Hilfe zur Selbsthilfe: Strassenmagazin Surprise ermöglicht eine Horizonterweiterung

Paul Ignaz Vogel

Rund 350 sozial Benachteiligte verkaufen in der Deutschschweiz das Strassenmagazin Surprise. Die Menschen in sozialer Ausgrenzung gewinnen mit dem Verkauf etwas Geld, einen Ansatz zum selbst bestimmten Leben und Selbstvertrauen. Zur Information einer breiteren Öffentlichkeit ist kürzlich das Buch „Standort Strasse“ mit Porträts von Verkaufenden erschienen. 

Eine dieser Verkaufspersonen ist Lisbeth Schranz. Sie meinte denn auch an der Medienvorstellung des Buches „Standort Strasse“, das auch von ihr angebotene Magazin bringe den LeserInnen eindeutige Vorteile, eine Horizonterweiterung. Es gehe nicht nur darum, im Zeichen des guten Willens von wohltätigen Menschen, den herumstehenden VerkäuferInnen ein Heft abzukaufen. Sondern auch darum, die Publikation zu lesen und sich mit dem Inhalt auseinander zu setzen. 

Lisbeth identifiziert sich mit dem, was sie verkauft. Ihre Motivation darf als sehr hoch angesehen werden, und dies trifft  gewiss auf die Mehrzahl der Verkaufenden zu. Diese sehr intelligente Hilfe zur Selbsthilfe von Surprise gibt den Benachteiligten etwas in die Hände, das sich sehen lässt. In den Heften melden sich ja auch die Surprise-VerkäuferInnen selbst intensiv zu Wort. 

Engagement für jeden einzelnen Menschen 

Kommt dazu, dass ein ganz wesentlicher Teil des Verkaufserlöses der Publikation in die Tasche der Benachteiligten fliesst, so dass diese sich ein bescheidenstes Leben am Rande der Gesellschaft leisten können, ohne erniedrigend zu betteln oder in die Zwangsjacke behördlichen Wohlwollens steigen zu müssen. Oft sind auch die Surprise-Erlöse bloss ein Zubrot zu spärlichsten Einnahmen, Minimalrenten, Teil-Renten, anderen Versicherungsleistungen oder Sozialhilfen. 

Die Verwaltungsadministrationen von Bund, Kantonen und Gemeinden knurren oft, und der Kampf gegen die mitunter schwierige Bürokratie - für die Menschen ganz unten in der Gesellschaft - wird treffend von Paola Gallo, Geschäftsleiterin von Surprise in einem Artikel des Buches „Standort Strasse“ beschrieben. Sie weiss, dass es für dieses Engagement Kraft braucht. Die Geschäftsleiterin von Surprise schreibt: „Eigenwillig wie die Menschen, für die wir uns einsetzen, sind auch wir, der „Verein Surprise“. Unser Einsatz gilt der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Menschen, die bei uns eine Arbeit finden“. Das Projekt Suprise wird daher zu zwei Dritteln durch den Verkaufserlös, zu einem Drittel durch Spenden und Sponsoring getragen. Um staatliche Hilfe wird absichtlich nicht gebeten. 

Bittere Erfahrungen und Lebensweisheiten der Betroffenen 

Was die Surprise-Verkäuferin Lisbeth Schranz mit Horizonterweiterung meint, kann in den zahlreiche Porträts nachgelesen werden, welches das Buch „Standort Strasse“ anbietet. Es ist sehr beschämend für Wohlhabende und Privilegierte in der Schweiz, nachzulesen, mit welchen bitteren Wahrheiten und Lebensweisheiten die Benachteiligten aufwarten können. Da ist ja auch sehr viel Erstaunliches und Wahres zu lesen.   

Ghide Gherezgihier  aus Eritrea arbeitet gegenwärtig in einem Beschäftigungsprogramm seiner Wohnsitz-Gemeinde und darf nicht mehr Surprise-Hefte verkaufen, sonst würde seine Familie die Ergänzungsleistungen für die Kinder verlieren. Sein Lebensgefühl hier in der Schweiz fasst Ghide so zusammen: „Ob auch meine Zukunft hier liegt? Keine Ahnung. Vielleicht schicken sie uns weiter, vielleicht bekomme ich die B-Bewilligung und kann endlich Geld für meine Familie verdienen. Aber ich stelle keine Forderungen und habe auch keine Erwartungen. Ich muss akzeptieren, dass unser Schicksal nicht in meinen Händen liegt.“ 

Auch Özcan Ateʂ wird nicht von Bitternis zerfressen, wenn er festhält: „Auch mein Rollstuhl macht mich noch nicht arm. Der hält mich nämlich nicht davon ab, Neues auszuprobieren….(Anmerkung Red Hälfte/Moitié: Özcan übt im Fechtsport) … Ich habe mein Vertrauen in offizielle Organisationen verloren. Da gibt es viele Sonntagsredner. Es fehlt eine Partei für Handicapierte. Viele Leute haben Mühe, Leute im Rollstuhl ernst zu nehmen. Jemand, der tiefer sitzt, wird auch tiefer bewertet.“ 

„Obwohl ich blind bin, habe ich keine IV und beziehe auch kein Geld vom Sozialamt“, sagt Dragoslav „Paul“ Pavlovic zum Surprise-Interviewer. Und: „Lieber sterbe ich, als nochmals mit Ämtern zu tun zu haben. Da fühle ich mich bevormundet, erniedrigt und gedemütigt.“, Nach seiner späten Erblindung mit 57 Jahren hätte er von den Behörden statt Hilfe nur Befehle erhalten. 

Jeder Mensch ist halt ein Individuum, ein Subjekt, mit subjektiven Leiden, Qualitäten und Freuden, nicht nur ein Verwaltungsobjekt. Überrascht diese Erkenntnis? Surprise? 

* * * 

Verein Surprise als Herausgeber:

http://www.vereinsurprise.ch/ 

STANDORT STRASSE

Menschen in Not nehmen das Heft in die Hand 

Porträts aus achtzehn Jahren „Surprise Strassenmagazin“.

Aufgezeichnet von Olivier Joliat und fotografiert von Matthias Willi. 

Erschienen im  Christoph Merian Verlag  Basel, 2015

152 Seiten, 59 farbige Abbildungen, Klappenbroschur

ISBN 978-3-85616-679-3

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