Der Gartenschlauch

Henriette Kläy

Ein "angemessenes" und „bescheidenes“ Budget, wie es unsere Sozialnetze den Betroffenen noch zugestehen, bedingt immer eine Beschränkung auf die billigsten Varianten. Das führt meistens zu erheblichen Komplikationen und weiteren Kosten, die den Preis einer teureren Variante bei Weitem überschrei­ten.

Gar nicht zu reden von den seelischen Strapazen, die man gratis und franko mitge­liefert bekommt, und welche dann mit der Zeit in weitere Kosten münden in Form von Tranquilizern, Equalizern und was all der -lizer mehr sind, sowie in zusätzliche Kos­ten für die erhöhte Frequenz der Arztkonsultationen nebst Ausfällen bei einer even­tuell vorhandenen Arbeitsstelle. Diese Billigstpolitik kann sich auf unerwartete Weise in allen Lebenslagen und vor allem beim Erwerb von beliebigen Produkten auswir­ken, wo man dies wirklich nicht erwarten würde.

Zum Beispiel beim Erwerb eine Gartenschlauchs

Ich brauche einen Gartenschlauch zum Bewässern meiner zahlreichen Pflanzen und des Grüns rund um den gemeinsamen Park- und Grillplatz. Das tägliche Schleppen von unzähligen 10Liter-Giesskannen rund um das Haus herum würde zwar gleich­zeitig mein tägliches Fitnesstraining erweitern, aber für den Rücken ist es weniger zu empfehlen. Deshalb begebe ich mich in ein einschlägiges – kostengünstiges! - Ge­schäft und teile mein Begehren einem Mitarbeiter mit. Er verweist mich auf das be­treffende Rayon, welches ich auch tatsächlich finde. Ich befinde mich vor einem Re­gal mit einem  beträchtlichen Angebot an Schläuchen. Es muss ein langer sein, denn er muss von der Waschküche, wo sich der einzige in Frage kommende Was­serhahn befindet, rund um das Haus reichen, denn die Blumen sind überall. Ich wähle den billigsten 50m-Schlauch und hisse ihn in den Einkaufswagen. Nun noch ein An­schlussstück und eine Brause – die Schläuche wer- den nackt verkauft.

Und nun beginnen die Probleme. Denn das ist nicht so einfach mit den Anschluss­stücken: da gibt es welche mit Innengewinde und welche mit Aussengewinde, ganz abgesehen von den verschiedenen Durchmessern – in Inches, damit es noch etwas intellektueller wird. Ich ging davon aus, dass in der heutigen Massenproduktion diese Dinge genormt seien, das trifft aber erstaunlicherweise auf die Beschaffenheit von Wasseranschlüssen nicht zu. Wieder suche ich längere Zeit nach einem rettenden Engel, von denen gibt's nämlich zwecks Einsparung von Lohnkosten fast keine, und die vorhandenen sind dauerbesetzt. Schliesslich erkämpfe ich mir einen und teile ihm mein Problem mit. „Jää was haben Sie denn für einen Wasseranschluss?“. „Ja, einfach einen gewöhnlichen Hahnen, wie die in einem Waschküchenbrünnli halt so sind“. „Jäääää so geht das nicht! Sie müssen den genauen Durchmesser und das genaue Gewinde berücksichtigen. Sie müssen das halt messen!“. „Gibt es denn nicht einen Universal-Anschluss, das kann doch nicht so kompliziert sein!“ „Ja was denken Sie denn! Das geht doch nicht! Nenein, da müssen Sie schon genau wissen, was Sie wollen!“ Aha. Dann muss ich halt noch einmal kommen. Den Schlauch hisse ich wie­der zurück, weil ich ja nicht weiss, ob der dann auch kompatibel ist mit dem richtigen Anschluss, und verfüge mich ziemlich verstimmt wieder nach Hause.

Leider muss ich danach das Auto, das ich ausgeliehen habe, weil von mir aus die Geschäfte mit den öV kaum zu erreichen sind, wieder zurückbringen. Es dauert eine Woche, bis ich es erneut holen kann, um das Gartenschlauchvorhaben zu Ende zu bringen. Inzwischen habe ich den Kopf des Wasserhahns abgeschraubt, ich will auf Nummer sicher gehen. In der Zwischenzeit spritzt das Wasser bei Gebrauch in ei­nem unkontrollierten Streustrahl in und um das Becken herum, meine Nachbarn lie­ben es...

Das billigste Angebot

Diesmal gelingt es mir, alle Teile zu ergattern: neuen Kopf für den Wasserhahn, An­schlussteile - ja, es braucht zwei: einen für den Hahn und einen für das Schlau­chende, und noch einmal zwei für das Befestigen des Sprühkopfes am anderen Ende des Schlauchs. Trotz des billigsten Angebots mit dem Schlauch zusammen ca. 100.- Fr., welche weit über meinem Budget liegen. „Möchten Sie noch einen Schlauchwa-gen, für diesen langen Schlauch? Wir hätten da gerade ein günstiges Aktionsangebot...“ „Wie viel?“ Weitere 98.- Fr. Das kommt überhaupt nicht in Frage, ich kann das auch ohne einen solchen Wagen.

Zuhause mache ich mich ans Einrichten: alles klappt bestens, ausser, dass der Schlauch in seiner grosszügigen Länge sich offenbar nicht so einfach abrollen lässt. Macht nichts, bis zum nächsten Blumentopf reicht's schon. Wasserhahn auf, zum Blumentopf eilen, die Spritzdüse aufdrehen – nichts. Zurückeilen, Wasser zudrehen, dann an der Spritzdüse herum werken um herauszufinden, ob sie sich etwa anders drehen bzw. öffnen lässt. Ohne Wasser eigentlich nicht ganz offensichtlich. Wieder in die Waschküche, Wasser aufdrehen. Offenbar habe ich die Düse richtig geöffnet: das Wasser spritzt fröhlich in der Gegend umher, nur nicht in den Blumentopf. Ich beeile mich, sie zu packen und auf den Topf zu richten – da ist das Wasser wieder weg. Inzwischen habe ich nasse Schuhe, innen auch. Ich fliege zurück in die Wasch­küche um abzustellen, aber da fliegt mir mit einem lauten Peng! das Anschlussende des Schlauchs um die Ohren. Bis ich das Wasser abgedreht habe, bin ich und die Waschküche ausgiebigst begossen. Erneuter Versuch, den Schlauch wieder anzuschliessen, diesmal mit mehr Kraftaufwand - und mit zusamengepressten Zähnen. Es fängt an zu köcheln in mir.

Wasser aufdrehen, zum Blumentopf eilen, hurra, es kommt! Aber nur kurz, dann wie­der nichts mehr. Zurück in die  Waschküche und aufpassen, dass ich nicht auf dem nassen Boden ausrutsche. Wasserhahn wieder zu, bevor er nochmal abplatzt. Ich bemerke nun, dass sich im Schlauchhaufen – dem noch nicht abgerollten – ein paar lustige Schleifchen mit je einem Knick befinden. Das muss es sein. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als den Schlauch zu begradigen – tja aber das ist schneller gesagt als getan! Ich mache mich an die Sisyphus-Arbeit, den Schlauch auseinander zu ziehen und auf- zudrehen – ein unbeschreiblicher Kraftakt auf 50 Metern. Nach etwa 2 Stunden ist der Schlauch soweit entwirrt. Ich begiesse die ersten Blumen nicht ohne ein gehöriges Gefühl des Triumphs – das wäre ja gelacht, wenn ich das nicht hinkriegen würde! Ich will weiterziehen zu den nächsten Töpfen – der Schlauch kommt nicht mit. Spritze zu, zurücklaufen und entdecken, dass sich wieder ein Schleifchen gebildet hat, das am aufgeschichteten Holz fest­steckt. Weiteres Aufdre­hen des Schlauchs, es geht einige Meter weiter, dann wieder stopp. Diesmal klemmt der Schlauch unter dem Rad eines parkierten Autos fest. So geht es die ganze Zeit weiter, ein Hin- und Her, An- und wieder Abstellen. Bis ich endlich alles begossen habe ist es finster geworden. Obschon ich völlig durchnässt bin, schwitze ich wie ein Ochse.

Montage ohne Zukunft

Aber es ist noch nicht fertig: jetzt muss ich diesen Schlauch irgendwie wieder ein­sammeln, und zwar so, dass ich ihn das nächste Mal einfach ausziehen kann, ohne all die Verklemmungen. Es erfordert weitere anderthalb Stunden, bis ich unter er­neutem Austrudeln von Verdrehungen und ständigem Feststecken den Schlauch endlich in der Waschküche habe – ein-, zwei Mal trifft mich eine grössere Quaddel beim mittlerweile leicht ungeduldigen und somit unkoordinierten Aufdrehen am Kopf, was das Köcheln in mir in Form von grässlichen Flüchen überlaufen lässt. Als der Schlauch endlich in einer mehr oder weniger ordentlichen Rolle daliegt, welche ich durch ein raffiniertes Überhandsystem aus der Kunst des Knüpfens und Häkelns zu­stande gebracht habe, muss noch die Waschküche trockengelegt werden. Ich bin völlig erschöpft, der Abend ist gelaufen, und ich gelange zur bitteren Überzeugung, dass ich halt doch unbedingt einen Schlauchwagen brauche. Diese Einsicht wird am nächsten Tag bestätigt, da das Ab­rollen des Schlauchs nicht funktioniert und die Mi­sere wieder von vorne beginnt. Nur: wie soll ich das bezahlen?

Wie immer: warten... Bis ich das Auto wieder holen kann. Bis ich wieder Geld habe. Und wenn ich Glück habe, trifft beides auch noch gleichzeitig ein, etwa mit der Fre­quenz von totalen Sonnenfinsternissen. Nach weiteren zwei Wochen kann ich mir per Internet zur Hälfte des "Aktionspreises" endlich einen Schlauchwagen kaufen. Es ist vollbracht!

Ist es?

Natürlich nicht: der Wagen ist zwar neu, kommt aber ohne Montageanleitung. 7 Per­sonen (inklusive meine Katze und Hausverwaltung) stehen darum herum und pag­geln daran herum, leider gänzlich ohne Erfolg. Die einzige Erkenntnis:

Es braucht weitere Anschlussteile. Inzwischen hat man mir nicht ohne eine etwas schadenfreudiges Zucken in den Mundwinkeln auch mitgeteilt, dass ich gerade ein günstiges Schlauchangebot für ca. 60.- Franken verpasst habe, inklusive sämtliches Zubehör, alles natürlich zusammengehörig und kompatibel.

Ich kapituliere und trage weiterhin entweder schwere Giesskannen in der Gegend herum oder spritze mit dem nackten Schlauch per Daumensystem. 

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