Grottenolm

Gabriela Pereira

Er hatte noch nie gestohlen, stellte er sinnend fest, ja, obwohl, Grossverteiler; diese gigantischen Warenschluchten, ja, da würde er klauen. Oder nein, nein, berichtigte er sich. Das würde auf das Konto eines Gestellauffüllers gehen, vielleicht. Nein, er würde weiterhin nicht stehlen.

Und es war auch nicht nötig; was brauchte er denn noch? Rohrzucker, Mehl, Kaffee und Tabak. Manchmal Besonderheiten, wie – er schaute die Hand an – wie, diese Wurzeln, die scharfen. „Immer vergesse ich Namen.“

„Und das mit der Krätze, mein Lieber“, flüsterte er, „das hatte ich dir erklärt.“ Er strei­chelte den Farn, der sich aus dem Waldboden gedrückt hatte. In diesem Sta­dium mochte er sie am meisten, konnte sich kaum satt sehen; wie kleine Spazierstö­cke, kurz und pelzig, standen sie, warteten auf wärmere Tage.

Nein, dachte er, er hatte es nicht erklärt, er hatte von Nestbauern erzählt, was sie sammelten, um Ungeziefer fern zu halten, und dass Gorillas immer neue Nester bauten. Das sind gescheite Geschöpfe. Und so friedlich.

Er zog die zerquetschte Bierdose unter dem Körper hervor. Fast bedächtig presste er sie flach. Dann und wann knackte es; ein metallener Ton und doch dumpf.

Aber das mit den Kleidern, das hatte er ihm erklärt, fragte er sich. Nichts leichter, als an Kleider zu kommen. Gut, inzwischen waren die Sammelcontainer fast dreifach gesichert, alle Gassen ausgeleuchtet. Doch er hatte ihm erzählt, dass er im Sommer von Freitag bis Sonntag frühmorgens, in See- oder Flussstädten an den Ufern nur zu sammeln brauchte, was die Leute im Suff alles liegen liessen.

Natürlich, der Winter ist anders, und in diesem Punkt war er sich sicher, dass er ihn immer wieder gebeten hatte mit zu kommen, in die Stadtbibliothek. Er schaute in das bärtige Gesicht, die offenen Augen; wie versunken. Man braucht fast nichts, nur Zeit. Alle sind mit sich beschäftigt, sehen nichts. Stundenlang kann man dort lesen. „Klar, man sollte nicht stinken. Aber das hatte ich ihm alles erklärt.“

Er erinnerte sich an die zwei älteren Herren, die sich vor der Bibliothek unterhalten hatten, Pfeife rauchend, studiert aussehend. Einer hatte gesagt: „Das Leben ist ein Grottenolm.“ Der andere hatte gelacht, als wüsste er, was ein Grottenolm ist. Ihm hatte das Wort gefallen; sein Ton, die Schärfe, der Witz. Und hatte das Wort vor sich hin gesagt, bis er das Nachschlagewerk ausfindig gemacht hatte.

Schnaubend betrachtete er die blaugrünlichen Füsse seines Freundes. Was hatte er nur mit seinen Schuhen gemacht, wo waren sie?

„Weisst du noch…“, flüsterte er, stand auf, hörte, wie das gefrorene Laub unter sei­nen Füssen zerbröselte.

Zur Person:

Hälfte / Moitié /  Gabriela Pereira wurde 1964 als Kind einer Portugiesin und eines Schweizers geboren. Mit zwei Jahren wurde sie von den Behörden ein erstes Mal in ein Heim abgegeben. Als sie dreijährig war, starb ihr Vater. Sie wuchs abwechselnd in Heimen und in einer Pflegefamilie  auf. Die letzte Erziehungsdrangsal erlebte sie als Heranwachsende in einer Klosterschule. Gabriela übte später verschiedene Jobs aus, las immer mehr Bücher und begann selbst zu schreiben. Das Schreiben wird ihr zur Identität. Sie setzt sich mit der Ausgrenzung, der erlittenen Gewalt in ihrer Kind­heit und dem systemischen Unrecht in der Gesellschaft auseinander2013 gewinnt sie im Wettbewerb des Nachwuchsforums „Treibhaus“ den ersten Preis. Siehe:http://www.schweizermonat.ch/artikel/rabenspiel. Ihr erster Roman, an dem sie neun Jahre schrieb (eine innere Seereise zu ihrer Mutter und Grossmutter), wäre bereit für einen Verlag, der etwas wagen möchte. Gabriela Pereira ist Mitarbeiterin des Mediendienstes Hälfte/Moitié. 

_____________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________

Assessment

Ein Film von Mischa Hedinger zum Funktionieren des schweizerischen Sozial­staates. Siehe:

http://www.assessment-film.ch/synopsis.html

Zurück


Unterstützen Sie den Mediendienst
Hälfte/Moitié mit einer Spende über PayPal:



Bitte teilen Sie unsere Artikel: