Initiative zur gerechten Verteilung der Arbeit (GeGAV)

Hannah Einhaus

Auch wenn die Schweizer Wirtschaft im Vergleich zur EU privilegiert ist, wird das Problem der Erwerbslosigkeit auch hierzulande bestehen bleiben. Versu­che von Arbeitszeitverkürzungen und neue Modelle scheitern jedoch. Dieses Schicksal ereilte auch eine eidgenössische Initiative, die in den 90er Jahren eine bessere Verteilung der bezahlten Arbeit anstrebte und dabei gleich auch die Gleichstellung der Geschlechter fördern wollte. 

Was heisst Arbeit? Der Begriff umfasst gemeinhin nur die bezahlte Tätigkeit im Be­rufsleben. Eine eidgenössische Initiative forderte in den späten 90er Jahren, dass auch unbezahlte Tätigkeiten wie Haus- und Familienarbeit, ehrenamtliche Engage­ments und berufliche Weiterbildung in die Verfassung gehören. Da bei bezahlter und unbezahlter Arbeit auch die Rollenverteilung von Mann und Frau ins Spiel kommt, war das Anliegen der neu gegründeten „Gesellschaft für gerechte Arbeitsverteilung“ (GeGAV) von Anfang an eng verknüpft mit der Frage der Gleichstellung der Ge­schlechter. 

Alles begann an einer Veranstaltung an der Universität Zürich Ende 1993. Der eme­ritierte Wirtschaftsprofessor Hans Würgler – fast zwanzig Jahre lang Leiter der Kon­junkturforschungsstelle (KOF) an der ETH Zürich – referierte in der Aula über die neu entstandene Rezession. Anders als in früheren Wirtschaftskrisen würde diesmal eine Sockelarbeitslosigkeit bestehen bleiben, analysierte er. Nach dem Vortrag ging ich auf ihn zu und drückte ihm ein Exemplar des Arbeitslosenmagazins „Kalter Kaffee“ in die Hand. Nach meinem Geschichtsstudium und der Ausbildung zur Journalistin beim „Tages-Anzeiger“ hatte ich – mangels Berufserfahrung – kaum Chancen für eine Stelle. Ich stempelte, wollte aber nicht tatenlos bleiben. So gründete ich mit ei­ner Gruppe anderer Erwerbsloser Anfang 1993 das Zürcher Arbeitslosenkomitee (ZAK) und gab das Magazin „Kalter Kaffee“ heraus. Aus dem Gespräch entstanden eine Freundschaft und ein längerer gemeinsamer Weg mit dem gleichen politischen Ziel, die Arbeit gerechter zu verteilen und allen Erwerbswilligen den Zugang zum Ar­beits­markt zu ermöglichen. 

Frauen: Mehr als die Hälfte aller Arbeiten für einen Viertel der Lohnsumme 

Um die ungerechte Arbeitsverteilung anschaulich zu machen, reichen einige wenige Fakten. Die Zahlen stammen zwar aus den 90er Jahren, die Konstellation als Gan­zes dürfte sich aber inzwischen nur geringfügig geändert haben*: 

Bei der Nichterwerbsarbeit (Haus- und Familienarbeit) leisteten Frauen 88 Prozent der  damals 90 Millionen Wochenstunden. Bei der Erwerbsarbeit waren es hingegen nur 34 Prozent der damals 130 Millionen Wochenstunden. Unter dem Strich leisteten Frauen 55 Prozent sämtlicher Arbeiten, erhielten jedoch lediglich einen Viertel der Lohnsumme. Die Lohnungleichheit und der schwierigere Zugang zum Arbeitsmarkt waren evident. 

Die GeGAV-Initiative forderte deshalb, die Arbeit zwischen allen zu verteilen, die eine Erwerbsarbeit benötigten. Zudem sollte es Männern wie Frauen möglich sein, Be­treuungsaufgaben zu übernehmen, ohne vor die Wahl zwischen Beruf und Familie gestellt zu werden. Um Arbeitnehmende besser gegen Erwerbslosigkeit zu wappnen, sollten auch die Rahmenbedingungen für die berufliche Weiterbildung verbessert werden. Damit bliebe die Schweiz auch langfristig ein attraktiver Wirtschaftsstandort. 

Unterschriftensammlung mit Hindernissen 

Nach einer langen Vorbereitungsphase mit dem Aufbau eines Sekretariats und von Regionalkomitees lancierten wir die Initiative im September 1997. Trotz zahlreicher Anlässe mit Auftritten und Unterschriftensammlungen mit fleissigen Helfern kamen bis zum Eingabeschluss lediglich 20'000 Unterschriften zusammen. Dies mochte fol­gende Gründe haben: Hinter der Initiative stand kein starker Motor wie eine Partei, eine Gewerkschaft, ein Wirtschaftsverband oder eine Frauenorganisation. Alle fan­den die Idee sympathisch, halfen hie und dort mit, doch der GeGAV fehlte die trei­bende Kraft. Das Thema war zweifellos komplex und nicht leicht, um in drei Sätzen auf der Strasse Unterschriften zu sammeln. Auch existierten viele gedankliche Barri­eren wie tief tradierte Rollenbilder und sehr unterschiedliche Vorstellungen von „Ar­beit“, „Lohn“, „Gleichstellung“, „Gerechtigkeit“ oder „Tradition und Fortschritt“. 

Was ist von der Debatte geblieben? 

Die GeGAV-Initiative hat als solche wenig bleibende Spuren hinterlassen. Die Forde­rung nach einer gerechten Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit ist weit­gehend dort geblieben, wo sie schon vorher unbestritten war, d.h. vor allem in den Frauenorganisationen der Parteien (auch bürgerliche), Gewerkschaften und Landes­kirchen. Ihnen sind lokale und regionale Erfolge zu verdanken, vor allem beim Aus­bau der Kinderbetreuung. In Bern hat das Parlament neuestens eine Frauenquote in der Führung der Stadtverwaltung erkämpft.

Heute fokussiert die öffentliche Diskussion um die Verteilung der Arbeit stark um die Zuwanderung vom Ausland in die Schweiz. Die Frage der Geschlechter ist dabei in den Hintergrund getreten – ganz zu Unrecht. Das soziale Gefälle ist mit der Globali­sierung auch hierzulande deutlich steiler geworden, und in den untersten Gesell­schaftsschichten sind Frauen immer stark vertreten.

Während der Unterschriftensammlung tauchte auch die Frage des garantierten Min­desteinkommens auf. Für uns war die soziale Sicherung ein zentrales Anliegen. Die Arbeitsverteilung, die uns vorschwebte, sollte hingegen den Zugang für alle zum Ar­beitsmarkt ermöglichen, um anerkannter Teil der Gesellschaft zu sein und zu blei­ben. Ein Grundeinkommen könnte kontraproduktiv werden, denn es würde den Zu­sam­menhalt der Gesellschaft gefährden. 

Ob eine gerechtere Arbeits- und Einkommensverteilung oder ein Grundeinkommen: In der Schweiz haben beide Modelle einen schweren Stand und werden auch in den kommenden Jahren – ja Jahrzehnten – viel Ausdauer in der Aufklärungsarbeit benö­tigen.

Zur Person: 

Hannah Einhaus (51) lebt in Bern. Sie studierte Geschichte an der Universität Zürich, absolvierte das Volontariat beim „Tages-Anzeiger“, war 1993 Gründungsmitglied des „Zürcher Arbeitslosenkomitees“, lancierte das Magazin „Kalter Kaffee“ und arbeitete bis zu ihrem Wechsel in die „Berner Zeitung“ im Jahr 2000 als freischaffende Journa­listin. Parallel engagierte sie sich in Arbeits- und Gleichstellungsfragen als Co-Präsi­dentin der GeGAV, als Frauensekretärin der SP Stadt Bern und in gewerkschaftli­chen Kreisen. Nach 13 Jahren im Tagesjournalismus steht sie nun vor einer berufli­chen Neuorientierung. Siehe auch: www.worthaus.ch 

*Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS

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