Nachgefragt: Yvonne Feri über Kinderarmut

Regine Beeg

Nationalrätin Yvonne Feri hatte im September 2015 die Einführung einer bedarfsabhängigen Kinderzulage sowie eine „Langzeitstudie über Sozialhilfe und die Langzeitauswirkungen auf Kinder“ gefordert. Der Bundesrat lehnte – wie berichtet – im November 2015 beide Vorstösse ab. Hälfte / Moitié hat Nationalrätin Feri um eine Stellungnahme gebeten. 

Hälfte / Moitié (H/M): Kannst Du uns beide Anliegen noch einmal kurz darstellen? 

Yvonne Feri (YF): Wir wissen, dass Familien mit Kindern stark von Armut betroffen sein können. Es gibt finanzielle Unterstützungen, die in diesem Bereich von den Kantonen geleistet werden. Für die Festsetzung der Mindesthöhe der Kinderzulage aber ist der Bund zuständig. Das hat mit unserem System zu tun, ob der Kanton oder der Bund zuständig ist. Als Nationalrätin versuche ich, hier einzugreifen und auf Bundesebene etwas zum Positiven zu verändern. 

Der Bundesrat hatte mir bereits mehrmals mitgeteilt, der Bund sei bspw. für Familienergänzungszulagen nicht zuständig und eine schweizweite Lösung zur Verbesserung betroffener Familien nicht möglich. Meine Frage ist aber: Für was ist der Bund denn zuständig? Er ist zuständig für die Höhe der Kinderzulage.

Davon abgeleitet habe ich gefordert, bundesweit die Kinderzulage neu und zwar bedarfsabhängig zu regeln. Das war die Idee dahinter: dass der Bund endlich sagt: Wir sind zuständig für diese Zulage und erkennen an, dass das bundespolitisch verhandelt werden muss. Ich finde es sehr schade, dass man diese Chance nicht wahrnimmt und noch nicht einmal den Ansatz dieser Idee überprüft! 

Der Bund hat familienpolitische Aufgaben 

H/M: Du hast auch die genannte Langzeitstudie gefordert. Wir fragen uns, wie lange eine solche Langzeitstudie dauert und was sie leisten kann? 

YF: Ich beobachte als Sozialvorsteherin in Wettingen immer wieder – und das macht mich wirklich sehr traurig –, dass Kinder, die in dem Umfeld von Sozialhilfe aufwachsen, oft nicht die Möglichkeit haben, sich aus diesem Umfeld heraus zu entwickeln. Es gibt Einzelne, denen das gelingt, aber man merkt, wie schwierig das ist. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Bildung und schulische Förderung in den betroffenen Familien zu wenig gestärkt wird. Selbstverständlich gibt es SozialhilfeempfängerInnen, auf die das nicht zutrifft. Eine Langzeitstudie kann aufzeigen, was das für die Kinder heisst. Ich möchte wissen: Was ist nach 20 Jahren aus einem Kind geworden, das in prekäre Verhältnisse hineingeboren wird. Hat es seinen Weg geschafft? Konnte es sich heraus entwickeln aus ungünstigen Vorbedingungen? Gab es Auswirkungen auf die Schulbildung, die Gesundheit, die Berufsbildung oder auch auf das soziale Umfeld? Eine Langzeitstudie umfasst also mindestens 10 Jahre, wenn nicht sogar 20 Jahre. Das wäre eben interessant. 

Lebensumstände und Chancen der Kinder ermitteln 

H/M: In einer Geschichte von Heinrich Böll wird beschrieben, dass man seine soziale Herkunft mit sich trägt „wie eine Hautfarbe“ – dieses Bild ist sehr eindringlich! Auch verschiedene Studien belegen, dass die soziale Herkunft ein grosses Armutsrisiko darstellt. 

YF: Eine Langzeitstudie könnte eine Analyse genau dieser Situation abgeben, aus der heraus sich Armut regelrecht zu vererben scheint. Im wissenschaftlichen und medizinischen Bereich kennt man die Möglichkeiten von Langzeitstudien, im sozialen Bereich gibt es das faktisch gar nicht. 

H/M: Wie schätzt Du in diesem Zusammenhang das „Nationale Programm gegen Armut“ ein, auf das sich der Bundesrat in seiner Ablehnung beruft? 

Innerhalb dieses Programms gibt es sehr gute Ansätze und Projekte. Aber die sind nicht verbindlich! Der Bund sagt: Die Städte, Gemeinden und Kantone sind zuständig für die Projekte, was ja auch stimmt. Es wäre aber auch hier gut, wenn zum Beispiel eine Gemeinde Zusammenhänge und Verknüpfungen erkennen kann. Eine Langzeitstudie könnte aufzeigen, welche Massnahme welche Wirkung hatte und könnte das Nationale Programm weiterführen. Bürgerliche Politiker hinterfragen doch gerne die Wirkung von sozialen Massnahmen, gerade auch im präventiven Bereich. „Wo ist der Return, wo ist der Gewinn dieser Arbeit?“ wird gefragt und oft lässt sich das nicht belegen. Durch eine Langzeitstudie wäre das möglich. 

H/M: Warum ist das Problem Kinderarmut in der privilegierten Schweiz immer noch so aktuell? 

YF: Das Leben in der Schweiz ist unglaublich teuer geworden. Nicht nur die Fixkosten sind sehr hoch, auch die gesellschaftlichen Ansprüche sind hoch. Allein Mietkosten, Lebenshaltungskosten und Krankenkassenkosten, all das hat ein Mass angenommen, das es immer schwierig macht. Auch Ausbildungen oder Förderkurse sind nicht sehr günstig. Eine Familie mit Kindern muss schon über ein entsprechendes Einkommen verfügen, und am Ende sind vom finanziellen Druck vor allem auch Kinder betroffen. 

Hohe Lebenshaltungskosten belasten vor allem Familien 

H/M: Ist durch Veränderungen des Arbeitsmarktes gerade auch im Niedriglohnbereich das Armutsrisiko generell gestiegen? 

YF: Ja, ich beobachte, dass Menschen, die nicht gut ausgebildet sind, Probleme haben, einen Job zu finden. Andererseits heisst es aber auch oft und aus ganz anderen Gründen, sie seien überqualifiziert, wenn sie eine Ausbildung haben. Wir haben heute enorme Veränderungen in der Arbeitswelt und stehen vor ganz neuen Herausforderungen. Einfache Jobs, von denen man früher leben konnte, gibt es zum Teil gar nicht mehr. Wo aber sind die Beschäftigten? Die finden wir zum Teil in der Sozialhilfe und da sind die Kinder von Armut betroffen, das ist höchst problematisch. 

H/M: Wie muss ich mir eine solche Situation für eine Familie konkret vorstellen? 

YF: Die bürgerlichen PolitikerInnen sagen zwar, die ausbezahlte individuelle Sozialhilfe sei ein Haufen Geld, wenn ich aber längere Zeit so leben muss, dann ist das sehr wenig. Ein halbes Jahr mag es noch gehen, da habe ich noch eine Winterjacke und warme Schuhe vom letzten Jahr, das Velo funktioniert noch..., aber irgendwann habe ich das nicht mehr. Und dann? Je länger man mit einem geringen Einkommen auskommen muss, desto schwieriger wird es! Davon sind in grossem Mass Frauen und Kinder betroffen. 

H/M: Auch wenn ein Kind das noch nicht bewusst wahrnimmt, so verursacht das doch Stress und ein Lebensgefühl, das über die Kindheit hinaus wirken kann. Wie kann man Resignation innerhalb einer Familie entgegenwirken? 

YF: Was mir sehr wichtig ist, dass ein Jugendlicher, der von der Schule kommt, die Möglichkeit hat, eine Ausbildung zu machen, allein aus dem Grund, weil er ohne Ausbildung gar keine Startchancen hat. Der Bereich Weiterbildung und Umbildung muss stark gefördert werden, und zwar nicht nur auf Fachhochschulniveau und nicht nur für hohe Kosten und einen hohen Zeitaufwand. Wenn ich an eine alleinerziehende Mutter denke, die arbeiten geht, kann sie doch nicht am Wochenende noch eine Weiterbildung machen oder einen Abendkurs besuchen. Es müssen einfache und niederschwellige Angebote gemacht werden, damit die Menschen in allen Lebensphasen und Berufsbereichen dabei bleiben können. 

Es braucht kostengünstige und niederschwellige Bildungsangebote 

H/M: Die Kosten für Weiterbildung – die heute, so heisst es, ein Leben lang notwendig ist –, sind meistens ausgesprochen hoch. 

YF: Das finde ich auch und mir ist durchaus bewusst, dass in diesem Bereich Kosten für Weiterbildungen oder Umschulungen – zum Beispiel für Alleinerziehende, die finanziell schlechter gestellt sind –, unbedingt zur Verfügung gestellt werden müssen! 

H/M: Welche Massnahmen sind darüber hinaus am dringlichsten? 

Bei den Kindern ist das die Frühförderung, die schulische Begleitung, dann denke ich, dass nach wie vor niederschwellige Erziehungsberatung und Familienbegleitung gebraucht wird. Berufswahl und Berufseinstieg ist eine wichtige Geschichte. Finanzielle Unterstützung haben wir schon angesprochen und auch den Bereich der Weiterbildung für Erwachsene. Das sind alles wichtige Punkte, die dazu beitragen, dass Armut vermindert wird. Davon bin ich überzeugt! 

H/M: Einige der genannten Punkte könnten durch das Angebot von schulischer Ganztagsbetreuung aufgefangen werden. Wie sieht es damit aus? 

YF: An einzelnen wenigen Orten gibt es das bereits, aber im Wesentlichen so gut wie gar nicht. Es gibt zu wenig Angebote und es gibt Gemeinden und Städte, die gar keine Betreuungsplätze zur Verfügung haben, und wenn, dann so teuer, dass es kaum bezahlbar ist. Das ist ein Punkt, an dem wir noch nicht sehr weit sind. Andere Länder, so wie Frankreich, Italien und Deutschland, sind da schon viel weiter. Da gibt es noch viel zu tun. 

H/M: Yvonne Feri, vielen Dank für die Zeit, die Du uns zur Verfügung gestellt hast.
Wir freuen uns, wenn wir zukünftig in weiteren Gesprächen einige Bereiche noch vertiefen können.
 

Zu den Personen: 

Yvonne Feri ist Nationalrätin (SP/AG) und Gemeinderätin Wettingen (Ressort Soziales / Familie). Sie präsidiert auch unseren Verein für soziale Gerechtigkeit. 

Das Interview für Hälfte / Moitié führte Regine Beeg, seit Januar 2016 freie Mitarbeiterin im Verein für soziale Gerechtigkeit. 

Zum Nachlesen: 

http://www.haelfte.ch/index.php/newsletter-reader/items/Feri_Kinderzulagen_und_vererbte_Armut.html 

Weiterführende Informationen zum Thema:

http://www.gegenarmut.ch

http://www.armuthalbieren.ch/media_features/_armut_/dl/Armutsmonitoring_Caritas_Schweiz_2015.pdf?i=1443

Unicef-Schweiz-Chefin Elsbeth Müller im Gespräch, 12. Oktober 2015

https://www.migrosmagazin.ch/menschen/interview/artikel/armut-in-der-schweiz-ist-ein-gesellschaftliches-stigma

„Familienpolitik – Auslegeordnung und Handlungsoptionen des Bundes“

http://www.parlament.ch/sites/doc/CuriaFolgeseite/2013/20133135/Bericht%20BR%20D.pdf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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