine politische Strategie des Widerstandes gegen das System, dem wir uns lange genug nur angepasst haben. 

Peter Schallberger, Bettina Wyer: Praxis der Aktivierung. Eine Untersuchung von Programmen zur vorübergehenden Beschäftigung. UVK, Konstanz 2010, 202 Seiten, 24 Euro 

Bettina Wyer: Der standardisierte Arbeitslose. Langzeitarbeitslose Klienten in der aktivierenden Sozialpolitik. UVK, Konstanz 2014, 247 Seiten, 35 Euro 

Petra Schütt: „Security First“. Erwerbslose im Spannungsfeld zwischen Hilfe­bezug und prekärem Arbeitsmarkt. UVK, Konstanz 2014, 304 Seiten, 42 Euro 

Quelle dieses Textes von Hans Steiger:

Aus der Buchbeilage von P.S. die linke Zürcher Zeitung 4/14.

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