Häusliche Gewalt: Tatort Wettingen

Y ne Feri

Ein Mann (Ali) erschiesst seine Ex-Partnerin (Melek) und an­schliessend sich selbst. Ein Beziehungsdrama? Melek verliess den bereits dreifach geschiedenen Ali vor einem halben Jahr. Der Ter­ror begann. Verfolgungen, SMS, Stalking waren Alltag.

Mehrmals kontaktiere sie die Polizei wegen häuslicher Gewalt und Drohungen. Der Täter mag eher düstere Zu­kunftsperspektiven gehabt ha­ben, beruflich und privat und war sicher, wie wir alle, durch seine Lebensgeschichte geprägt. Doch dies rechtfertigt seine Tat in keiner Art und Weise.

Kälte und Schnitte in der Seele

Doch, liebe Leserin, lieber Leser, was muss in einem Menschen vorge­hen, dass er zu einem Mord fähig wird? Diese Frage habe ich mir er­schüttert gestellt, als ich per Zufall in Wettingen, meinem Wohnort, an den Tatort heranlief. Denn, es ist unmöglich, dass wir alle Gefahrenpo­tentiale unserer MitbürgerInnen kennen und entsprechend für alles und jede und jeden Vorsichtsmassnahmen einleiten können. Ich glaube, in Menschen, welche zu solchen Taten fähig sind, sind tiefe Verletzungen, Kälte und Schnitte in der Seele vorhanden, welche auf den ersten Blick irreparabel sind. Treffen diese Personen auf andere Menschen, welche ihnen nahe kommen und dadurch Emotionen (Liebe) auslösen, können solche negativen Seiten leider aufbre­chen und an die Oberfläche treten, auch wenn sie im Alltag als sympathisch, freund­lich und zu­vorkommend bezeichnet werden. Die Beherrschung selbst bleibt auf der Strecke. Oder ist die Beherrschung der Situation eben die Vernich­tung?

Was trägt alles dazu bei, dass wir so weit kommen können, wegen einer Trennung einen einmal geliebten Menschen umzubringen? Ist es Einsamkeit? Eifersucht? Ver­lieren? Versagen, in unserer Gesellschaft, in welcher nur der Glanz eines Menschen Beachtung findet? Sind Männer mit Migrationshintergrund besonders gefährdet für solche Taten? Besonders wenn sie weder wirtschaftlich noch in der Liebe ihren Mann stehen? Oder hat es eher mit unserer patriarchalen Gesellschaft zu tun, die erfolglose Männer speziell unmännlich und verachtenswert findet?

Betrachten wir die Seite des Opfers. Melek, die erfolgreiche Geschäftsfrau, hatte ein gutes Gespür für die Gewalttaten ihres noch Ehemannes, sie hat richtigerweise auch Anzeige bei der Polizei erstattet. Es ist doch wahnsinnig und sehr unverständlich, dass trotz aller Vorsichtsmass­nahmen ein Mord möglich wird. Wie müssen sich all die Frauen fühlen (und natürlich auch Männer), welche bedroht werden, mit einer Angst leben und sich verstecken müssen? Genügt unser Polizei- und Anzeigesystem oder braucht es weitere Massnahmen? Die Opfer (und oft ihre mitbetroffenen Kinder) kommen nicht zur Ruhe.

Hilfe holen, Vorsichtsmassnahmen beachten

Auf persönlicher Ebene wünsche ich mir, dass wir (wieder) lernen, mit Konflikten um­zugehen. Wir dürfen nicht zu stolz sein, beispielsweise psychiatrische, Mediation oder sonstige Beratungen als Unterstützung zu holen um uns weiterzuentwickeln und mit schwierigen Situationen umgehen zu lernen, auch wenn diese nur schwer auszu­halten sind und kaum verändert werden können. Als mögliches Opfer müssen wir jegliche Vorsichtsmassnahme beachten auch im Wissen darum, dass uns trotzdem etwas passieren kann.

Es gibt aber auch noch die politische Ebene, an welche ich Forderungen stelle möchte. Als erstes muss es künftig eine Lösung geben, dass besonders gefährdete Personen sich sicherer fühlen können. Dies kann beispielsweise damit erreicht wer­den, dass sich mögliche TäterInnen den Opfern bis auf eine gewisse Distanz nicht mehr nähern dürfen oder können. Dann möchte ich einen Vorschlag eines Straf­rechtsprofes­sors aufgreifen, welcher sagt, dass bei Drohungen und häuslicher Ge­walt Hausdurchsuchungen angeordnet werden sollen. Dabei müsste ein spezielles Au­genmerk auf Waffen gerichtet werden. Die Abgabe der Armeewaffe zur Aufbewah­rung ausser Hauses ist bereits eine alte Forde­rung.

Niederschwellige Kampagnen nötig

In den Kantonen braucht es niederschwellige Angebote für gewalttätige Personen und für Opfer. Diese Angebote müssen auch für Fremd­sprachige zugänglich sein. Es ist erwiesen, dass Erwachsene, welche als Kinder bereits von Gewalt (mit)betroffen waren, tendenziell wieder zu Gewalttaten neigen. Aufgrund dieser Studien ist klar, dass eine breite Kampagne gegen Gewalt lanciert werden muss. Eine auch für Kin­der verständliche Kampagne!

Bereits seit einiger Zeit, fordere ich vom Bundesrat Lösungen für von häuslicher Gewalt mitbetroffene Kinder. Es geht leider nur schlep­pend voran. Des Weiteren müssen bereits vorhandene gut funktionierende Angebote (wie „Femmes Tische“ für Migrantinnen *) zur Prävention, für den Opferschutz und für Aufklärungsarbeit genutzt werden, das heisst es braucht dafür Schulungsmaterial und fi­nanzielle Ressourcen. Nur wenn wir auf allen Ebenen aktiv werden (privat, politisch, gesetzlich, finanziell) können solche Taten verhindert werden. Taten, die keine Ein­zelfälle sind, denn zwischen 2000 und 2004 starben in der Schweiz durchschnittlich 29 Frauen und 13 Männer pro Jahr wegen häuslicher Gewalt.**

Die Medien reden verniedlichend von einem Beziehungsdrama – für mich jedoch ist klar: wir sprechen von Mord.

Zur Person:

Yvonne Feri ist Nationalrätin (SP/AG), Gemeinderätin in Wettingen (Präsidentin Gesundheitskommission) und Co-Präsidentin der SP Frauen Schweiz.

 

Mann erschiesst seine Ehefrau und tötet sich selbst

Swissinfo / In einem Coiffeurgeschäft im aargauischen Wettingen ist es zu einem Ehedrama gekommen. Ein 51-jähriger Türke erschoss seine 40-jährige Ehefrau. Danach richtete er die Waffe gegen sich selbst. Noch am selben Tag erlag auch er seinen Verletzungen.
(sda-ats 3.Oktober 2012).

Zur Info:

* Femmes Tische: http://femmestische.ch/standorte.php

** Statistik häusliche Gewalt: http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/19/03/02/key/02/04.html

Rechtliches: Seit dem 1. April 2004 gelten in der Schweiz Gewaltdelikte in Ehe und Partnerschaft als Offizialdelikt, d.h. sie müssen von Amts wegen verfolgt werden. Darunter fallen insbesondere schwere und einfache Körperverletzung, wiederholte Tätlichkeiten, Drohung, Nötigung, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung. Dies gilt nicht nur für Ehepaare, sondern für alle heterosexuellen und homosexuellen Lebenspartnerschaften mit einem gemeinsamen Haushalt während des Zusammenlebens und ein Jahr darüber hinaus (für Ehepaare bis ein Jahr nach der Scheidung). Die genauen Modalitäten der Verfahrenseinstellungen sind im Opferschutzgesetz geregelt. Am 1. Januar 2007 trat der neue Artikel im ZGB 28b in Kraft, welcher es ermöglicht, auf zivilrechtlichem Weg eine Wegweisung und Rückkehrverbot auszusprechen. Seit dem 10. Dezember 2009 gibt es mit „Zwüschehalt“ (siehe: www.zwueschehalt.ch ) das erste Familien- und Väterhaus der Schweiz. (Quellen; Wikipedia et.al., Red.).

 

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