Interview mit Philippe Perrenoud, Präsident der Konferenz der kantonalen GesundheitsdirektorInnen

Paul Ignaz Vogel

Die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und –direktoren (GDK) wählte an ihrer Plenarversammlung vom 22. / 23. Mai 2014 den berni­schen Gesundheitsdirektor Regierungsrat Dr. Philippe Perrenoud zum neuen Präsi­denten; am 1. Juli 2014 trat er das Amt an. Dem Mediendienst Hälfte / Moi­tié beantwortete Perrenoud Fragen zur interkantonalen Gesundheits- und Sozi­al­poli­tik.Thema: Gesundheit der armen Bevölkerung. 

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PIV: In seiner Antwort auf die Anfrage von Nationalrätin Yvonne Feri (SP/AG) über die Gesundheitskosten hält der Bundesrat in Bezug auf die Ver­netzung und die Interdisziplinarität fest: „Sicherlich ist auch eine umfassende Berück­sichti­gung der psychosozialen Aspekte einer Krankheit sowie des fa­miliären und be­ruflichen Umfelds sinnvoll.“ Wie steht es damit in den Kanto­nen?

Ich gehe mit dem Bundesrat völlig einig, dass psychosoziale Aspekte und insbesondere das familiäre und berufliche Umfeld sehr wichtig sind, um Krankheiten vorzubeugen. Kan­tone und Gemeinden nehmen diese Aspekte sehr ernst und integrieren sie in ihre Sozial- und Gesundheitspolitik. Mit Projekten wie primano (Stadt Bern) unterstützen Städte und Kantone die frühe Förderung. Der Kanton Bern wie auch viele andere Kantone engagieren sich unter anderem im Rahmen des Bündnisses gegen Depression für die psychische Ge­sundheit der Bevölkerung. Bei der betrieblichen Gesundheitsförderung sind vor allem die privaten Unternehmen gefragt — auch hier gibt es viele positive Ansätze, ausge­zeichnet durch das Label „Friendly Workspace", das durch die mit den Kantonen ver­bundene Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz lanciert wurde.

Grundsätzlich könnte überall noch mehr gemacht werden. Zum einen sind den Kanto­nen aber durch die beschränkten Finanzmittel gewisse Handlungsfreiheiten entzogen, zum anderen sind die Gesundheit und die Familie sehr private Bereiche, in welche der Staat nur soweit aktiv werden soll wie unbedingt nötig. Es gilt deshalb, Prioritäten zu set­zen und vor allem jene Teile der Bevölkerung zu unterstützen, die besonders gefährdet sind.

PIV: Gemäss der Antwort des Bundesrates sind soziale Beratung, Unterstüt­zung bei der Ernährungsumstellung und komplementärmedizinische Mass­nahmen nicht oder nicht vollumfänglich Pflichtleistungen der obligatorischen Kran­kenpflegeversicherung. Armutsbetroffene und Sozialhilfe-EmpfängerIn­nen verfügen meist nur über den obligatorischen Versicherungsschutz. Heisst das, dass diese Personengruppe bei den Gesundheit erhaltenden Präventiv­mass­nah­men automatisch leer ausgeht?

Was die Sozialberatung betrifft, gehen Sie von einer falschen Grundannahme aus. Sozialberatung gehört nicht ins Krankenversicherungsgesetz sondern in die Sozialhilfe, das ist auch richtig so. Schliesslich zahlen wir die Krankenkassenprämien nach dem Pro­kopf­prinzip, die Sozialhilfe wird hingegen mit Steuern finanziert, diese werden entsprechend der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit erhoben. Es wäre ein Fehler, wenn wir alle gesellschaftlichen Aufgaben mit dem KVG bewältigen wollten. Wir würden diese wichtige Versicherung überladen und eine weniger soziale Finanzierung bevorzugen. Bevölkerungsbezogene Präventionsprogramme sollen deshalb aus meiner Sicht primär über Steuermittel bezahlt werden und speziell jenen zugute kommen, die sie am meisten benötigen.

Ich gehe aber mit Ihnen einig, dass es im Gesundheitswesen überlappende Bereiche gibt, in welcher der Einsatz von Prämiengeldern für Gesundheitsförderung und Prävention sinn­voll ist. Abgestützt auf Art. 19 KVG zahlt jeder Versicherte Fr. 2.40 für die Gesundheitsförde­rung, diese Gelder werden über die oben genannte Stiftung der Kantone und Versi­cherer verwaltet. Auch in der Grundversorgung, z. B. Arztpraxis, sollte der Fokus ver­mehrt auch auf präventive Massnahmen wie Ernährungs- oder Rauchstoppberatung gelegt werden. Zurzeit ist eine Arbeitsgruppe daran, im Rahmen der nationalen Strategie „ nichtübertragbare Krankheiten" entsprechende Vorschläge zu erarbeiten.

PIV: Prävention und Gesundheitsförderung fallen heute primär in den Gesund­heits­bereich der Kantone, hält der Bundesrat auf seine Antwort an Nationalrätin Feri fest. Was unternimmt die Konferenz der Kantonalen Gesundheitsdirekto­rInnen (GDK) konkret?

Ein Hauptziel des Präventionsgesetzes, das von der GDK unterstützt wurde und vor zwei Jahren knapp scheiterte, war eine klarere Kompetenz- und Rollenteilung zwischen Bund und Kantonen. Nach diesem Nein gilt weiterhin die primäre Zuständigkeit der Kantone für den Bereich Gesundheitsförderung und Prävention, in vielen Bereichen ist aber auch der Bund tätig, manchmal sogar federführend. Es braucht deshalb eine gute Absprache zwi­schen Bund und Kantonen, diese wird über den Dialog „Nationale Gesundheits­politik" sichergestellt. 

Die GDK engagiert sich in den von Bund lancierten Präventionsprogrammen zu den Themen Ernährung/Bewegung, Alkohol und Tabak. Die Kantone haben in diesen und anderen Themenbereichen eigene kantonale Programme gestartet. 

Gerade im Bereich der psychischen Gesundheit sind in den letzten Jahren viele Ange­bote neu lanciert worden. Die GDK koordiniert diese über die zuständige Fachkonferenz, die Vereinigung der kantonalen Beauftragten für Gesundheitsförderung, VBGF. Die GDK stellt mit Heidi Hanselmann auch die Präsidentin der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz.

PIV:  Wie entwickelt sich das schweizerische Netzwerk psychische Gesundheit? Er­werbslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung haben ziemlich viel mit psychi­scher Erkrankung zu tun.

Das Netzwerk psychische Gesundheit wurde vor vier Jahren von der GDK zusammen mit dem BSV, dem seco, dem BAG und Gesundheitsförderung Schweiz gegründet. Inzwi­schen zählt das Netzwerk über 100 Mitgliedsorganisationen und ist zu der zentralen Vernet­zungs- und Koordinationsplattform im Bereich psychische Gesundheit in der Schweiz avan­ciert.

Die Themen Erwerbslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung waren von Anfang an wich­tig. Mit dem Einbezug des BSV (IV) und des seco bekam die Frage der beruflichen Integra­tion einen besonderen Stellenwert. Nächste Woche wird an der 3. Netzwerkta­gung in Ol­ten das Schweizer Manifest für Public Health verabschiedet. Da­rin wird fest­gehalten, dass die Förderung der psychischen Gesundheit eine Verbundauf­gabe ist: Wirt­schaft, Bil­dungs-, Sozial- und Gesundheitswesen sind gemeinsam gefordert. 

Der von Ihnen aufgeführte Zusammenhang zwischen Gesundheit und Armut wurde auch im Kanton Bern untersucht. Im 4. Gesundheitsbericht des Kantons Bern wurde u.a. aufgezeigt, dass Frauen und Männer im Erwerbsalter mit obligatorischer Schulzeit und keiner beruflichen Ausbildung zum Beispiel ein 3,7 Mal höheres Risiko haben, an starken Rückenschmerzen zu leiden als Gleichaltrige mit Universitätsabschluss. 

PIV: Könnte fachgerechte Gesundheitsförderung auch Gegenstand der Sozialhilfe sein, und wie steht es damit in den Kantonen der Schweizerischen Eidgenossen­schaft? 

Gesundheitsförderung sollte aus meiner Sicht ganz klar auch in die Sozialhilfe integriert werden. Es gilt dabei stets die Verhaltensprävention und die Verhältnisprävention zu unterscheiden. Bei der Verhaltensprävention geht es darum, die einzelnen Individuen zu befähigen, einen gesunden Lebensstil zu führen und ihre Gesundheitskompetenz zu stär­ken. Ein Projekt, das ich hervorheben will, ist Femmestische. Es bringt Frauen mit Migrationshintergrund zusammen, die sich in Diskussionsrunden im privaten oder institutionellen Rahmen mit Fragen zu Erziehung, Lebensalltag und Ge­sundheit auseinandersetzen. Solche Tische gibt es in der ganzen Schweiz, u.a. auch in Bern. Sie werden von den Kantonen mitunterstützt. 

Verhältnisprävention setzt dagegen bei den Rahmenbedingungen an, also bei der Existenzsicherung, dem Zugang zu Bildung und Gesundheitswesen, der Integration in die Arbeitswelt. Hier ist ein Zusammengehen von verschiedenen Politikbereichen nötig. Im Rahmen der „Nationalen Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut 2014-2018" setzen sich Bund und Kantone für die Verbesserung dieser Rahmenbedingungen ein.

PIV: Besten Dank für das Interview.

 

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