Die Geschichte einer Schwierigen

Hälfte / Moitié

Frau X.Y. hat uns einen authentischen Bericht zur Verfügung gestellt. Wir dan­ken ihr sehr, dass wir ihren Text in Hälfte / Moitié publizieren dürfen. Er ist er­schreckend, aber auch sehr wertvoll, weil er einen Einblick in die desas­trösen Mechanismen der publizistischen Arbeitswelt gestattet. (Red).

Ein Bericht von Frau X.Y.:

„Frau X.Y.wollte ja gar nie arbeiten.“ Diesen anlässlich eines Schlichtungster­mins geäusserten Satz kriege ich einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Will ich eventuell wirklich nicht arbeiten? Ich bin 47 Jahre alt, seit 13 Jahren alleiner­zie­hende Mutter einer Tochter und war davon 11 Jahre lang in der Journalismus- und Kommunikationsbranche zwischen 50 und 70 Prozent erfolgreich – beziehungsweise finanziell selbsttragend – berufstätig. Unter anderem habe ich 40 anspruchsvolle Verbands­zeitschriften mitverantwortet.

Unterdessen bin ich ausgesteuert und das Monatsbudget unserer Minifamilie be­trägt noch 3000 Franken Sozialgeld. Ich fühle mich ausgelaugt, schlafe schlecht, bin unkonzentriert und reizbar, denn als „Hausfrau und Mutter“ fühle ich mich als ausge­prägte Kopfarbeiterin gleichzeitig über- und unterfordert. Die anhaltend unsichere finanzielle und berufliche Situation verursacht eher noch stärkere Stress-Symptome als die Mehrfachbelastung einer – immerhin berufstätigen – Alleinerziehenden. Viele Stelleninserate entlocken mir unterdessen ein zynisches Lächeln, besonders wenn ich von einer „spannenden Herausforderung in einem dynamischen Umfeld“ lese.

Meine bisweilen verbittert-resignierte Weltsicht macht mich beruflich und privat nicht gerade attraktiv. Ich ziehe mich aus verletztem Stolz und Scham sozial zurück, da ich keine Erfolgsmeldungen zu verkünden habe. Sollte etwa auch ich, trotz dem Privileg eines Hochschulstudiums, unterdessen zu den immer zahlreicheren, als „schwierig“ geltenden „arbeitsmarktgeschädigten“ Sozialhilfebezügern gehören? Oder gar po­tenziell zu den IV-Fällen nach „Code 646“ – also mit „psychogen und/oder milieure­aktiv bedingter Arbeitsunfähigkeit“?

Die andere Seite des Versagens

Nehmen wir einmal an, ich sei tatsächlich „schwierig“. Dann möchte ich – angesichts der explodierenden Fallzahlen (vgl. IV-Revision 6b etc.) in diesem Bereich eine Lanze für all die Schwierigen brechen. Und zwar, indem ich hier über die „andere Seite des Versagens“ schreibe. Nämlich über eventuell ebenfalls „schwierigen“ Ver­ant­wortungsträger.

Mich und meine jetzige Situation haben jedenfalls Erlebnisse wie die folgenden we­sentlich geprägt:

So vergesse ich nie jene Sitzung, an der ein fachlich und menschlich hochkompe­tenter Chef, aus ideologischen Gründen abgesägt, mit knallroten Ohren dasass und kein Wort mehr herausbrachte. Auch nicht, wie mir eine Chefin freundlich lächelnd erklärte, es sei doch „gar kein Problem“, wenn meine drei 30-jährigen Bürokollegin­nen mich – damals 40-jährig und einzige Mutter im Team – in den Pausen wochen­lang entweder aggressiv ignorierten oder mit Smalltalk über Intimrasur belästigten.

Dass ausgerechnet die – kinderlose – Chefin aus einem linken Arbeitsumfeld plötz­lich nur noch 80-Prozent-Stellen akzeptierte, war für mich emotional viel schwieriger zu verarbeiten als das sachliche Wegrationalisiert-werden durch einen FDP-Chef.

Und dass es dann ausgerechnet wieder eine SP-Personalchefin war, die mir fehlen­den Arbeitswillen unterstellte, obschon unter ihrer Führung innert zweier Jahre zwei Drittel einer über Jahre bewährten Belegschaft „wegfluktuierten“, empfand ich als Tiefpunkt.

Zugegeben, meine Konzentration, Leistungsfähigkeit – und sicher auch mein Leistungswille hatten tatsächlich gelitten. Über Monate hinweg erlebte ich, wie Stellen-profile bis zur Verzweiflung der Betroffenen verdichtet wur­den, erzwungene Ände-rungskündigungen und unter terrorisiertem Schweigen ver­laufende Teamsitzun-gen. Zu sehen, wie eine langjährig wohlgelittene Angestellte zuerst schikaniert, dann wegen Depressionen krankgeschrieben und schliesslich noch wegen verwei-gerten Krankentaggeldern skrupellos zum Sozialamt abgescho­ben wurde, war nicht gerade motivierend. Auch nicht der Anblick jener hochge­schätzten und ebenfalls jah­relang bewährten Kollegin, die mit Tränen in den Augen aus dem Personalbüro kam. Noch immer fühle ich mich gedemütigt, weil die direkte Vorgesetzte, wohl selber un­ter Druck, mich mit ihren bilateralen  Drohungen zum Unterschreiben einer negati­ven Leistungsbeurteilung nötigen konnte, mit der ich mangels nachvollziehbarer Kriterien eigentlich gar nie einverstanden war. Welche Rolle hatte dabei wohl ge­spielt, dass ich an Teamsitzungen öfters besorgt auf das ungesunde Arbeitskllima hingewiesen hatte?

Dass dann eine gewisse Schreibblockade aufkam, als ich im Jahresbericht das Per­sonalmangement in eine PR-Fassung hätte bringen sollen, ist eventuell nachvollzieh­bar. Noch heute würgt es mich beim Gedanken an das fröhliche Gelächter aus der Chefetage während meiner Kündigungsfrist oder an die aus Angst vor einem schlechten Zeugnis erduldeten heuchlerischen Abschiedsküsschen. Vor den Schlichtungsrichtern eine Leistungsminderung als arbeitsplatzbedingt und deshalb den Kündigungsgrund als missbräuchlich nachweisen zu wollen, erwies sich indes als naiv - trotz den Hoffnungen, die mir ein netter Anwalt machte, der dann "im Nachhinein schlauer" war. Während mein Arbeitswille unwidersprochen bezweifelt werden durfte, wurde nach den tatsächlichen Ereignissen noch nicht einmal gefragt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Und so verlor ich – trotz der zwar erteilten, aber faktisch aussichtslosen Klagebewilli­gung - neben 2000 Franken Entschädigung auch noch mein allzu naives Vertrauen in die Justiz. Dass mein Anwalt die Persönlichkeitsverletzung unbeantwortet liess, mag aus juristischer Sicht irrelevant sein. Psychologisch hat mich dies wohl stärker geprägt, als mir lieb ist. Denn bei mir blieb zurück: Nicht einmal von "sozialen" Ar­beitgebern mit wohlklingenden Leitbildern darf offenbar erwartet werden, dass sie ihre Angestellten objektiv beurteilen, paritätisch anhören oder gar mit ihrem Bedürfnis nach würdigen, gesunden und / oder mit Erziehungspflichten vereinbaren Arbeitsbe­dingungen ernst nehmen.

Will ich unter solchen Voraussetzungen wirklich noch arbeiten? Oder vor allem: kann ich überhaupt noch? Ich kann nur hoffen, dass ich innert nützlicher Frist das verlo­rene Vertrauen wieder herstellen und meine Verbitterung endlich ablegen kann.

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