Armut in Guinea-Bissau

Y ne Feri

Ein etwa zweijähriges schwarzes Mädchen mit einem verkohlten Handrücken und Un­terarm, welchen es nicht bewegen kann, welchen es in die Luft hält und leblos scheint. Ja, wie ein Stück Kohle. Dieses Bild hat sich auf meiner Reise in Guinea-Bissau in meinen Kopf gebrannt  - im wahrsten Sinne des Wortes.

Armut, Analphabetismus, kaum Infrastruktur, Korruption – das sind weitere Eindrü­cke. Aber auch fröhliche zuversichtliche Menschen, soziale Netzwerke, Hilfe zur Selbsthilfe, Innovationen, Farben gehören dazu. Zum guten Glück verfügt Guinea-Bissau über einen fruchtbaren Boden, wodurch die Menschen scheinbar genug zum Essen haben. 

Ich durfte mit drei NationalratskollegInnen an einer von SWISSAID organisierten Reise nach Guinea-Bissau teilnehmen, einem kleinen Westafrikanischen Land, in welchem verschiedene Ethnien recht friedlich zusammen leben.  

Wir erhielten Ein­blick in die politisch brisante Situation des fragilen Landes vor den Wahlen im kom­menden April und die wichtige Rolle der Entwicklungszusammenarbeit. Und wir er­lebten mit eigenen Augen, wie sich die Situation von Dorfgemeinschaften, die auf biologische Produktion umgestellt haben, entscheidend verbessert hat. Es war ein abwechslungsreiches, intensives Programm: Besuche von Projekten, Gespräche mit diversen örtlichen Vertretungen von NPO‘s, Treffen mit einem UN-Vertreter und ei­nem Vertreter der Schweizer Botschaft in Dakar. 

Ausbeutung von Mensch und Natur 

Das Land, welches zu den ärmsten auf der Welt zählt, braucht klare politische Entscheide wie das Verbot der Spekula­tion mit Nahrungsmitteln sowie den Kampf gegen die Produktion von Treibstoffen aus Lebensmitteln, welche die „Landnahme“ in Entwicklungsländern anheizt. Es braucht aber auch eine funktionierende Infrastruk­tur, allem voran ein Gesundheitssystem, Zugang zu einem kostenlosen, öffentlichen Bildungswesen und Schulen für alle, wel­che nicht von den Familien bezahlt werden müssen sowie eine legitime Regierung, die das Geld für die Bevölkerung einsetzt und nicht sich selbst bereichert. Widerrechtlich werden Lizenzen zur Holzgewinnung und Fischerei an chi­nesische und russische Unternehmen verkauft, was zu Ausbeu­tung von Mensch und Natur führt.  

Es zeigte mir einmal mehr, dass die Gleichstellung der Geschlechter und die Bildung Grundpfeiler einer funktionierenden Gesellschaft sind. Nur dadurch kann eine Famili­enplanung funktionieren, die Mädchen würden nicht noch in Kindsjahren verheiratet und häusliche Gewalt würde eine weniger wichtige Rolle spielen. Gerade letzteres ist in Guinea-Bissau weit verbreitet. 

Häusliche Gewalt und Ungleichheit der Geschlechter 

Gemäss Aussagen von Frauenorganisationen erlebt jede zweite Frau (!) häusliche Gewalt. Es gibt ein Gesetz, welches die Täter bestra­fen könnte, doch gibt es kein Gericht, welches das durchsetzen würde. Die Gefäng­nisse stehen zwar, doch werden sie nicht betrieben, da es keine Wächter gibt. Es würde auch nicht genügen, wie es in der Ecopop-Initiative verlangt wird, Verhü­tungsmittel zu verteilen. Es braucht eine Gleichstellung der Geschlechter, sonst dür­fen die Frauen keine Verhütungsmittel verwenden, geschweige sich die Männer Kondome überziehen. Wir konnten beobachten, dass die Frauen sehr innovativ sind wenn es darum geht, das Haus­haltseinkommen – wenn man überhaupt davon sprechen kann – zu verbessern. Sei es mit einer Art „Schrebergarten“ oder mit Koch­stellen, welche weniger Holz brau­chen. Es sind die Männer, welche in den Traditio­nen verweilen. Mädchen und Jun­gen müssen geschult werden – alle, nicht nach so­zialen Schichten. Der Stolz von Eltern, wenn ein Mädchen studiert, ist den Gesich­tern abzulesen. Sie sollen eine einfachere Zukunft haben als ihre Eltern. Besonders die Frauen wissen, wovon sie reden. 

Frauen im Erwerb von Einkommen 

Die Reise hat uns gezeigt, dass die Entwicklungszusammenarbeit die richtigen Schwerpunkte setzt: Engagement in fragilen Kontexten, wo Armut am Grössten ist. Wie in vielen Ländern der Welt spielen auch in Guinea-Bissau die Frauen eine wich­tige Rolle, denn sie erwirtschaften mit Salzgewinnung, Reisanbau, biologischem Gemüseanbau etc. ein wichtiges Einkommen für die Familien, das sie in die Bildung der Kinder – auch der Mädchen – investieren und die Ernährungsgrundlage nachhal­tig verbessern. Dank solchen Projekten und dem Zusammenhalt gewinnen die Frauen an Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Trotzdem ist die Situation im Bereich der häuslichen Gewalt und des Analphabetismus nach wie vor dramatisch. Trotz klarer gesetzlicher Grundlagen wird kaum dagegen eingeschritten, weil kein funktio­nierender Rechtsstaat existiert.   

Der Agrarsektor ist der grösste Wirtschaftssektor des Landes. Doch leider verhindern hohe Zölle, beispielsweise beim Export der Cashew-Nüsse, bessere Gewinne. Auch deshalb braucht es dringend eine legitim gewählte Regierung, welche den Fokus auf das Wohl der Bevölkerung legt. Zwei Jahre nachdem die Militärs unrechtmässig die Re­gierung übernommen haben, besteht grosse Hoffnung, dass sich mit den Wahlen die Situation wieder verbessert. 

Wie erwähnt stehen die Parlaments- und Regierungswahlen vor der Türe. Das Militär hat nach einem Putsch die Macht übernommen und das soll sich wieder ändern. Das scheinbar noch gut funktionierende Parlament braucht eine Exekutive, welche den Willen des Parlaments umsetzt. Nur so kann es vorwärts gehen in diesem schönen Land. 

Zur Person: Yvonne Feri ist Gemeinderätin (Soziales) von Wettingen (AG), Na­tionalrätin und Präsidentin der SP Frauen Schweiz

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