Gewerkschaften wollen mit Kontrollen Lohngleich­heit schaffen

swissinfo

(Swissinfo) Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) will Lohnunter­schiede zwischen Frauen und Männern nicht mehr länger hinnehmen. In einem offenen Brief fordert die SGB-Frauenkommission den Bundesrat auf, gesetzlich festgelegte Kontrollen einzu­führen.

Es sei offensichtlich, dass freiwillige Massnahmen wie der Lohngleichheitsdialog ge­scheitert seien, heisst es in der Mitteilung. Als Beleg dient dem SGB die Lohnstruk­turerhebung 2012. Dies hat gezeigt, dass die Löhne zwischen Frauen und Männer 18,9 Prozent auseinanderliegen und das Gefälle grösser geworden ist.

Um Lohngleichheit durchzusetzen, will die Gewerkschaft nun eine nationale Behörde schaffen. Diese soll die Kompetenz haben, die Löhne in Unternehmen regelmässig zu überprüfen und nötige Massnahmen einleiten, um gleiche Löhne zwischen den Geschlechtern zu gewährleisten. Als mögliche Instrumente sieht der SGB Klagen, Bussen oder Verfügungen vor.

"Die Frauen sind nicht länger bereit, auf Einkommen, auf das sie nota bene Anspruch haben, zu verzichten", heisst es in dem Brief. Der Bundesrat solle jetzt Nägel mit Köpfen machen und die Unternehmen in die Pflicht nehmen.

Erste Vorschläge bis Ende Jahr 

Das Thema wird demnächst wieder auf die politische Agenda kommen. Letzten No­vember hatte Justizministerin Simonetta Sommaruga den 2009 lancierten Lohn­gleichheitsdialog selbst für gescheitert erklärt. Statt der angestrebten 100 Unterneh­men und Institutionen hatten sich nur deren 40 bereit erklärt, ihr Lohnsystem auf Ge­schlechterdiskriminierung durchleuchten zu lassen.

Sommaruga kündigte darauf konkrete Massnahmen an, um die in Gesetz und Ver­fassung garantierte Lohngleichheit durchzusetzen. Derzeit werden von der Verwal­tung die Grundlagen dafür erarbeitet.

Der Evaluationsbericht zum Lohngleichheitsdialog werde Ende Juni vorliegen, sagte Sommaruga am Donnerstag im Ständerat. Gestützt darauf will Sommaruga dem Bundesrat Vorschläge machen für das weitere Vorgehen. Ein Entscheid soll noch im Laufe dieses Jahres fallen.

Der Bundesrat sehe es als seinen Auftrag an, alle Möglichkeiten zu prüfen. Und am Ende habe die Politik das letzte Wort. Indessen könne sich niemand mehr ein weite­res Vertrösten der Frauen leisten, sagte die Bundesrätin. 

( sda-ats 12. Juni 2014 )

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Frauen und Männer in der Schweiz nicht gleichge­stellt 

(Swissinfo) In der Schweiz sind Mann und Frau bei Bildung, Arbeit, Vereinbar­keit von Familie und Beruf und sozialer Sicherheit weiter nicht gleichgestellt. Kindern würden ab der Tagesstätte bis zur Schule geschlechtsstereotype Vor­stellungen vermittelt, schreibt der Nationalfonds.

Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 60 (NFP 60) wurde mit 21 For­schungsprojekten eine Bestandesaufnahme vorgenommen, wie der Schweizerische Nationalfonds (SNF) mitteilte. Die zentrale Erkenntnis: Die in der Verfassung vorge­schriebene Gleichstellung ist nur zum Teil realisiert. Um dies zu ändern, brauche es alle Mitglieder der Gesellschaft.

Wenig Unterstützung für "untypische" Berufswege 

Lehrerinnen und Lehrer, aber beispielsweise auch Berufsfachstellen unterstützen laut Nationalfonds Mädchen und Knaben zu wenig, die für ihr Geschlecht "untypi­sche" Bildungs- und Berufswege einschlagen und ihren Interessen folgen wollen. Kindern würden - von der Tagesstätte bis zur Schule - "geschlechtsstereotype" Vor­stellungen vermittelt.

Jugendliche wählen ihren Beruf immer noch häufig mit Blick auf ihre künftige Rolle als Mutter oder Vater: Knaben sehen sich als Ernährer, Mädchen wählen einen Be­ruf, der mit Babypausen und Teilzeitarbeit besser vereinbar scheint. An den Schulen herrsche die Meinung vor, die Gleichstellung sei realisiert, kritisiert der SNF.

Laut den Erkenntnissen der Forscherteams wird die nicht bezahlte Arbeit in der Fa­milie und im Haushalt ungleich verteilt - "zu Lasten der Frauen", wie der National­fonds festhält.

Von Anfang an weniger Lohn 

Erwerbstätige Frauen erhalten zudem von Anfang an weniger Lohn als ihre Kollegen. Das widerspreche nicht nur dem in der Verfassung verankerten Gleichstellungsprin­zip, schreibt der Nationalfonds. Vielmehr sei damit in Partnerschaften von vorneher­ein bestimmt, wer die unbezahlte Arbeit zu Hause übernehme.

Wenn Eltern entscheiden, wer zur Arbeit geht und wer sich um Kinder und Haushalt kümmert, tun sie das zudem unter dem Einfluss von Steuern, Sozialtransfersunddem Vorhandensein von bezahlbaren Betreuungsangeboten für die Kinder.

Gerade der Kinderbetreuung ausserhalb der Familie wird ein volkswirtschaftlicher Nutzen attestiert: Die Eltern können mehr verdienen und haben bessere Chancen im Arbeitsmarkt, und in den Kindertagesstätten werden Stellen geschaffen. Damit flies­sen mehr Steuern, und weniger Menschen muss mit Steuergeldern geholfen werden.

Betriebe müssten mehr tun 

Auch Betriebe müssten in den Augen der Forscherteams mehr tun: Geht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, kümmerten sie sich gemäss Nationalfonds vor allem um junge Frauen und unterstützen Familiengründungen. "Übersehen" würden dagegen ältere Frauen und Männer mit Betreuungspflichten, ebenso bei der Weiter­bildung.

Auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist nach wie vor ein Thema: Gut jede zweite Person ist mit "potenziell belästigendem Verhalten" konfrontiert. Gegenmass­nahmen braucht es deshalb noch immer. Zur Prävention beitragen könnten ein von gegenseitigem Respekt geprägtes Arbeitsklima und die Unternehmenskultur.

Das Nachsehen haben Frauen sodann bei der Vorsorge: Weil Beiträge an die Sozi­alversicherung an eine Laufbahn ohne Unterbrüche gekoppelt sind, sind vor allem über 50-jährige Frauen schlechter gestellt und für Notlagen nicht genügend abgesi­chert. Sie seien auf Sozialhilfe und Ergänzungsleistungen angewiesen, folgerten die Forscher.

Unterschiedliche Familienmodelle berücksichtigen 

Abhilfe geschaffen werden muss laut der Leitungsgruppe des NFP 60 an mehreren Stellen. Eltern und Lehrer müssten sich ihres grossen Einflusses auf die Berufswahl bewusst sein. Arbeitgeber müssten dafür sorgen, dass ihre Angestellten sich nicht nur um ihre Kinder, sondern auch um betreuungsbedürftige Erwachsene kümmern können.

Steuern, Kinderbetreuung und Sozialtransfers müssen so gestaltet werden, dass hö­here Löhne auch mehr Geld in der Tasche bedeuten. Und mit einer Bildungsoffen­sive könnten Frauen dazu gebracht werden, einen Berufsabschluss nachzuholen.

Von Sozialversicherungen und Sozialhilfe fordern die Verantwortlichen des Pro­gramms, die unterschiedlichen Familienmodelle zu berücksichtigen. Nur wenn sich auch Teilzeit arbeitende Menschen genügend absichern könnten, hätten Männer und Frauen dieselben Chancen, eigenständig vorzusorgen.

www.nfp60.ch

( sda-ats 27. Mai 2014 )

 

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