Illettrismus - ein Tabuthema

Fabienne Ayer

Die Fachtagung zu Illettrismus fand am 28. Oktober 2016 in der Welle7 in Bern statt.

Zur Fachtagung „Lesen und Schreiben: Kursteilnehmende handeln“ lud das Bundesamt für Kultur zusammen mit dem Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben und dem Schweizerischen Verband für Weiterbildung ein. Die Tagung richtete sich an alle Personen, die am Thema Illettrismus interessiert sind. Dieses Jahr standen Illettristen aus fünf europäischen Ländern im Rampenlicht.

800'000 Erwachsene in der Schweiz können nicht richtig lesen und schreiben. Davon besuchen nur gegen 4'000 Betroffene einen Kurs, um es zu lernen. Während der Tagung standen Menschen auf der Bühne, die ihre Scham und ihre Ängste überwunden haben und einen Kurs besuchten oder immer noch besuchen. Gruppen aus Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Deutschland und aus der Schweiz berichteten vor Hunderten interessierten Tagungsteilnehmern von ihren Erfahrungen und ihren ersten Schritten in die Welt des Lesens und Schreibens. Speziell interessiert die Frage, wie Illettristen erreicht und für einen Kursbesuch motiviert werden können.

Frankreich, "la Chaîne des Savoirs" - die Wissenskette

Die Wissenskette ist ein Verein von Mitgliedern, der in elf verschiedenen Regionen in Frankreich tätig ist. Eine der Aufgaben der Wissenskette ist, die Problematik des Illettrismus bekannt zu machen und Betroffene anzusprechen. Wie werden solche Kontaktmöglichkeiten erschaffen? Die Wissenskette organisiert regelmässig eine "Brocante", einen Flohmarkt, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. In diesem Rahmen, verbunden mit einem Kaffee, finden erste Kontakt- und Austauschmöglichkeiten statt. Illettristen reagieren viel offener, wenn ihnen eine Geschichte von einem Betroffenen erzählt wird und sie nicht direkt für eine Kursteilnahme angesprochen werden.

Niederlande - die ABC-Botschafter

Als ABC-Botschafter in den Niederlanden bezeichnen sich jetzige oder ehemalige Kursteilnehmende im Bereich Lesen und Schreiben. Sie sind aktiv im Bereich Lobbying auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene. So organisierten sie zum Beispiel eine politische Aktion im Parlament. Sie sprachen mit Politikern, was es für sie im Alltag bedeutet nicht schreiben zu können. Wie zum Beispiel gestaltet sich die Kindererziehung und die Begleitung des Schulalltages, wenn Mutter oder Vater nicht Schreiben und Lesen können. Die Botschafter nehmen eine wichtige Rolle ein und werden von Organisationen aus dem Sozial- und Gesundheitswesen eingeladen, um ihre Erfahrungen zu schildern und um andere zu motivieren, ihre Grundkompetenzen zu verbessern.

Belgien - die Bewegung Lesen und Schreiben

Lesen und Schreiben wurde 1983 gegründet und hat drei Ziele: Die Öffentlichkeit und die Politiker auf den Fortbestand des Analphabetismus aufmerksam machen und dessen Ursachen zu bekämpfen und Lösungen zu suchen. Das Recht auf eine qualitativ hochstehende Alphabetisierung für alle Erwachsenen zu fordern und eine Alphabetisierung mit folgender Perspektive zu entwickeln: sie soll emanzipatorisch sein, die Teilnahme der Personen fördern und den sozialen Wandel zu mehr Gleichheit erhöhen.

Zusammen mit Betroffenen hat die Bewegung nun ein Spiel kreiert. "Das Spiel zu erfinden war aufwändig, hat mir aber viel Selbstvertrauen geschenkt", so eine Betroffene. Zielpublikum des Spiels sind 10-12jährige Kinder. Das Spiel dient als Sensibilisierungsinstrument in Schulen, um den Kindern aufzuzeigen, wie wichtig Lesen und Schreiben sind.

Deutschland - die ABC-Selbsthilfegruppe Oldenburg

Ziel der Gruppe ist es, anderen Mut zu machen und Selbstbewusstsein zu fördern. Der sehr schwere Schritt aus der Passivität soll erleichtert werden. Auf Wunsch wird konkrete Hilfestellung bei der Kursaufnahme geleistet. In Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen und Organisationen aus Bildung und Politik wird eine Verbesserung der Kursmöglichkeiten für Betroffene angestrebt.

Um Betroffene zu erreichen, hat sich die Gruppe für eine Plakataktion entschieden. Darauf sind Fotos und Namen von aktuellen oder ehemaligen Illettristen mit kurzen Aussagen wie: "Ich will, ich möchte, ich kann - besser lesen und schreiben" und die Telefonnummer der Selbsthilfegruppe vermerkt. Die Plakate werden dort aufgehängt, wo viele Menschen sind und auch in Arztpraxen. Denn viele Ärtze sind sich des Problemes nicht bewusst. Illetristen können die Packungsbeilagen nicht lesen und falsch eingenommene Medikament sind gefährlich. So sollen die Plakate nicht nur Betroffene ansprechen, sondern allgemein zur Sensibilisierung des Problemes in der Gesellschaft beitragen.

Westschweiz, die Gruppe der lernenden Experten

Lire et écrire, eine Vereinigung aus der Romandie, erklärt den Begriff ihrer "Experten". Als Experten werden jene bezeichnet, die das Lesen und Schreiben als Erwachsene lernten. Sie wirken als Botschafter und erzählen von ihrem Leiden und der Erleichterung, die sie empfunden haben, weil sie den ersten Schritt gewagt haben und nun an ihren Fertigkeiten arbeiten. Sie bezeichnen Illettrismus als sehr grosses Leiden, das zu Isolation führt, zu Ängsten, zu einem Gefühl des Alleinseins und sie erzählen von der Furcht der Blicke anderer Menschen als Illettrist erkannt zu werden. "Il faut avoir la pêche" - sagt eine Betroffene, was soviel heisst wie, man muss viel Kraft und Ausdauer haben, Lesen und Schreiben zu erlernen. "Aber es lohnt sich. Es hat mir riesige, ja unendliche Horizonte eröffnet."

tl_files/haelfte/csv/archiv/Fotos fuer NL/Illetrismus-Fachtagung 28.10.16.jpg

Die Gruppe aus der Westschweiz (Foto: F. Ayer)

Graubünden, eine Gruppe Kursteilnehmender

"Besser Lesen und Schreiben" wurde vor ein paar Jahren gegründet und hat zum Ziel, im ganzen Kanton Graubünden Kurse für Lesen und Schreiben für Erwachsene anzubieten. Im Moment gibt es Kurse im Engadin und in Chur. Die Kursteilnehmenden hatten die Idee eine Zeitung zu schreiben, so entstand die erste Nummer, eine Weihnachtszeitung. Mit dieser gingen sie auf die Strasse und hatten ein sehr positives Echo, so dass die Zeitung weiterhin produziert wird.

Anmerkung der Autorin

Die Präsentationen der betroffenen Illettristen aus verschiedenen Ländern stiessen auf sehr grosses Interesse beim Publikum. Mit kräftigem Applaus wurden die Reden unterstützt, insbesondere wenn man merkte, welche Herausforderung es für manche Illettristen bedeutete, Erfahrungen aus ihrem Leben vor Publikum zu berichten.

Weitere Informationen zu den einzelnen Gruppen:

Frankreich, die Wissenskette www.chainedessavoirs.org/

Niederlande, die Stiftung ABC: www.a-b-c.nu/

Belgien, die Bewegung Lesen und Schreiben www.lire-et-ecrire.be/

Deutschland, die ABC-Selbsthilfegruppe Oldenburg abc-projekt.de/selbsthilfegruppe// und für Betroffene abc-selbsthilfegruppe.de/

Westschweiz, Association Lire et Ecrire www.lire-et-ecrire.ch/


Informationen Schweiz zum Thema Illettrismus:

Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben www.lesenschreiben.ch
Der Dachverband Lesen und Schreiben ist die nationale Dachorganisation in den Bereichen Illettrismus und Grundkompetenzen.


Verein Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz www.lesen-schreiben-d.ch
Der 2011 gegründete Verein Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz bildet zusammen mit den sprachregionalen Vereinen den Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben, die nationale Dachorganisation im Bereich Illettrismus.

Netzwerk "Illettrismus" www.lesenlireleggere.ch
Das vom Bundesamt für Kultur initiierte Netzwerk zur Bekämpfung des Illettrismus ist eine Plattform aller Akteure, die in der Schweiz im Illettrismus-Bereich einsetzen.

Die Interessengemeinschaft Grundkompetenzen vertritt 21 Verbände und Organisationen, die sich für die Förderung der Grundkompetenzen in der Schweiz einsetzen.

Associazione LEGGERE e SCRIVERE www.leggere-scrivere.ch/

BAK - Bundesamt für Kultur www.bak.admin.ch
Das BAK setzt sich für die Bekämpfung des Illettrismus ein.

BFS - Bundesamt für Statistik www.bfs.admin.ch
Das BFS hat die ALL-Studie in der Schweiz durchgeführt und damit wichtige Erkenntnisse zum Ausmass der Problematik Illettrismus in der Schweiz geliefert.

SBFI Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation www.sbfi.admin.ch
Grundkompetenzen Erwachsener

Zurück


Unterstützen Sie den Mediendienst
Hälfte/Moitié mit einer Spende über PayPal:



Bitte teilen Sie unsere Artikel: