Götz Werner über das Bedingungslose Grundeinkommen

Henriette Kläy

Am 5. April 2013 hielt im Forum Altenberg in Bern Professor Götz Werner einen Vortrag über die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens. Er nannte es den Archimedischen Punkt. Dieser Begriff bezeichnet eine vollkommen unbezweifelbare Wahrheit oder Tatsache, von der aus die Welt erklärt werden könnte (WIKI).

„Ein Mensch ist noch nicht viel, wenn er warm wohnt und zu Essen hat. Aber er muss warm wohnen und zu essen haben, wenn er Mensch werden soll.“ (Friedrich Schiller, 1792).

Mit Bezug auf die Unterschriftensammlung für ein Bedingungsloses Grundeinkommen gratulierte Professor Werner den SchweizerInnen zu ihrer Demokratie: „Die Schweizer sind Bürger, nicht Untertanen (wie die Bürger in Deutschland etwa). Sie haben erkannt, dass man sich über das Bestehende hinaus Gedanken machen muss, das Verständnis von Staat ist hier nicht nur ‚die da oben, wir da unten‘, sondern sie haben die Bürgergesellschaft weiter entwickelt.“ Für ihn selber sei Gottlieb Duttweiler immer ein Vorbild gewesen, er habe schon früh seine Biographie gelesen, um die Schweiz und ihre Demokratie zu verstehen.

Freiheit und Unabhängigkeit

Nahe an der gesellschaftlichen Realität leben heisst, als Bürger seine Biographie gestalten zu können. Die Freiheit des Einzelnen so zu leben, wie es seinen Fähigkeiten und Neigungen entspricht, ist existenziell. Das heisst vor allem auch die Möglichkeit haben, Nein zu sagen.

Unabhängigkeit bedeutete früher, als freier Mann auf freier Scholle als Selbstversorger gegen die Natur zu kämpfen. Wer zum Schutz und Wohl der Allgemeinheit arbeitete und keinen Boden besass – Pfarrer, Vögte, Militär – war auf den „Zehnten“ angewiesen. Darüber hinaus mussten Mittel zum Konsum zur Verfügung stehen, was wiederum das Gewerbe, den Bauernstand und den öffentlichen Unterhalt förderte. Die direkten Fragen waren: 1. Wie hat der Einzelne ein Einkommen?  2. Wie hat die Öffentlichkeit ein Einkommen?

Veränderung in der Zeit

Heute sind diese Paradigmen veraltet. Man erwirtschaftet nicht mehr die direkten, lebensnotwendigen Güter, sondern man ist durch die Arbeitsteilung abhängig von der Arbeit anderer geworden. Man arbeitet für Geld. Aber Geld kann man nicht essen, was wir am Körper tragen, haben wir nicht selber gemacht. Viele selbstverständlich gewordene Güter müssen importiert werden. Trotzdem meinen wir immer noch, wir arbeiten für uns selber; dieses Konzept ist uns seit Tausenden von Jahren eingebrannt worden.

Das alte Denken kann die heutigen Probleme nicht lösen, es hat sie erst geschaffen. Wir leben in einer Zeit der Wende. Unter den heutigen Voraussetzungen ist jeder Einzelne ein Unternehmer, ein Lebensunternehmer. Unabhängig von früheren Traditionen und Zwängen hat jeder die Möglichkeit, seinen Lebensentwurf selber zu gestalten. Die Zeit der Fremderziehung ist vorbei, die Eigenerziehung ist zur Pflicht geworden: Was habe ich für einen Lebensentwurf? Wofür bin ich auf der Welt (nicht warum)? Die Frage beim Jüngsten Gericht wird nicht sein: Hast du gesündigt? Sondern: Was hast du aus deinen Talenten und Möglichkeiten gemacht?

Voraussetzung für Veränderung

Das ist eine Bewusstseinsfrage und die Zukunft gestaltet sich durch Beobachtung und Forschung. An den Begegnungen mit anderen Menschen kann man erkennen, welche Ziele man hat. Man muss das Risiko eingehen, alles ganz anders zu machen. Niemand wird mehr arbeiten, wenn man nicht davon leben kann: die Arbeit braucht man, um Mensch zu sein. „Fürsorge“ heisst heute dafür sorgen, dass jeder seine Talente an seinem Platz ausüben kann. Die Bevormundung durch das heutige Lei-stungsprinzip, das Bestehen auf der Vollbeschäftigung aller durch künstlich geschaffene „Arbeit“ verhindert das.

Es geht auch nicht um Umverteilung – um Abzocker braucht man sich keine Gedanken zu machen, zu denen schaut der liebe Gott. Massnahmen wie Abzockerinitiative oder die 1:12-Initiative dienen eigentlich nur zur Ablenkung durch Zaubertricks und Blendgranaten von der Tatsache, dass bei den wesentlichen Fragen gar nichts geschieht.

Überzeugungsarbeit

Paradigmenwechsel können Jahrhunderte dauern (Abschaffung der Sklaverei, Gleichstellung von Frau und Mann usw.). Aus diesem Grunde ist es unwichtig, ob die aktuelle Grundeinkommensinitiative angenommen wird oder nicht. Durch die öffentliche Diskussion werden bestehende Vorstellungen in Frage gestellt, nur so kann sich ein neues Bewusstsein bilden. Aber auch bei Annahme der Initiative – einer jeden Initiative - muss die Diskussion weitergehen, sie darf nie aufhören. Aus Diskussionen sollte man immer mit neueren Fragen herauskommen, als man hineingegangen ist. Man muss sich selber überzeugen, nicht die andern – das ist Entwicklung.

Unsere Besorgnis muss heute vielmehr den Menschen gelten, die in Existenzangst ihren Lebensplan nicht realisieren können. Das Bedingungslose Grundeinkommen gibt dem Individuum die Verantwortung zurück. Es ist eine ergebnisoffene Forschungsfrage – denn auch die Richtigkeit aller erreichten Ziele unterliegt dem Wandel der Zeit.

Die Konsumsteuer

Heute wird nicht mehr der materielle „Zehnte“ eingezogen, sondern nebst dem Vermögen wird die abstrakte Leistung besteuert. Alle bezahlen gleichviel Steuern, wobei jedoch der Steuersatz bei niedrigen Einkommen schwächer gewichtet wird als bei hohen Einkommen und Vermögen.

Aber auch eine stärkere Besteuerung der Reichen ist kontraproduktiv: Die Steuern werden ohnehin auf die Produktpreise abgewälzt und werden letztlich wieder von den KonsumentInnen und nicht von den Unternehmern bezahlt.

Ebenso bei den Gebühren: Beim Wasserverbrauch z.B. kostet der erste Liter am meisten, die weiteren Liter werden billiger. Aber es sollte umgekehrt sein: wer mehr Wasser verbraucht, sollte mehr bezahlen. Das Prinzip „im Dutzend billiger“ bevorteilt diejenigen, die sich mehr leisten können.

Die Frage heute sollte deshalb heissen: was nimmst du in Anspruch, was hast du geerntet, und das führt uns direkt zur Konsumsteuer.

Die Konsumsteuer richtet sich nach dem Verbrauch: wer viel verbraucht, bezahlt mehr.

Schlussworte

Zum Schluss wandte sich Professor Götz Werner noch einmal direkt an die SchweizerInnen: Mit der Annahme der Abzockerinitiative und der Lancierung der Initiative für ein Bedingungsloses Grundeinkommen sind wir SchweizerInnen Vorreiter und Signal für die ganze Welt – eine grosse Verantwortung. Wir haben mehr als alle andern das Privileg, durch Abstimmungen in das politische Geschehen und in unser Wohlergehen eingreifen zu können. Privilegien hat man nicht, um sie zu geniessen, sondern um ihnen gerecht zu werden - ein grosses Wort, das oben auf jedem Abstimmungsausweis stehen sollte.

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Zur Person:

Götz Wolfgang Werner ist Gründer und Aufsichtsratsmitglied des Unternehmens dm-dro­gerie, dessen Geschäftsführer er 35 Jahre lang war. Seit dem Jahr 2005 setzt sich Werner öffentlich für ein Bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland ein. Die Anfänge sei­ner Ideen reichen bis ins Jahr 1982 zurück, als die Arbeitslosenzahl in Deutschland einen bis dahin einmaligen Höchststand erreichte. Die Finanzierung des Grundeinkommens be­ruht demnach auf der allmählichen Abschaffung der Ein­kommenssteuer und der gleich­zeitigen Erhöhung der Mehrwertsteuer als „Konsumsteuer“ auf 100 %.

Werner ist ein bekennender Anthroposoph und richtet seine Unternehmensphiloso­phie nach den Prinzipien von Persönlichkeitsentwicklung, Vertrauen und Kreativität aus. 2005 schätzte das manager magazin sein Vermögen auf € 1,05 Mrd.; er lag so auf Platz 78 der reichsten Deutschen. (Quelle: Wikipedia).

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