Haus der Religionen in Bern eröffnet

swissinfo

Ein grosses, topmodernes Haus für fünf Religionen: In Bümpliz, einem früheren Arbeiterquartier der Bundesstadt Bern, beten Christen, Mus­lime, Hindus, Buddhisten und Aleviten zwar gesondert in eigenen Kultusräu­men. Aber im Herzstück des neu eröffneten "Haus der Religionen" treffen sich die Anhänger der verschiedenen Glaubensrichtungen und pflegen den Dialog der Kulturen. 

Denn die Steinmetze und die Maler sind extra aus dem südindischen Bundesstaat Tamil Nadu angereist. "Es war ziemlich schwierig, ihre Visa zu beschaffen. Das Prozedere schien endlos, jeder Schritt entfachte einen neuen Papierkrieg," erzählt Priester Sasikumar Tharmalinguam, der im Haus der Religionen die hinduistischen Gottesdienste leiten wird. "Endlos ist noch harmlos ausgedrückt…", widerspricht Brigitta Rotach, Verantwortliche des Kulturprogramms der Institution. 

Von der gemeinsamen Utopie zum eigenen Haus 

Damals moderierte Brigitta Rotach, eine Zürcher Theologin jüdischer Herkunft, die Sendung "Sternstunde Religion" am Deutschschweizer Fernsehen. Dort lernte sie Hartmut Haas kennen, Pfarrer der evangelischen Herrnhuter Brüdergemeinde und langjähriger Geschäftsführer des Berner Vereins "Haus der Religionen - Dialog der Kulturen". Haas hatte zuvor einige Jahre in Palästina gelebt, es war die Zeit kurz nach dem 11. September 2001, und die ganze Welt sprach vom "Zusammenprall der Kulturen". Er kam mit einem Iman und einem Rabbiner zusammen, zu dritt ent­warfen sie die Utopie eines Hauses, unter dessen Dach die Religionen gemeinsam zu Hause sind. 

Zu diesem Zeitpunkt sind sich die Väter dieser Idee sehr wohl bewusst, dass die Mauern nicht wie ein Wunder aus der Erde wachsen würden. Doch Hartmut Haas will nicht warten, bis das Haus da ist. Erster Begegnungsort ist die Küche seiner Privatwohnung, alsbald findet er ein Lokal in der Stadt, das bereits den Namen "Haus der Kulturen" trägt und wo die Religionsgemeinschaften bereits ein Restau­rant betreiben, sowie Sprach-, Integrations- und Yogakurse anbieten. Dann zieht die Institution in eine Holzbaracke um. Die Hindus haben einen kleinen Tempel, die Buddhisten, die Aleviten (keine dogmatischen, ein Zweig der Schiiten) und die Herrnhuter Brüdergemeinde versammeln sich dort zum Gebet und zur Meditation. 

Notwendigkeit als erstes Gebot 

Das neue Gebäude am Europaplatz hat mit den alten Lokalitäten aus frühen Jahren jedoch nichts mehr gemein. Der brandneue Komplex beherbergt auf zehn Stockwer­ken ein Hotel, Büros, Wohnungen, Einkaufsmöglichkeiten und als Herz­stück das "Haus der Religionen". Dieses besteht aus einem grossen Gemeinschafts­raum und einer Reihe kleinerer Räume, die für gemeinsame Aktivitä­ten gedacht sind. Rundherum, auf zwei Stockwerken verteilt, befinden sich die Ge­betsräume der fünf Religionen: Christen, Muslime, Hindus, Buddhisten und Alevi­ten. 

Bern Hauptstadt der Toleranz? 

le sind sich einig: Hartmut Haas und die Herrnhuter Brüdergemeinde sind die trei­bende Kraft in diesem bernischen Abenteuer. Der katholische Theologe Toni Hodel vermutet, dass es auch anders hätte enden können. "Doch wir pflegen hier schon seit langer Zeit den Dialog - in provisorischen Räumen, die dem Haus der Religio­nen vorausgegangen sind", präzisiert er. 

Der albanische Imam Mustafa Memeti würdigt das Projekt mit lobenden Worten: "Es war Schicksal und der Wille Gottes, dass die fortschrittlichen Kräfte der verschie­denen Religionsgemeinschaften miteinander in beispielhafter und konstrukti­ver Art für die Realisierung dieses einzigartigen Projektes zusammenarbei­teten". Und Ralph Friedländer, Präsident der jüdischen Gemein­schaft von Bern, betont, dass ein Projekt, das die Verständigung und den Dialog fördert, "einen dauerhaften Beitrag zum Frieden und dem gegenseitigen Verständ­nis leisten muss." 

Für Körper und Geist 

Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass wir nicht die Welt retten werden", weiss Bri­gitta Rotach. "Doch das Haus der Religionen wird sein gesetztes Ziel erreichen und kann in Bern zumindest etwas dazu beitragen. Sollte jemand Berührungsängste haben mit andern Religionen, dann könnte schon eine Begegnung mit Andersgläubi­gen den Abbau von Vorurteilen fördern". 

Ein Tisch ist der ideale Ort für Begegnungen, deshalb ist im Erdgeschoss des Hau­ses ein Restaurant untergebracht. Sasikumar Tharmalinguam steht hinter den Koch­töpfen und bietet ayurvedische Mahlzeiten an, eine "100%-ig vegetarische Küche, die Ihr Leben verlängert". Ein Teil des Gemüses kommt aus dem eigenen Garten des Hauses, die Frauen backen Kuchen für die Nachmittage und die Wochen­enden. 

Jedem seinen Glauben 

Wer die Räume der Gemeinschaften besucht, wird feststellen, dass alle Religionen versuchen, ihre Eigenheiten zu bewahren. "Wir animieren zum Dialog, aber wir wer­fen nicht alle in einen Topf, unterstreicht die Kulturanimatorin. Es geht nicht darum, gleich zu sein und die Religionen auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner zu redu­zieren. Ich erinnere mich an junge Gläubige, die in Debatten vehement ihre Wahr­heit verkündeten und zugeben mussten, nur mit Mühe die Wahrheit anderer akzeptie­ren zu können. Solche Diskussionen sind mir willkommen, sie wirken bele­bend, und es ist zu hoffen, dass sich ein Publikum einfindet, das mit Verve den eige­nen Glauben verteidigt", so Rotach. 

Auch jene wachsende Zahl von Menschen in der Schweiz, die einem Glauben im­mer weniger abgewinnen können, sind im Haus der Religionen willkommen und können von unseren Angeboten profitieren. "Das Restaurant, die Yogakurse, die Filmvorführungen werden Leute anziehen, und man kann ayurvedisch essen, auch ohne davon überzeugt zu sein. Wir müssen auch den Leuten etwas bieten, die sich nicht leidenschaftlich mit Fragen nach der Wahrheit beschäftigen", unterstreicht Brigitta Rotach. 

Von Marc-André Miserez, Bern, swissinfo.ch
(Übertragen aus dem Französischen von Christine Fuhrer) 

Siehe Haus der Religionen:

http://www.haus-der-religionen.ch/ 

Ps: Gerda Hauck, Präsidentin Verein Haus der Religionen – Dialog der Kulturen war seit der Gründung im Jahr 2008 Präsidentin auch unseres Vereins für soziale Gerechtigkeit bis 2011. Wir gratulieren und sind sehr geehrt. (Red.)

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