Z Gschichtli vo Thun

Henriette Kläy

Ich hatte meine Mutter zum Zahnarzt begleitet und wartete nun mit ihr auf dem Bahnsteig auf den Zug. Wir waren zu früh, so dass die wenigen Bänke noch nicht vollständig besetzt waren und wir es uns gemütlich machen konnten. Mit ihren fast 90 Jahren war meine Mutter müde vom Gang in die Stadt, und mir war es auch recht, noch einen Moment mit ihr zusammenzusitzen und zu plaudern. 

Es ging nicht lange, da stand auf ein Mal ein junger hübscher Mann vor uns, schlank und mit ungebärdigem schulterlangem Haar, das unter einem abenteuerlichen Chäppi hervorzappelte. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein verwegener Seefahrer, doch als wir zu ihm aufschauten, begriffen wir sofort, dass der Seefahrer irgendwie gestrandet sein musste. In einem ersten Impuls wehrte ich ihn mit dem üblichen Kopfschütteln ab, doch er sagte ganz empört, er habe ja noch gar nichts gesagt, ob ich denn wisse, was er wolle. Ich begriff meine Unhöflichkeit und entschuldigte mich: „Nein, sorry, natürlich nicht, bitte, was möchtest Du denn?“ Er hatte mich geduzt, was ihn in seiner Empörung noch verletzter wirken liess. „Mir ist etwas ganz Blödes passiert, sag ich Euch, ich kann es fast nicht glauben“. Und er begann zu erzählen, redete sich immer mehr in ungläubiges Staunen hinein: jetzt habe er doch gerade Einem helfen wollen, „ihr wisst schon, einer von denen, die einen immer um Geld angehen auf der Strasse“. Aber das seien ja auch alles nur „armi Sieche“, und da habe er ihm Geld geben wollen, aber da habe ihm der grad sein Portemonnaie entrissen und sei damit davongerannt, und er habe sich halt nicht richtig wehren können, weil „schaut hier“, sagte er und streckte uns seinen Arm entgegen, der war viel dünner und auch sonst nicht so wie der andere, irgendwie steif und verdreht. Das habe er schon seit der Kindheit von einem Unfall her, man habe ihn halt nicht richtig behandelt und nun könne er diesen Arm kaum noch gebrauchen. Er sei dann auf die Polizeiwache gegangen und habe eine Anzeige gemacht – „ich kann's euch zeigen, ich habe die Kopie da im Sack, chöit mer's gloube!“ – aber die hätten im dann auch nicht geholfen, als er fragte, wie er denn jetzt den Zug nehmen solle, er habe doch kein Geld mehr. Die hätten ihm nichts gegeben und gesagt, er müsse halt zur SBB und dort fragen. 

Zuerst mitfühlend 

Meine Mutter und ich nickten dann und wann und warfen hin und wieder ein ungläubig mitfühlendes „Also neei, aber das git's ja nid“ ein, was ihn zu weiteren Ausführungen anspornte, welche er mit zitternder Stimme vorbrachte und mit verzweifeltem  Auf- und Abgehen akzentuierte. 

Er sei dann also an den Schalter hier im Bahnhof gegangen, aber das würden wir nicht glauben: die hätten ihm doch tatsächlich gesagt, das interessiere sie nicht, hätten ihn weggejagt. Auch die Kopie der Anzeige habe ihm nichts genützt. Nun hatte er wahrhaftig Tränen in den Augen und wand sich in verletzter Pein unter diesem ungeheuerlichen Schicksalsschlag, rang die gesunde Hand – mit der andern konnte er ja nicht so gut – und jetzt müsse er doch irgendwie nach Thun kommen, wo er wohne, aber wie solle er das denn jetzt nur machen, aber man warte dort auf ihn, es sei ganz furchtbar – und das in unserer reichen Schweiz, nein, er könne es einfach nicht fassen „Da will man einem helfen und das ist dann der Dank“, das hätte er nie gedacht... kurz: es hat uns fast das Herz gebrochen. Ich sah, dass meine Mutter wirklich echtes Mitleid hatte, ich las es in ihrem Gesicht - nur hatte sie eben schon ihr Geld beim Coiffeur ausgegeben und mir 20.- Franken geschenkt, weil ich auch nichts mehr hatte, sie konnte ihm nicht helfen und das tat ihr leid. Ich selbst war völlig fasziniert von dieser unter die Haut gehenden Vorstellung und war fast versucht, ihm zu glauben, und so fragte ich, wie viel er denn brauche. „Ja gäu, es ist drum - ich habe eben auch kein Halbtaxi-Abi, weisch, ich bräuchte schon etwa 15.-“. Ich hatte aber nur noch die Zwanzigernote von meiner Mutter, und nachdem sie zum Einverständnis nickte, gab ich ihm halt diese, ich sei aber auch IV-Rentnerin, und das sei das letzte Geld, das ich hätte. Gross war da die Freude, sein Gesicht erstrahlte in ungläubiger Dankbarkeit, sein Körper richtete sich auf, fast schien es, als sei er plötzlich auch besser gekämmt – er war ein ganz anderer Mensch geworden, lachte glücklich und konnte der Worte nicht genug finden, um seinen Dank auszudrücken „Ja vergelt's Gott, jetzt reicht es sogar noch für den Bus in Thun, du bisch e ganz e Gueti u weisch säuber, wi's eim cha ga, das merkt me“, das rechne er mir jetzt aber hoch an und er werde es mir auf jeden Fall in den nächsten Tagen zurückgeben, aber ganz sicher auf jeden Fall, und er könne mir ja seine Adresse geben, ob ich etwas zum schreiben habe. Ich hatte dummerweise, aber das brachte ihn keineswegs aus dem Konzept, er schrieb mir eine Adresse in Thun auf, ohne Telefonnummer „Ja gäu, ein Telefon habe ich eben auch keins – liegt nicht drin“. Und da sehe man wieder einmal, wer ein Herz habe, jedenfalls nicht die “riiche Sieche, chuum tuesch bi dene d'Schnuren uf, hesch denen ires Füdle am Gring, auso merssi, gäu, bis gli“ – sprach 's und eilte von dannen – leider jedoch in die den Billettautomaten entgegengesetzte Richtung. 

Aber hervorragende Darbietung 

Meine Mutter war noch nicht ganz davon überzeugt, dass er das Geld nicht brauche, aber sie glaube auch nicht, für ein Billett. Ich selbst war entzückt von der hervorragenden Darbietung – eine erschütternde Skala sämtlicher Gefühle von tiefster Verzweiflung bis zur jubelnden Freude, eine hinreissende Improvisation mit exakten Details und folgerichtigen Wendungen am passenden Ort. Ich habe für 20.-- Franken schon schlechteres Theater gesehen, sie reuen mich nicht im geringsten.

Als ich das später Freunden erzählten, sagten die: „Aha ja, z Gschichtli vo Thun, einer der so und so aussieht und in Thun wohnt, ja klar, den kennen wir, das ist der Ruedi X (Name geändert). Der hat ja schon einmal in Thun gewohnt, aber jetzt wohnt er in Bern in unserer Strasse, und das Gschichtli von Thun  erzählt er seit Jahren“. Sei's drum, dann hat er es in den Jahren perfektioniert und die 20.- Franken aufrichtig verdient.

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