In$ide Paradeplatz: Alte raus, jung und willig ist gefragt

Lukas Hässig

UBS, CS, Bär, Zurich: Finanzdienstleister entlassen erfahrene Schweizer, Ersatz sitzt in Polen – Sozialpläne als billiger Trick. An Heiligabend 2015 gibt es für das Analystenteam der Zurich Versicherung nichts zu lachen. Die Leute fuchsten im Sommer Polen ein – nun haben die Neuen die Arbeit in ihr Land mitgenommen. 

Was der schlingernde Zurich-Konzern in diesen Monaten umsetzt, gilt bei den Banken längst als Courant normal. Alte, erfahrene Schweizer raus, junge willige Ausländer rein. 

Alles ist möglich. Die Arbeit wird von Zürich nach Krakau, Pune oder Nashville in eigene Servicecenters verschoben. 

Oder eine externe Firma in einem Billiglohnland, ein sogenannter Insourcer, übernimmt den Job gleich selbst. 

Oder aber die Inder kommen in die Schweiz. 

Bei der CS sassen plötzlich mehr Cracks aus dem Subkontintent bei vielen Informatik-Projekten im Programmierraum als vertraute Schweizer Gesichter. 

Assimilierte Europäer 

Arbeitsbewilligungen für Spezialisten aus Drittstaaten waren bis vor kurzem kein Problem. Vermittler platzierten die Inder ein Jahr lang in Spanien, um sie dann in der Schweiz bei den Finanzmultis einzuschleusen. 

Als assimilierte Europäer belasteten sie nicht das Kontingent der Drittstaaten. Moderne Schlepperdienste in der globalisierten Dienstleistungswelt.

Der ultimative Trend sind die Alten. Sie müssen wenn immer möglich raus. 

Und zwar mit 50. Spätestens. 

Die klammen UBS, CS, Bär & Co. schlagen damit zwei Fliegen auf einen Schlag.

Sie werden hohe Kosten los und scharen willige Junge um sich, die weniger allergisch auf Veränderungen reagieren. 

Im Kleingedruckten wird das Spiel „Teure Alte raus, günstige Junge rein“ erstmals bestätigt. 

Alte raus 

Die Kürzungen im Investment Banking und im Private Banking würden „durch die Einstellung von Hochschulabsolventen und Festanstellung von Zeitmitarbeitenden (Contractors) teilweise kompensiert“, schreibt die CS im Jahresbericht.

Die Alten lasten nicht nur schwer auf der momentanen Lohnliste. Sondern ihre Pensionskassenansprüche jagen die Kosten der Banken und Versicherungen nachhaltig in die Höhe. 

Bei der CS ging dieses Jahr das Gerücht um, dass der Maximallohn für die zukünftigen Renten massiv gesenkt würde. 

Kompensiert werden sollte der Ausfall durch eine Einmalauszahlung.

Es seien die Amerikaner im Konzern, die auf eine solche Reduktion der Renten drängen würden, hiess es. Für die Angelsachsen sind Rentenleistungen ein Unding.

Noch ist nichts entschieden. Doch die Episode zeigt, in welche Richtung die Reise geht: Schweizer und europäische PK-Fesseln sollen gesprengt werden. 

Es wäre der nächste Coup in einer langen Reihe von Sparmassnahmen auf dem Buckel der inländischen Senioren. Diese spielen sich unter dem Radar der Öffentlichkeit ab. 

Dafür sorgt ein Trick. 

Ewige Friedensverträge 

UBS, CS & Co. gelang es, mit ihren internen Personalverbänden, den „Eunuchen“-Organisationen der Banken und Versicherungen, ewige Friedensverträge abzuschliessen. 

Der Deal lautete: einige Erleichterungen für die Alten, im Gegenzug kein Aufschrei bei neuen Abbaurunden. 

Die Zückerchen kamen die Finanzunternehmen günstig zu stehen: ein paar letzte Frühpensionierungen, ein bisschen internes Jobhopping, Gratis-Laptop für die Stellensuche. 

Die wahren Kosten trägt die Allgemeinheit. Viele der älteren Banker und Versicherer, die auf der Strasse landen, müssen zum RAV. 

Die staatlichen Arbeitsvermittler wissen auch nicht weiter. Kurse zur Aufpeppung des eigenen CVs und Trainings für bessere Eigenvermarktung sind Beschäftigungstherapie. 

Wirklich helfen können sich die Betroffenen nur selbst. 

Nur: Wie? Bei der CS fallen in den nächsten Jahren Tausende von Stellen weg, bei der UBS läuft eine Grossverschiebung aus Zürich ins amerikanische „Exzellenz“-Center in Nashville. 

Die Julius Bär prüft Kooperation mit Indern, die Zurich zerschlägt ihren Hauptsitz.

Für die grossen Arbeitgeber, an deren Spitze die Boni immer noch üppig fliessen, geht die Rechnung auf. Sie lösen ihr Kostenproblem. 

Verlust von Know How

„Aus den Augen, aus dem Sinn“ macht für sie Sinn. Sind die Alten erst mal weg, lässt es sich günstig und widerspruchslos vorwärtsmachen. 

Wie schwer wiegt der Verlust an Know how und kritischem Hinterfragen? Die Frage bleibt im Raum stehen. 

Laut stellt sie niemand. 

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Quelle des Textes:

http://insideparadeplatz.ch/2015/12/24/alte-raus-jung-und-willig-ist-gefragt/

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Anmerkung der Redaktion Hälfte / Moitié 

Hälfte / Moitié befasst sich nicht nur mit Armut und Ausgrenzung, sondern ist ein Mediendienst zur Arbeit und Erwerbslosigkeit. Der Finanzplatz Schweiz mit seinem Sitz am Paradeplatz in Zürich ist auch ein interessanter Arbeitgeber. Wie es in Menschen verachtenden Unternehmens-Konzepten zugehen kann, schildert eindrücklich der oben stehende Beitrag von Lukas Hässig.    

Wir danken dem Autor und der Redaktion von „In$ide Paradeplatz“ dafür, dass wir diesen sehr informativen Text unseren LeserInnen zur Verfügung stellen dürfen und wünschen alles Gute fürs 2016. 

Redaktion Hälfte/Moitié

Siehe auch:

http://insideparadeplatz.ch/

 

 

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