Humane, soziale und ökologische Geld- und Wirtschaftspolitik

Hanruedi Weber

Vollgeld ist gesetzliches Zahlungsmittel. Was ist der Schweizerfranken anderes? Das werden sich die meisten LeserInnen fragen. Tatsache ist aber, dass nur ca. 10% (Münzen und Noten) der umlaufenden Geldmenge gesetzliche Zahlungsmittel sind.

Die ca. 90% davon, nämlich das Giral- oder Buchgeld auf unseren Girokonten bei den Banken, sind jedoch keine gesetzliche Zahlungsmittel. Sie werden nicht von der Nationalbank, sondern von den Geschäftsbanken quasi aus dem Nichts hergestellt, bleiben im Eigentum der Banken und verschwinden im Fall eines Bankrotts mit ihnen von der Bildfläche (Bankenkrise).

Heute schöpfen die Geschäftsbanken das Giral- oder Buchgeld, indem sie nach rein einzelwirtschaftlichen, profitorientierten Kriterien Kredite vergeben, also ein Schuldverhältnis eröffnen. Dabei stellen sie dem oder der KreditnehmerIn einen Giralgeldbetrag zur Verfügung (= Schuld der Bank), mit dem sie bargeldlos ihre Zahlungen abwickeln können. Dadurch wird die Giralgeldmenge um diesen Betrag erhöht. Er war jedoch vor dem Kreditvertrag nirgends vorhanden, d.h. die Bank musste ihn nicht von irgendwoher transferieren; und wenn der Kredit getilgt wird, verschwindet er wieder aus der Geldmenge. Das ist ein hoch profitabler und hoch riskanter Vorgang, weil sein Gelingen davon abhängt, ob der Kreditnehmer imstande ist, sich über den Markt Geld zu beschaffen, um sein Rückzahlungsversprechen (= Schuld des Kreditnehmers) einzuhalten. Somit ist eigentlich der Kreditnehmer sein eigener Kreditgeber! Das Ganze funktioniert natürlich nur so lange als die Banken an die Zahlungsfähigkeit ihrer Schuldner und diese an die Kaufkraft des Giralgeldes glauben. Wollten sie sich ihre Kredite in gesetzlichen Zahlungsmitteln auszahlen lassen, wären bei weitem zu wenig Münzen und Noten vorhanden. Das ist der Hintergrund der allgegenwärtigen Rede vom "Vertrauen" in die Banken, beziehungsweise  in den Markt.

Vollwertiges und staatlich kontrolliertes Geld

Vollgeld ist kein Banken-Giralgeld mehr, sondern gesetzliches Zahlungsmittel in unbarer Form, Buchgeld, das aber im Unterschied zum Bankengeld den Münzen und Noten rechtlich gleichgestellt ist und ausschliesslich von der Monetative (= Vollgeld-Nachfolgeorganisation der Nationalbank mit erweiterten Kompetenzen) herausgegeben wird. Es ist vollwertiges, staatlich garantiertes Geld.

Heute entsteht alles Geld wie beschrieben auf dem Kreditweg. Die Nationalbank händigt den Geschäftsbanken gegen Kredit gesetzliche Zahlungsmittel aus, und die Geschäftsbanken stellen den Kunden auf der Basis dieses Nationalbankgeldes Kredite in ihrem eigenen Bankengiralgeld aus, das nur in Form der Rückzahlungsforderungen existiert. Weil die Geschäftsbanken zudem nur dazu verpflichtet sind, einen minimalen Anteil der ausgestellten Kredite (Mindestreserve 2,5%) in gesetzlichen Zahlungsmitteln vorzuhalten, können sie theoretisch 40mal mehr Giralgeld verleihen als sie an gesetzlichen Zahlungsmitteln (Zentralbankreserven) haben. Dieses ebenfalls hoch riskante und hoch profitable Geschäft nennt sich "fraktionales Reservesystem" oder "multiple Kreditschöpfung".

Gegen Zwang zum unaufhörlichen Wachstum

Vollgeld ist ein gesetzliches Zahlungsmittel, das die Vollgeld-Nationalbank (Monetative) den BürgerInnen schuldfrei, also nicht auf dem Kreditweg, zur Verfügung stellt. Die heutige Art der Inumlaufbringung von Geld über Kredite (d.h. Schulden) bedeutet erstens, dass Schulden und Geldvermögen aneinandergekoppelt sind, also immer zusammen wachsen oder schwinden müssen. Mit den Schulden wachsen die Geldvermögen und ohne Verkleinerung der Geldvermögen gibt es keine Schuldenreduktion. Sie bedeutet zweitens, dass die Kredit- oder Schuldenmenge gezwungenermassen ununterbrochen zunehmen muss und zwar je länger desto schneller. Denn (unter anderem) durch Sparen wird ständig in grossem Umfang Geld aus der umlaufenden Menge entnommen, das durch neue Kredite = Schulden ersetzt werden muss (Pyramidenspiel). Da jeder Kredit verzinst wird, müssen auch für Zins- und Zinseszinszahlungen immer neue Schulden aufgenommen werden. Dieses exponentielle Schulden-/Geldvermögens-System zwingt Wirtschaften und Staaten zum unaufhörlichen Wachstum mit der Folge zunehmender Asymmetrie der Einkommens- und Vermögensverteilung sowie zwanghafter Plünderung unseres Planeten. Indem ein immer grösserer Teil der Geldvermögen im globalen Spielcasino und nicht in der realen Produktion eingesetzt wird, kann der grosse Crash zwar hinausgeschoben, aber nicht verhindert werden. Ein solches System muss ersetzt werden.

Förderung des Gemeinwohls

Die Vollgeldreform beseitigt (a) die private Bankengeldschöpfung, (b) das fraktionale Reservesystem, (c) das exponentielle Wachstum der Basisgeldmenge. Sie legt das Recht und die Pflicht fest, Geld als gesetzliches Zahlungsmittel schuldfrei herzustellen und seine Menge nach volkswirtschaftlichen, gemeinwohlförderlichen Gesichtspunkten zu kontrollieren und dies alles in der Hand einer öffentlichen, rechenschaftspflichtigen, demokratischen Institution, der Monetative. Damit werden der Haupttreiber eines praktisch unbegrenzten Geld-, Schulden- und Vermögenswachstums sowie deren Negativfolgen eliminiert. Die Bedingung der Möglichkeit einer humanen, sozialen und ökologischen Geld- und Wirtschaftspolitik ist somit gegeben. Ob wir auch den politischen Willen zu ihrer Umsetzung mobilisieren können, ist freilich noch ungewiss. Bisher reagieren die meisten Parteien vorsichtig bis abwehrend. Reformen, welche die Ursachen angehen, scheinen wenig attraktiv zu sein.

Geldregal in der Bundesverfassung

Am einfachsten lässt sich die Vollgeldreform am Art. 99, Abs.1 der Bundesverfassung (dem sogenannten Geldregal) festmachen. Dort steht: "Das Geld- und Währungs-wesen ist Sache des Bundes; diesem allein steht das Recht zur Ausgabe von Münzen und Banknoten zu." Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass der Staat sein eigenes Geld selber herstellen kann. Wenn aber 90% der umlaufenden Geldmenge von den Banken und nicht vom Bund ausgegeben werden, ist diese Verfassungsbestimmung krass verletzt. Deshalb will der Verein MoMo den Art.99 mit dem Begriff "Buchgeld" ergänzen und das ursprünglich vom Verfassungsgeber intendierte Geldregal endlich durchsetzen sowie die monetäre Souveränität des Staates wieder herstellen. Dabei wird strikt zwischen Geldschöpfung und Kreditvergabe unterschieden: die Geldherstellung obliegt nur der Nationalbank (Monetative), die Geldvermittlung verbleibt bei den Banken. Sie werden dadurch wieder zu dem, wofür sie die meisten Menschen heute halten: zu blossen Vermittlern von Geld. Ihre quasi-absolutistische Macht, die sie mit der heutigen Kombination von Geldherstellung und Investitionslenkung innehaben, wird gebrochen, und eine demokratische Wirtschaft wird möglich.

Weitere Vorteile des Vollgeldes sind die Sicherheit und Stabilität des Systems, die Glättung von Konjunkturausschlägen, die Verhinderung von Spekulationsexzessen, - die Beendigung der Praxis "Profite privat - Verluste dem Staat", die Verteilung des Geldschöpfungsgewinns, der Abbau von Schulden ohne kontraproduktive Sparpolitik.

Das ist genug

Wenn wir den programmierten Crash des heutigen Systems überhaupt noch verhindern können, dann müssen wir jetzt das Programm ändern. Wir müssen lernen, vom "Mehr ist besser" zum "Das ist genug!" umzusteigen. Eine Vollgeldreform würde das auf vernünftige Art erlauben.

Zur Person:

Hansruedi Weber, 1946, Präsident MoMo, pensionierter Volksschullehrer  mit universitärer Weiterbildung in Philosophie, Volkswirtschaft, Sozialpsychologie, Staatsrecht und Wirtschaftsethik.

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Einladung zur Veranstaltung:

Mit Vollgeld aus der Finanzkrise?
27. November 2013, 18.30 bis 20.30 Uhr, Volkshaus Zürich

Über Möglichkeiten, wie das krisenanfällige Finanzsystem reformiert werden könnte, debattieren:

Prof. Dr. Joseph Huber, Mitinitiator und Vorstandsmitglied des Vereins Monetative und bis 2012 Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Umweltsoziologie an der Martin-Luther-Universität Halle

Prof. Dr. Christian Arnsperger, Ökonom und Ethiker, Professor an der Universität Louvain in Belgien und externer wissenschaftlicher Berater bei der Alternativen Bank Schweiz

Moderation: Susan Boos, Redaktionsleiterin WOZ

Nach der Diskussion steht genügend Zeit für Fragen zur Verfügung. Die aktive Teil­nahme des Publikums ist erwünscht. Ein anschliessender Apéro lädt zu weiteren Ge­sprächen ein.

http://www.abs.ch/de/die-abs-wirkt/veranstaltungen/abs-geldgespraeche/

 

Literatur:

Joseph Huber, Monetäre Modernisierung, Metropolis-Verlag, Marburg, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage 2013,·258 Seiten,·26,00 EUR, ISBN 978-3-89518-952-4, www.vollgeld.ch/literatur

Broschüre (Vollgeldreform-Kürzestfassung, 24 Seiten), www.vollgeld.ch/broschuere


Zur Info:
Verein Monetäre Modernisierung (MoMo),
www.vollgeld.ch , www.vollgeld-initiative.ch

Der Verein „Monetäre Modernisierung“ setzt sich dafür ein, die Finanzwirtschaft in den Dienst der Realwirtschaft und das Geldsystem in den Dienst der Menschen zu stellen.

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