Herabsetzung des Rentenalters, nicht Hinaufsetzung

Paul Ignaz Vogel

In der Schweiz wird immer wieder über die Hinaufset­zung des Rentenalters debat­tiert. Im Zuge einer weiteren Diskriminierung der einen Hälfte der Bevölkerung, der Frauen nämlich, sollen diese neuerdings  ins höhere Rentenalter 65 eingestuft und so mit den durchschnittlich besser verdienenden Männer gleich gestellt werden. Wo­bei die strukturelle Lohnun­gleichheit bestehen bleibt.

Das Bauhauptgewerbe gibt der schweizerischen Arbeitsgesellschaft ein gutes Bei­spiel dafür, dass es mit der systematischen Herabsetzung des Rentenalters auch anders ginge. Seit zehn Jahren können die Arbeitnehmen­den dieser Branche von einer vorzeitigen Pensionierung mit 60 Jahren profitieren. Eine wissenschaftliche Studie hatte zuvor ergeben, dass infolge eines Renten­alters über 60 Jahren rund 40% der Arbeitenden von Invalidität oder frühzeitigem Tod betroffen wurden. Die Her­absetzung des Rentenalters auf 60 Jahre brachte ihnen somit mehr Lebensjahre und eine höhere Lebensqualität in der Zeit der Pensionierung. 

Die sozialpartnerschaftliche Einigung ergab sich nach einem heftigen Streik. Daraus resultierte ein spezieller Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Zu die­ser gesell­schaftlichen Kultur, durch Arbeits-Konflikte strukturelle neue Lösun­gen zu finden, gehört auch das alternative und zukunftsweisende Finanzierungsmo­dell des flexiblen Alters­rück­tritts. Im Grunde genommen handelt es sich um eine Art kleiner AHV, welche die einge­nommenen Prämien in einem Umlagever­fahren wie in der AHV umgehend weiter gibt und nicht in einem Kapitalde­ckungsver­fahren wie bei den BVG-Renten hortet - und dann oft auch verspekuliert. 

Ueli Mäder, Professor für Soziologie an der Uni Basel, wies auf den in der Öf­fentlich­keit oft schief gelagerten Diskurs über die Alterspyramide und die Überalte­rung der Gesellschaft hin, mit der politisch nutzbare Ängste geweckt werden. In un­serem Land ist die Zahl der Menschen unter zwanzig Jahren grösser als die Zahl der Menschen über 65. Das Umgekehrte von der oft befürchteten und herbeigeschriebenen Über­alterung unserer Gesellschaft  trifft also zu. Populistische Angstmacherei in der Diskussion über das Rentenalter ist somit nicht angebracht. 



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