IG Sozialhilfe zum Internationalen Menschenrechtstag: Prekariat in der Schweiz

Paul Ignaz Vogel

Arbeitnehmende von ganz unten in der Gesellschaft erleben viel Armut. Und Wander-MigrantInnen aus Osteuropa und der iberischen Halbinsel erdulden eine spezielle Ausbeutung. In ihrer aufgezwungenen Isolation können sie sich nicht wehren. Ein Aufklärungsabend der IG Sozialhilfe im Zürcher Kafi Klick zeigte jedoch Möglichkeiten zur kollektiven Selbsthilfe.

Eine aufgestellte Stimmung mit menschlicher Nähe herrschte am Internationalen Menschenrechtstag, 10. Dezember 2015 im Kafi-Klick in Zürich (Gutstrasse 162). Nach dem gemeinsamen Nachtessen wurden die Tische weggeräumt, Bänke und Stühle zurecht gerückt. Das Zürcher Kafi-Klick ist ein Treffpunkt für Armutsbetroffene, Ausgegrenzte, Benachteiligte. Es bietet gratis Instruktionen und Nutzung von IT und Internet an zur Überwindung des digitalen Grabens - unter welchem die Benachteiligten in unserer Gesellschaft besonders leiden. Im Kafi klick herrscht so der Geist der Geschwisterlichkeit. Hilfe erfolgt gegenseitig; alle haben gleiche Rechte und Pflichten. Das Kafi Klick wurde von der IG Sozialhilfe gegründet. 

Schicksal der working poor 

Branka Goldstein, Präsidentin der IG Sozialhilfe führte am 10. Dezember ins Thema des Abends ein. Die prekäre Lohnarbeit nimmt auch in der Schweiz zu. Viele Unternehmen senken die Arbeitskosten, es entsteht Arbeit auf Abruf. Und die working poor werden in ihren Teilzeitanstellungen gegeneinander ausgespielt. Damit können auch Lohnkosten gespart werden, denn für Minijobs (oft nur temporär) müssen keine Beiträge für die 2. Säule der Altersvorsorge (BVG) bezahlt werden. Die Schweizer Post AG lagert zum Beispiel ihren internen Fahrdienst an eine andere Firma aus. 187 fest Angestellte verlieren ihre Stelle. Sie werden zum Teil im neuen Unternehmen beschäftigt, zum Teil auf Abruf im sehr tiefem Stundenlohn. Diese  Erosion des ersten Arbeitsmarktes fördert ein weiteres Ansteigen des Prekaritäts und der Armut. Branka erinnerte auch an das Leid der Kinder in Armut. Für sie wird keine Zeit, kein Geld, keine Kraft für die Förderung gefunden. Sie bleiben arm, Armut vererbt sich. Und Armut macht krank. 

Menschenrechte der Arbeitnehmenden 

Javier Lopez, Soziologe aus Peru arbeitet seit einigen Jahren im Billigstlohnsektor in der Schweiz. Er referierte über die Geschichte der Ausbeutung der Menschen durch die Menschen und die Entstehung der Menschenrechte. In Europa des Mittelalters beuteten die feudalen HerrscherInnen (KönigInnen etc.) die Arbeit der Bauern aus, um sich so zu bereichern. Mit der Entdeckung Amerikas erreichten neue Schätze in Silber und Gold Europa und dienten den Eliten zur Bereicherung. Erst die französische Revolution setzte dem feudalen Herrschaftssystem ein Ende. Die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit entstanden. Es folgte die Industrialisierung Europas mit der Entdeckung der Dampfkraft, die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert und die Entstehung eines dualen Systems Kapitalismus versus Sozialismus während des Kalten Krieges. Der Ideologie der Gleichheit stand die Ideologie der dominierenden Klasse der Reichen gegenüber. Aber auch im Kapitalismus gab es soziale Fortschritte. Sie mussten erkämpft werden, wie zum Beispiel der 8-Stunden-Tag. Dieser wird heute in der Phase der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ausgehöhlt. Von den fixen Arbeitsverträgen zu den flexiblen Arbeitsverträgen. Das ist sehr gut für die Herrschenden. Die Arbeitnehmenden leiden unter vermehrten psychischen Druck. Der Kampf der Benachteiligten auf dem Arbeitsmarkt ist somit angesagt: Für mehr Gleichheit, weniger Ausbeutung und für bessere Arbeitsbedingungen. 

Europäische WanderarbeiterInnen 

Die Erwerbslosigkeit der MigrantInnen in der Schweiz ist zwei bis dreimal höher als jene der Einheimischen. Sarah Schilliger, Dr. phil., Soziologin der Universität Basel wies zu Beginn ihres Referates auf diese Tatsache der Benachteiligung hin. MigrantInnen dienen als Puffer im schweizerischen Arbeitsmarkt. Sie sind vor allem tätig in den Branchen Gastronomie, Verkauf, Reinigung, Pflege, Landwirtschaft und Bau. Es gibt einen gesetzlichen Dschungel von verschiedenen Aufenthaltstatussen in unserem Land. Die Grenze dient als sozialer Filter. PendelmigrantInnen nutzen den Status als TouristInnen, bleiben drei Monate im Land und kehren dann – meist mit Fernbussen – wieder in ihre Heimat (Osteuropa, Spanien) zurück. Es gibt auf dem Arbeitsmarkt auch Firmen als Zwischenhändlerinnen, die zum Beispiel Pflegedienstleistungen, 24 Stunden im Tag, zum Preis von 1990.- Fr. monatlich verkaufen. Die Arbeitnehmenden erhalten dann im Schnitt Fr. 1000.- als Lohn. Mit Stereotypen wie „Pflege mit Herz“, „Fürsorge“, „Barmherzigkeit der Töchter aus dem Osten“ werden solche Angebote vorgebracht. 

In Basel bildete sich ein Kollektiv unter den polnischen Care-ArbeiterInnen. Sie wurden nach der Sonntagsmesse und in den Fernbussen angesprochen und mittels Flyern aktiviert. In der Gewerkschaft VPOD fanden sie Unterschlupf und konnten deren Infrastruktur nutzen. Sie demonstrierten auch am 1. Mai in Basel dagegen, dass sie für 24 Stunden Präsenz im Privathaushalt nur 6 Stunden bezahlt erhalten. 

Den polnischen Care-ArbeiterInnen gelang der Sprung aus der individuellen Isolation in die Aktivitäten einer Gemeinschaft. Im März 2015 konnte vor dem Arbeitsgericht Basel ein Erfolg verbucht werden. Ein ausbeuterisches Unternehmen musste einer Care-Arbeitnehmerin aus Polen rund 35.000.- für nicht entlöhnte, aber erbrachte Dienstleistungen zahlen. Ziel der Kampagne ist es auch, die isolierten Personen mit Dienstleistungen in Privathaushalten mit den schweizerischen Gepflogenheiten bekannt zu machen. Dazu gehört auch ein Mindestlohn von Fr. 18.35 in der Stunde. 

Sarah Schilliger hofft auf eine Ausbreitung der Netzwerke gegenseitiger Selbsthilfe der betroffenen MigrantInnen -  über alle Grenzen hinaus. Und auf eine eigentliche Care-Revolution.    

Zur Info: 

http://www.kafiklick.ch/ 

http://ig-sozialhilfe.ch/ 

http://respekt-vpod.ch/

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