Flucht aus der Misere

Hälfte / Moitié

Ein Interview mit Nationalrat Ricardo Lumengo

Hälfte: Wie hast du die Armut während deinen Jugendjahren in Angola erlebt?

Schon als Kind wurde man auf die prekäre finanzielle Situation der Eltern aufmerk­sam. Man vergleicht seine Eltern mit den Eltern anderer Kinder. Für Kinder, deren Eltern einer gesellschaftlich wenig anerkannten Arbeit mit geringem Verdienst nach­gehen müssen, ist diese Situation demütigend.

Hälfte: Gab es andere Beispiele solcher Erniedrigungen?

Das Wohnen in einem Elendsquartier (Slums, Favelas) galt als Schande. Auch die Art und Weise, wie man sich kleiden musste – billigste Kleider von schlechter Quali­tät – und die unzureichende Ernährung weckten Schamgefühle. Übrigens gilt ein di­cker Bauch in den armen Ländern als Zeichen des Wohlstands und so fühlen sich die unterernährten Menschen zusätzlich gedemütigt. Auch die mangelhafte Schulbil­dung und das unterentwickelte Sprachvermögen sind Begleiterscheinungen der Ar­mut und sie wirken für die Betroffenen ausgrenzend.

Hälfte: Wie beschreibst du den sozialen Druck, denen Armutsbe­troffene in einem reichen Land wie der Schweiz ausgesetzt sind und wie hast du das als Asylbewerber erlebt?

Die Armen, die Arbeitslosen, die IV- und SozialhilfebezügerInnen, die Asylbewerbe­rInnen und die Papierlosen – sie alle werden von den übrigen Mitgliedern der Gesell­schaft als faul oder arbeitsscheu wahrgenommen. Das ist erniedrigend und beleidi­gend, denn niemand lebt freiwillig in dieser Klasse. Der soziale Druck auf die be­troffenen Menschen bewirkt, dass jeder und jede mit allen Mitteln versucht, aus die­ser Situation auszubrechen. Arbeitslose geben sich so, als würden sie arbeiten oder sie meiden den Kontakt mit Freunden und Bekannten.

Als Asylbewerber hatte ich keine Wahl: ich musste wohl oder übel die ärmlichen Le­bensumstände akzeptieren und ich hatte das ohnmächtige Gefühl, von niemandem eine Verbesserung meiner Lebensumstände erwarten zu dürfen. Aber ich wollte un­bedingt dieser Misere entrinnen und wagte den Schritt zur Univer­sität. Ich konnte nicht mit irgendeiner finanziellen Unterstützung meines Studiums rechnen, sodass ich zu Gelegenheitsarbeiten gezwungen war. So war ich die längste Zeit Geschirrwä­scher in einem Restaurant. Das war eine Flucht nach vorne, ich wollte unbedingt der Armut entkommen.

Hälfte: Würde das bedingungslose Grundeinkommen in der Schweiz ausbe­zahlt, was würde sich für dich ändern?

Der Wert des Grundeinkommens für alle ist es, jedem Menschen seine Würde zu­rückzugeben. Jemand, der dieses Grundeinkommen erhält, betrachtet es nicht als Unterstützung, sondern als Recht, am Reichtum des Landes und seiner Gesellschaft teilzuhaben. Die Arbeit verliert ihr vordergründiges Ziel: Einkommenssicherheit. Die Arbeit wird so zur Quelle von Freude und Befriedigung. Und der Lohn aus der Arbeit erhält einen anderen Sinn und einen anderen Wert.

Hälfte: Besten Dank für das Interview!

Zur Person: Aufgewachsen in Angola flüchtete Ricardo Lumengo 1982 im Alter von 20 Jahren aus seinem Geburtsland, da er als politisch aktiver Student verfolgt wurde. Er immigrierte in die Schweiz, wo ihm Asyl gewährt wurde. Dort erhielt er nach einigen Jahren eine Aufenthaltsbewilligung. Lumengo ist seit 1997 Schweizer Staatsbürger und lebt in Biel. Lumengo spricht Französisch, Deutsch, Portugiesisch, Englisch, Spanisch und die Bantusprachen Kikongo, Kigongo  van Leta und Lingala. Er studierte an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg (Quelle: Wikipedia).

Der Website www.ricardolumengo.ch entnehmen wir: „Ich kam sehr früh mit Politik in Berührung. Schon in Angola, dem Land, in dem ich geboren wurde, trat ich mit 17 der Jugendgruppe einer Partei bei. In der Schweiz ging ich 1996 zur SP. 2004 wurde ich in den Stadtrat von Biel und 2006 in den Grossrat des Kantons Bern gewählt. Seit Dezember 2007 sitze ich im Nationalrat und gehöre zur sicherheitspolitischen Kommission. Seit November 2010 fraktions- und parteilos.“

Ricardo Lumengo kandidiert in diesem Herbst 2011 wieder im Kanton Bern für den Nationalrat auf der Liste 20 der Sozial-liberalen Bewegung (SLB). Nach dem Freispruch durch das Obergericht des Kantons Bern wegen dem Vorwurf der Wahlfälschung soll auf Antrag der bernischen Staatsanwaltschaft das Bun­desgericht in dritter Instanz entscheiden. Es gilt die Unschuldsvermutung. (Red.)

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