Flüchtlinge warten in der Fremde

Paul Ignaz Vogel

Szenen einer ersten Begegnung

Es sind Menschen zu uns gekommen, die vor Krieg und Diktatur geflüchtet sind. Im Rahmen der Schweizerischen Gesetzgebung wird entschieden, wer bleiben darf und wer zurückgehen muss. Ein Bericht von einer ersten Kontaktnahme mit solchen unglücklichen Menschen weckt Emotionen.

Wir sitzen zusammen und trinken Kaffee. Etwa zehn Personen an einem langen Tisch im Saal eines Kirchgemeindehauses. Und warten. Wir Einheimischen sollen Flüchtlinge und ihre Kinder zu einem Erstausflug aus ihrem Ghetto des Asylzentrums empfangen. Hinter uns auf einem Tisch Tassen, Gläser, Spielzeuge für Kinder, Thermosflaschen mit Kaffee und heissem Wasser, dann Krüge voller Wasser und Sirup. Ich denke an Max Frisch, als die Wirtschaft im vorigen Jahrhundert Arbeitskräfte aus dem europäischen Ausland holte, je nach Bedarf, und sie mit härtesten Lebensbedingungen schuften und in Baracken vegetieren liess. Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen. Biskuits und Schokolade für die Kinder. Von GastarbeiterInnen war damals die Rede. Von Gästen. Nicht von Ausbeutung. Auch heute nicht. Diese ist zwar nicht vorbei. Es triumphiert bei uns der neoliberale Nihilismus der sinnlosen Bereicherung. Das sind die vordergründig sichtbaren Werte in unserer Gesellschaft.

Kling. Ein SMS kommt an. Kling. Eine Kollegin hat es empfangen. Sie sitzt neben mir. Die exakte Zahl der Flüchtlinge, die uns SchweizerInnen besuchen wollen, wird uns gemeldet. Soundsoviele Erwachsene und soundsoviele Kinder. Erst zehn Minuten vor dem Eintreffen, wenn sie schon auf der Fahrt sind. Es gelten rigorose Sicherheitsbestimmungen, damit es zu keiner Fremdeinmischung kommt. Die Flüchtlinge – und auch wir – stehen unter dem Schutz des Schweizerischen Rechtstaates. Und das ist gut so. Ruhe und ein geordneter Tagesablauf können den teils traumatisierten Menschen unmittelbar helfen, Kriege zu verarbeiten, die wir uns nicht vorstellen können. Die Flüchtlinge haben im Asylzentrum von Bärtigen und Schleiertragenden erzählt, die Kinder vom „Bumm, bumm“.

Geschlechter getrennt

Dann kommen sie tröpfchenweise in den Saal. Sofort fällt mir eine Gruppe auf. Die Männer setzen sich an einem Tisch am Saalende und mit ihnen die Kinder, alles Knaben. Wahrscheinlich haben sie die Mädchen zu Hause gelassen. Die Männer hüten ihren Geschlechternachwuchs. Die Frauen nehmen an einem anderen Tisch Platz. Die Menschen sitzen und richten ihren Blick gegen die Wand aus. Sie blicken nicht etwa, mit dem Rücken zur Wand, in den offenen Saal. Es ist gespenstisch.

Meine Rolle ist die von allen anderen SchweizerInnen im Saal: Wir sind temporäre GastgeberInnen. Ich serviere sofort Wasser als Willkommensgeste und Sirup für die Kinder. Ja, diese Menschen sind mir willkommen an diesem freien Nachmittag. Und ich frage nach, ob sie Kaffee oder Tee wünschen. Englisch. Coffee? Tea? Nichtverbale Kommunikation wird Bedingung. Ich verstehe, dass sie nicht Englisch sprechen und nehme die Kaffeekanne, deute darauf und zucke mit den Achseln. Nach Kopfnicken schenke ich Kaffee ein.

Ich setze mich als Mann an den Tisch der Frauen. Mir gegenüber eine junge Frau aus Eritrea mit Kopftuch und Madonnen-Amulett am Hals. Dann eine Frau mittleren Alters und eine ältere Person, beide mit Kopftüchern. Sie kommen aus Afghanistan.
Zulächeln ist nicht möglich, die Blicke bleiben vorerst verschlossen. Ich nippe an meinem Kaffee und denke: Was nun? Dann wagt eine Schweizerin, sich neben mich zu setzen. Schliesslich stösst eine Sozialarbeiterin dazu.

Nähe gesucht

Die Sozialarbeiterin versucht, die Eritreerin zu fragen, wie man sich bei ihnen zu Hause begrüsst. „Salam“ sagt die Frau vom Horn von Afrika. Ich höre das Wort und sage an alle: „Salam aleikum“ und kreuze meine beiden Hände vor der Brust. Da blicken mich die Afghaninnen strahlend an. Das Eis ist gebrochen. Die ältere Frau gibt zu verstehen, dass sie als Frau mir als Mann die Hand nicht geben darf. Ich verstehe. Offenbar hat man sie im Asylzentrum gelehrt, dies sei bei uns Brauch. Sie taut auf.

Meiner Kollegin am Tischende wird es peinlich. Plötzlich beginnt die ältere Afghanin, mit ihrer rechten Hand die schönen, offenen, langen blonden Haare der Schweizerin zu streicheln und fasst nach dem Ohrenschmuck. Nähe à tout prix. Sie will offenbar wissen, woraus der Schmuck ist. Er ist aus schönem Glas.

Da geschieht es plötzlich: Die Afghanin schiebt ihr Kopftuch ein Stück zur Seite und lüftet vor allen ihr Geheimnis. Sie zeigt stolz ihren Ohrenschmuck. Es sind niedliche Herzchen aus Gold. Hat sie ein Herz aus Gold? Nun wagt sie mich anzuschauen. Mit ihren schönen, tiefbraunen, kugelrunden und altersweisen Augen.

Der Nebentisch, die Vereinigung der Ehemänner, schickt einen Aufpasser, den ältesten Knaben, vorbei. Er verlangt von mir etwas, steht neben mir am Tisch, als wäre er mein Grosskind. Vorerst verstehe ich nicht, was er will, und er weiss wahrscheinlich auch nicht, weshalb er an unseren Tisch geschickt wurde. Schokolade? Biskuits? Schliesslich einigen wir uns auf eine Kaffeerahmportion. Er gibt sich damit zufrieden und zottelt nach längerem Dabeisein wieder ab. Ich habe ihn nicht weggeschickt. Auch er wäre mir sehr willkommen an unserem Tisch gewesen. Es liegt nicht drin. Der Knabe muss zurück, zum Tisch der Väter. Zuviel der nonverbalen Botschaften. Es reicht.

Wer hat, dem wird gegeben

Da sitzen sie nun, die Menschen, und warten tage-, wochenlang auf Bescheid. Asylentscheid.

Unsere Gäste aus dem Nahen und Fernen Osten werden durch die Gesetzesmühlen gehen, die ihnen auch das Schweizerische Asylrecht zugesteht. Es wird zur Triage kommen: Dableiben oder weggehen, in ein Anderswo, oder dann zurück, wenn die Waffen schweigen in ihren Ländern, die Diktaturen beseitigt sind. Dauernd willkommen in der Schweiz sind jene, welche bereits eine Stelle im Arbeitsmarkt ergattert haben und ihr Know-How einfliessen lassen können. Aussortiert werden jene, welche unsere Wirtschaft brauchen kann. Mit der aktuellen Flüchtlingswelle sind Menschen zu uns gekommen, die die Fahrt bezahlen konnten. Mittelständische mit relativ guten Ausbildungen. Die Wirtschaft kann auswählen, das Sozialwesen ist am Limit und trägt die Lasten.

Wer hat, dem wird gegeben. Dem reichen Westeuropa fliessen durch die Flüchtlinge mehrheitlich junge Fachkräfte zu, welche in den Herkunftsländern für den Wiederaufbau dringend gebraucht würden. Eine überraschende Entwicklungshilfe für das bereits reiche und bevorzugte Europa, dafür Ausblutung der Entwicklungsländer ohne Gegenleistung? Kürzlich wurde in unserer bevorzugten Schweiz die Reduktion der Entwicklungshilfe verlangt. Nur profitieren.

Gleichberechtigung

Wir sind immer noch im Saal der Flüchtlingbegegnung. Die erste Runde ist zu Ende.

Eine betagte Schweizerin kommt an unseren Tisch, sie will sich von mir verabschieden. Ich stehe auf, sie drückt mir die Hand. Eine herzensgute Person.

Welch ein Bild für unsere Gäste: Eine Frau geht von sich aus auf einen Mann zu und drückt ihm die Hand. Die Frauen aus Eritrea und Afghanistan sind überrascht, schauen interessiert zu. So etwas sie haben offenbar noch nie miterlebt.

Zögernd stehen nun auch die Flüchtlingsfrauen auf, als hätte es ihnen gefallen. Dann treten sie vom Tisch zurück. Vor ihrem Angesicht wiederum nur die Wand, vor der ich stehe. Ich mit dem Rücken zur Wand und mit dem Blick in die Offenheit des Saales. Gewohnheiten eines Einheimischen und Bevorzugten, der sich nicht verstecken muss.

Ich winke ihnen zu. Sie strahlen.

Adieu!

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