Gleichstellung in der Erwerbs- und Sorgearbeit

Y ne Feri

Der Kühlschrank füllt sich nicht von selbst, der Tisch ist nicht ohne Arbeit ge­deckt, das Essen nicht gekocht und die Wäsche nicht gewaschen. Diese geleis­tete unbezahlte Arbeit steht nicht in beliebigem Ausmass frei zur Verfügung. Nach wie vor leisten Frauen den Grossteil der Betreuungsarbeit in der Familie und mit betagten Menschen.

Am 8. August 2012 veröffentlichte das Bundesamt für Statistik eine ILO-Studie, die aufzeigt, dass Frauen mehr als Männer von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Dies vor allem, wenn sie für die Kinderbetreuung von einem Erwerbsunterbruch betroffen sind. Dabei beziehen nur zwei von fünf Frauen auf Arbeitssuche Arbeitslosengelder, wäh­rend Männer praktisch durchgehend Sozialleistungen beziehen. Das legt nahe, dass die Erwerbs- und die Sorgearbeit noch sehr geschlechtsstereo­typisch verteilt sind.

Nicht entlöhnte Arbeit 

Auf der anderen Seite wird, auch von der Weltbank empfohlen, ökonomisches Wachstum oft auf die Erwerbsintegration von Frauen abgestützt. Die Care-Arbeit (unbezahlte Erziehungs- und Pflegearbeit) wird heute zum grössten Teil durch die Frauen geleistet, wodurch es ihnen nicht möglich ist, am Erwerbsleben teilzunehmen und so zum Wachstum beizutragen. Die Frauen sind heute gut ausgebildet und es ist nicht zu verstehen, dass weder die Wirtschaft noch die Politik gemerkt hat, dass die Frauen sich noch zu oft für Familie oder Beruf entscheiden müssen. In unserer Ge­sellschaft wird viel unbezahlte Familien-, Betreuungs- und Hausarbeit geleistet. Be­rechnungen gehen davon aus, dass 81 Prozent der Care-Arbeit unbezahlt geleistet werden. Dies entspricht 7,25 Milliarden Stunden oder 1,2 Millionen Vollzeitstellen.

Wer heute unbezahlte Care-Arbeit leistet, nimmt eine Reihe von teilweise beträchtli­chen Nachteilen in Kauf: weniger Einkommen, schlechtere Rente, verminderte Karri­erechancen, höheres Armutsrisiko.

Frauen sind heute von den negativen Konsequenzen der Care-Arbeit stärker betrof­fen. Aber auch Männer wollen zunehmend den Alltag mit ihren Kindern gestalten und sich an der Unterstützung von alten Eltern beteiligen. Damit Männer und Frauen ihre Er­werbsarbeit mit der Familien-, Betreuungs- und Hausarbeit besser unter einen Hut bringen können, braucht es passende sozialpolitische Rahmenbedingungen und eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit.

Aus der Frauenrolle im Industriezeitalter entstanden

Unbezahlte Sorgearbeit ist gesellschaftlich unverzichtbar, sie produziert Wohlerge­hen und Lebensqualität. Sie entstand als Frauenrolle mit dem Industriesystem, als die Hausfrau die Arbeitskraft des Industrie­arbeiters erhielt und somit auch sozialver­sicherungsrechtlich an den Mann gebunden war. Vom „Herz der Familie“ zum „Herz des Kapitals“, wie das die Historikerin Bar­bara Duden herleitete. Die Sorgearbeit muss gesamtgesellschaftlich verteilt werden und die Rahmenbedingungen dafür müssen neu ausgehandelt werden. Wer unbe­zahlt arbeitet soll weder beruflich abge­sägt, noch sozialversicherungsrechtlich ins Abseits gestellt werden. Und jede wirt­schaftspolitische Massnahme muss daraufhin überprüft werden, ob sie Diskriminie­rungen abbaut.

Deshalb braucht es folgende Massnahmen:

► Die Sozialversicherungen müssen der veränderten Arbeitsteilung angepasst wer­den. Es gibt keine Revision einer Sozialversicherung, die den Aspekt der unbezahl­ten Sorgearbeit nicht berücksichtigt.

► Der Verfassungsgrundsatz „Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“ muss umge­setzt, ein Mindestlohn für alle festgesetzt und eine generelle Lohnerhöhung für nach wie vor typische Frauenbranchen erreicht werden.

► Die Staatsfinanzen müssen auf ihre Auswirkungen auf die Geschlechter und auf die unbezahlte Arbeit untersucht werden. Jede Steuererleichterung bei Unternehmen entzieht Geld für die familienergänzende Kinderbetreuung.

► Wachstumsstrategien müssen darauf ausgerichtet sein, Ungleichheiten und Dis­kriminierungen auszugleichen. Unbezahlte Arbeit darf nicht der Puffer sein, aufgrund dessen sich ein Staat gesund spart.

Innovative Möglichkeiten prüfen

Oder vielleicht wäre das bedingungslose Grundeinkommen eine innovative Möglich­keit, die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, den sozialen Schichten und den unterschiedlichsten Berufen auszugleichen. Dieser Weg muss jedoch aus Gleichstellungssicht noch überprüft und diskutiert werden.

Zur Person: Yvonne Feri ist Nationalrätin (SP/AG), Gemeinderätin von Wettingen und Co-Präsidentin der SP Frauen Schweiz

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