Prekäre Gesundheit von SozialhilfeempfängerInnen

Manon Todesco / L’Evénement syndical

 

Publikation: Lätsch, D., Pfiffner, R. & Wild-Näf, M. (2012). Die Gesundheit sozialhilfebeziehender Erwerbsloser in der Stadt Bern. Schlussbericht zuhanden des Auftraggebers (2. Aufl.). Bern: Berner Fachhochschule. Eine Zusammenfassung von David Lätsch.

Der vorliegende Bericht stellt die Ergebnisse einer Studie zusammen, die der Fachbereich Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule im Auf­trag der Direktion für Bildung, Soziales und Sport der Stadt Bern (BSS) durchgeführt hat. Die Studie steht im Zusammenhang der Strategien und Mass­nahmen der Stadt Bern zur Förderung der beruflichen und sozialen Integration von Arbeitslosen (2010– 2013). Im Rahmen der Massnahmen »Gesundheit«, »Partizipation« und »Selbsthilfe« sollen langzeiterwerbslose Menschen für ihr gesundheitliches Befinden sensibilisiert und in ihren Bemühungen, die eigene Gesundheit zu erhalten und zu fördern, unterstützt werden. Mit der Befragung der langzeiterwerbslosen Per­sonen wurde das Ziel verfolgt, deren Beteiligung an Projekten der Gesundheitsförderung einzuführen. Die SozialhilfeempfängerInnen wurden danach gefragt, wo ihre gesundheitlichen Stärken und Schwächen liegen, welchen Bedarf zur Veränderung ihrer gesundheitlichen Situation sie sehen, ob sie sich persönlich für die Förderung der eigenen Gesundheit engagieren möchten und welche Ideen und Handlungsansätze sie in ein solches Projekt einbringen könnten. Befragt wurden 84 langzeiterwerbslose Menschen in Beschäftigungs- und Integrationsprogrammen des Kompetenzzentrums Arbeit der Stadt Bern. Die Teilnahme an der Befragung war freiwillig.

Weniger gesund als der Durchschnitt

Die langzeiterwerbslosen Personen fühlen sich im Durchschnitt markant weniger gesund als der Durchschnitt der schweizerischen Gesamt­bevölkerung. Sie berichten über deutlich mehr gesundheitliche Probleme als der Bevölkerungsdurchschnitt und sind häufiger in ärztlicher oder psychotherapeutischer Behandlung. Ihre gesundheitlichen Probleme sind vielfältig. Sie betreffen den körperlichen, den psychischen und (in geringerer Ausprägung) den sozialen Bereich. Die körperlichen Beeinträchtigungen nehmen zunächst mit dem Alter zu und bleiben ab dem mittleren Lebensalter (36–45 Jahre) auf vergleichsweise hohem Niveau stabil. Die häufigsten körperlichen Probleme betreffen den Bewe­gungsapparat, besonders verbreitet sind Rücken- und Kreuzschmerzen sowie Bein-, Knie- und Fussbeschwerden.

Von psychischen Belas­tungen, die oft direkt oder indirekt mit der Erfahrung der Erwerbslosigkeit in Zusammenhang gebracht werden, berichtet die Mehrheit der Be­fragten: Die häufigsten psychischen Probleme sind Gefühle der Trauer und ein Verlust der Lebensfreude, ein beeinträchtigtes Selbstwertge­fühl, Motivationsverlust sowie Zukunfts- und Existenzängste. Junge Menschen (18–25 Jahre) sind von diesen Beeinträchtigungen weniger stark betroffen als Erwachsene mittleren (26–45 Jahre) und höheren Alters (46–65 Jahre). Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, dass Menschen im mittleren Lebensalter psychisch am stärksten belastet sind: eine Tatsache, die möglicherweise damit erklärt werden kann, dass Erwerbslosigkeit in dieser Lebensspanne besonders schroff mit gesellschaftlichen Wertvorstellungen (Normen der Arbeitsfähigkeit, Schaffens­kraft) kollidiert.

Probleme mit Gesundheitsverhalten

Im Bereich des Gesundheitsverhaltens zeigt sich, dass sich die langzeiterwerbslosen Personen in ihrem Ernährungsbewusst­sein und auch im Ausmass der körperlichen Bewegung nicht erheblich von der Gesamtbevölkerung unterscheiden. Wohl aber bestehen grosse Unterschiede bezüglich des Suchtmittelkonsums: Der Anteil der Raucherinnen und Raucher ist unter den Befragten rund doppelt so hoch, derjenige der Konsumenten übriger Suchtmittel (ausser Alkohol) rund viermal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Ein Problembe­wusstsein im Bezug auf den eigenen Suchtmittelkonsum entwickelt sich dabei erst im mittleren Erwachsenenalter, bei jungen Menschen (18– 25 Jahre) klaffen das Ausmass des Konsum und das Ausmass des Bewusstsseins, dass dieser Konsum gesundheitliche Risiken mit sich bringt, noch weit auseinander.

Im Bezug auf ihren Umgang mit der persönlichen Herausforderung, die die Erwerbslosigkeit darstellt, berichten die Befragten über eine grosse Vielfalt von Bewältigungsstrategien. Mehrere dieser Strategien beziehen sich direkt auf die Arbeitssuche oder die Verbesserung der eigenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt, andere gehen in die Richtung eines zunehmenden Arrangements mit Er­werbslosigkeit im Sinn eines fait accompli (Reduktion der eigenen Ansprüche, Entwickeln von Wertvorstellungen jenseits leistungsgesell­schaftlicher Ideale). Der Veränderungsbedarf, den SozialhilfeempfängerInnen im Bezug auf ihre aktuelle Lebenssituation sehen, ist allge­mein hoch bis sehr hoch. 95% der Befragten benennen mindestens einen zentralen Lebensbereich, in dem sie selbst aktiv etwas unterneh­men wollen, wenn sich Lösungswege andeuten. Drei von fünf der befragten SozialhilfempfängerInnen erklären sich bereit, ihre persönlichen Erfahrungen und Stärken im Rahmen eines Praxisprojekts der Gesundheitsförderung einzubringen.

Leiden im mittleren Alter

Im Folgenden weise ich ergänzend kurz auf einen Befund hin, der uns Autoren besonders bemerkenswert erschien. Überraschend im Vergleich über die Altersgruppen war, dass sich die von den Befragten selbst berichtete gesundheitliche Situation bei den ältesten Klientinnen und Klienten des Kompetenzzentrums Arbeit nicht schlechter darstellt als diejenige bei Personen mittleren Alters. Aus zahlreichen Studien weiss man, dass das gesundheitliche Befinden ab dem jungen Erwachsenenalter einer lebenslänglichen Abwärtsten­denz unterliegt: Je älter eine Person ist, desto stärker wird sie (nach der statistischen Erwartung) gesundheitlich beeinträchtigt sein. Bei den befragten SozialhilfeempängerInnen ist nun auffällig, dass dieser Befund eindeutig nicht zutrifft. Besonders deutlich zeigt sich das im Bereich des psychischen Befindens. Hier gibt es klare Anzeichen, dass Erwachsene im mittleren Lebensalter im Durchschnitt am stärksten unter Situ­ation und Status des Sozialhilfebezugs leiden.

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